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Demonstranten gegen Putin vor dem Brandenburger Tor in Berlin
© dpa/Kay Nietfeld

Freie Welt gegen Putin: Wegducken war gestern

Zeitenwende reicht als Begriff nicht mehr aus, Epochenbruch trifft es besser. Das begreift jetzt auch Deutschland. Ein Kommentar.

Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff

Das Bundespräsidialamt hat die ukrainische Flagge gehisst, die Menschen singen „Imagine“ von John Lennon und halten Transparente hoch, auf denen ein Ende des Krieges gefordert wird. Und ein Ende der Schreckensherrschaft von Wladimir Putin. Abertausende allein in Berlin, aber auch in Europa, ja weltweit sind einig, wer das Opfer ist – nicht der Tyrann in Moskau. Gut zu sehen, gut zu wissen.

Wann wurde aus dem im Bundestag Deutsch sprechenden, die Demokratie versprechenden russischen Präsidenten ein solcher Menschenverächter? Einer, der nun sogar die Atomwaffen abschussbereit machen lässt? Russland war nie demokratisch, doch unter Putin wird es sogar wieder stalinistisch. Nur diesmal mit Oligarchen, die das Land ausplündern. Der Mann im Kreml lässt morden, sogar mitten in Europa, und das Schicksal seines Volkes scheint ihm einerlei zu sein.

Die Sanktionen werden immer noch härter, und sie treffen: alle. Auch den Westen, ja, aber hier stimmen die Menschen ab, stimmen zu, in Parlamenten. Und mit den Füßen, auf Demonstrationen gegen Putin, für den Frieden. Das wird im Zeitalter von Social Media seine Wirkung nicht verfehlen. Vielleicht nicht heute, aber jeden Tag mehr, den Russland länger in der Ukraine steht. Und womöglich deswegen kommt es zu Verhandlungen.

Ukrainer und Russen sind Geschwister

Den Freiheits- und Selbstbehauptungswillen des ukrainischen Volkes soll niemand unterschätzen. Noch drei, vier Tage, und die russischen Streitkräfte geraten in Schwierigkeiten, militärisch. Moralisch sind sie es sowieso. Diese Bilder! Da stellt sich ein einzelner Mann den Truppen entgegen und schimpft, dass sie bloß Marionetten seien. Und die verstehen es, soviel ist sicher. Ukrainer und Russen sind doch Geschwister.

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Wie gut wäre es, wenn der bisher vermeintlich rationale Putin, der hier wie zeitweilig von Irrationalität und Emotionalität getrieben wirkt, sich irrte. Fundamental irrte. Wenn alle die recht hätten, die vorhersagen, dass wir gerade den Anfang vom Ende des Regimes Putin erleben. Des Tyrannen, der den Eindruck erweckt, er sie auf einer Mission, müsse sie vollenden. Weil ihm die Zeit davonläuft. Wie krank ist das denn?

Ja, wie krank. Und wie stark werden dagegen die Bündnisse des freien Willens, die Nato, die EU, die zivilgesellschaftlichen aus Gewerkschaften, Kirchen, Initiativen, Umweltschutzorganisationen und Friedensgruppen. Sie erhalten Zulauf, noch und noch.

Es ist eine Tragödie, dass – wie Annalena Baerbock gesagt hat – wir in einer anderen Welt aufgewacht sind. Aufgewacht, richtig, das sind wir alle. Zumal die Regierenden. Eine ganz große Koalition wird nun die Bundeswehr mit – über kommenden Jahre alles zusammengerechnet – hunderten Milliarden Euro ausstatten. Das auch in der Verfassung verankert.

Die Opposition sollte sich zurückhalten

Olaf Scholz, der Kanzler, hat es da an Richtlinienkompetenz nicht fehlen lassen. Die Opposition, voran Friedrich Merz, sollte sich hüten, jetzt irgendwo kleinlich zu werden, von Schulden zu sprechen – nein, es sind Investitionen in die Freiheit. Sagt Finanzminister Christian Lindner. Recht hat er.

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Zeitenwende reicht als Begriff nicht mehr aus, Epochenbruch trifft es besser. Seit George Bush dem Älteren Anfang der neunziger Jahre lautet das Angebot der USA an Deutschland, Partner in der Führung der westlichen Welt zu werden. Das Angebot wurde Mal um Mal gemacht und immer ausgeschlagen. Eine der größten Volkswirtschaften der Welt, zugleich eine ihrer stärksten Demokratien, kann jetzt aber nicht mehr umhin, sich dazu zu bekennen.

Der Vorsatz, gute Europäer zu sein und gute transatlantische Partner, lässt nichts anderes zu. „Alternativlos“ hätte das Angela Merkel genannt; sie hat nur nie danach gehandelt.

Jetzt ist alles anders. Putin hat die freie Welt, Europa, Deutschland herausgefordert, und alle zusammen haben sie die Herausforderung angenommen. Bundeskanzler Scholz hat sie angenommen. Gut zu sehen, gut zu wissen.

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