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Leere Plätze. Die EKD-Synode findet online statt.
© M. Assanimoghaddam/dpa

Sexueller Missbrauch in der Evangelischen Kirche: „Was fehlt, ist das klare Bekenntnis“

Bei der EKD-Synode ergriffen Betroffene des sexuellen Missbrauchs das Wort. Deutlich kritisierten sie das schleppende Tempo der Aufarbeitung.

„Wir haben gehört, wir haben gefühlt, und wir haben verstanden: Wir sind dran als Synode.“ Die Vizepräses der EKD-Synode, Elke König, stand sichtlich getroffen am Rednerpult im Bremer Congress-Centrum. Sie schlug die Errichtung einer synodalen Kommission zum weiteren Umgang mit dem sexuellen Missbrauch in der Kirche vor.

Vorausgegangen war ein emotionaler Nachmittag: Zum ersten Mal seit der Synode in Dresden 2019 haben Betroffene von sexuellem Missbrauch in der Evangelischen Kirche in Deutschland das Wort ergriffen. Mit deutlichen Worten kritisierten sie das schleppende Tempo der Missbrauchsaufarbeitung in der EKD. „Was mir heute immer noch fehlt, ist das klare Bekenntnis der Evangelischen Kirche zur Betroffenenbeteiligung“, sagte Detlef Zander. Er war als Kind in einem Heim der Korntaler Brüdergemeinde in der Nähe von Stuttgart missbraucht worden war. „Die EKD und die Diakonie sollten sichere Orte, Orte der sicheren Zukunft und des Vertrauens sein.“

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Der Mediziner Henning Stein, Vater eines missbrauchten Kindes, machte deutlich, dass die diskutierten Summen für Entschädigungen „schlichtweg lächerlich“ seien. „Ohne eine angemessene Entschädigung der Betroffenen hat die Kirche keine Zukunft“, sagte Stein. „Das Problem der Kirche ist es, dass sie immer die Deutungshoheit haben muss.“ Nötig sei eine staatliche Aufarbeitungskommission nach angelsächsischem Vorbild. Und die Betroffene Nancy Janz machte deutlich, dass der EKD eine gemeinsame Vision und Zielsetzung für den Umgang mit sexuellem Missbrauch und übergriffigem Verhalten fehlt. „Ohne Vision und klare, überprüfbare Ziele bleibt auch das Ziele der Betroffenenbeteiligung unklar“, sagte Janz. „Die Konstituierung eines neuen Betroffenenbeirats kommt unter diesen Bedingungen für uns nicht in Frage.“

Viele Bischöfe räumten ihr Versagen beim Aufbau des Betroffenenbeirats ein

Denn Zander, Stein und Janz waren Mitglieder des Betroffenenbeirats der EKD, der im Sommer aufgelöst wurde. „Nach fünf Rücktritten und einer Spaltung des verbliebenen Beirates, die bis zu einem Antrag auf Auflösung des Gremiums reichte, da keine Vertrauensbasis für die weitere Zusammenarbeit bestehe, mussten wir am Ende die Verantwortung übernehmen und die Arbeit des Gremiums aussetzen“, sagte der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns. Er hatte vor den Synodalen den Bericht des Beauftragtenrates der EKD vorgelegt. Emotionslos und nüchtern sprach er in die Kamera. „Täterinnen und Tätern muss klar sein, dass in unserer Kirche für ihre Verbrechen und Übergriffe kein Platz ist, dass jede Straftat zur Anzeige gebracht wird; zu oft wurde in der Vergangenheit weggesehen, geschwiegen und nicht gehandelt.“

Meyns zufolge hätten die für die Auszahlung von Leistungen an Betroffene zuständigen Anerkennungskommissionen der Landeskirchen bislang 942 Fälle sexuellen Missbrauchs bearbeitet, die teilweise bis ins Jahr 1949 zurückreichen. Um ein genaueres Bild zu erhalten, laufen derzeit einige Studien: So hat im vergangenen Monat der Forschungsverbund „Forum M“ seine Arbeit aufgenommen, der unter anderem Personalakten untersucht. Zudem soll es regionale Aufarbeitungskommissionen geben, die dazu beitragen sollen, das Ausmaß der sexuellen Gewalt in der Kirche zu erfassen.

Die Kritik der Betroffenen ließ sich damit nicht bei Seite schieben. Im Gegenteil. Vor den Synodalen räumten viele Bischöfe ihr Versagen beim Aufbau des Betroffenenbeirats ein. So sagte der Badische Bischof Joachim Cornelius-Bundschuh, dass ihm das Funktionieren eines kirchlichen Disziplinarverfahrens und die fehlenden Rechte, die Betroffene dort haben, lange nicht bewusst gewesen sei. Der frühere Berliner Bischof Markus Dröge räumte ein, dass im Fall einer Kindertagesstätte nicht alles gut gelaufen sei.

Und die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, die als Favoritin für die Wahl des Ratsvorsitzenden galt, zeigte sich zerknirscht. „Es ist klar, dass es in der Vergangenheit nicht gereicht hat“, sagte Fehrs. „Und es ist klar, dass jetzt eine Kulturveränderung kommen muss.“

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