• Weniger arbeiten bei vollem Lohnausgleich: SPD-Vizechefin Midyatli fordert 30-Stunden-Woche

Weniger arbeiten bei vollem Lohnausgleich : SPD-Vizechefin Midyatli fordert 30-Stunden-Woche

Die Zeit sei reif, um die Arbeitszeit der Menschen in Deutschland flächendeckend zu reduzieren, sagt die stellvertretende SPD-Chefin Serpil Midyatli.

Serpil Midyati ist seit Dezember 2019 stellvertretende SPD-Vorsitzende.
Serpil Midyati ist seit Dezember 2019 stellvertretende SPD-Vorsitzende.Foto: Steffen Voß

Weniger arbeiten bei gleichem Lohn – was für viele Beschäftigte wie ein schöner Traum klingen mag, will die stellvertretende SPD-Vorsitzende Serpil Midyatli möglichst bald Realität werden lassen. „Gerade in der Coronakrise wird sehr deutlich, wie stark viele Menschen im Spannungsfeld zwischen Arbeit, Familie und Freizeit aufgerieben werden“, sagte sie am Dienstag dem Tagesspiegel. „Da viele Menschen gerade ohnehin die Arbeitszeit reduzieren müssen, wäre jetzt die Zeit gekommen, einen Modellversuch zu starten.“ Das Ziel der 44-Jährigen: eine „flächendeckende Verringerung der Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich“.

Damit bekräftigt Midyatli, die auch Vorsitzende der SPD in Schleswig-Holstein ist, einen Beschluss ihres Landesverbands vom Wochenende, der ebenfalls eine allgemeine Reduzierung der Arbeitszeit bei „vollem Personal- und Lohnausgleich“ fordert.

Das könne Beschäftigten nicht nur dabei helfen, Beruf, Familie und Ehrenamt besser unter einen Hut zu bringen. Die 30-Stunden-Woche, heißt es in dem Papier weiter, sei auch eine Antwort auf den Fachkräftemangel und könne einen Weg aus der Coronakrise aufzeigen. „Aufgrund der aktuellen Unterbeschäftigung ist das der richtige Moment für Modellprojekte. Unternehmen könnten so die Auswirkungen auf die Produktivität testen.“

Auch erhofft sich die Nord-SPD einen positiven Effekt auf die Tourismusbrache. Denn wer mehr Freizeit habe, könne deren Angebote häufiger in Anspruch nehmen.

Mehr als ein „Debattenbeitrag“?

Im Willy-Brandt-Haus fallen die Reaktionen auf die Idee verhalten aus. Von einem „Debattenbeitrag“ ist da die Rede.

Die Reduzierung der Arbeitszeit sei zwar kürzlich auch bei einer Online-Konferenz der Parteizentrale Thema gewesen. Vergangene Woche hatte SPD–Generalsekretär Lars Klingbeil zusammen mit Arbeitsminister Hubertus Heil und Fachleuten über die Lehren aus der Coronakrise für die Arbeitswelt diskutiert. Da sei die 30-Stunden-Woche „angerissen“ worden, heißt es im Willy-Brandt-Haus. Einen Beschluss dazu gebe es aber nicht.

Dass die stellvertretende SPD-Chefin die 30-Stunden-Woche ins Spiel bringt, passt zu dem Image der neuen Parteispitze um die Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, die sich beide deutlich linker positionieren als ihre Vorgänger.

Die SPD-Bundesvorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans.
Die SPD-Bundesvorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans.Foto: dpa

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So unterstützt Esken etwa die Forderung ihres Genossen Rolf Mützenich, des Fraktionschefs im Bundestag, nach einem Abzug aller US-Atomwaffen aus Deutschland. Auch will die SPD eine Vermögenssteuer einführen. Finanzminister Olaf Scholz, eigentlich kein Vertreter des linken Flügels, will die Reichensteuer „ganz sicher auch in unserem nächsten Wahlprogramm“ festschreiben.

Ob das auch für die Forderungen nach einer 30-Stunden-Woche gilt?

Jusos fordern seit 2016 die 30-Stunden-Woche

Zumindest bei den Jusos trifft Midyatli mit ihrem Vorstoß auf offene Ohren. „Wir Jusos fordern schon seit Jahren die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich“, sagt eine Sprecherin. „Wir wollen, dass technischer Fortschritt und steigende Produktivität zu mehr Lebensqualität für alle führen, nicht zu mehr Profit für wenige.“

Mit den Jusos hat Midyatli zwar einflussreiche Verbündete. Nicht nur ist deren Chef Kevin Kühnert ebenfalls Parteivize. Auch hat das Führungsduo aus Esken und Walter-Borjans ihr Amt nicht zuletzt der Unterstützung durch die Parteijugend zu verdanken. Dennoch ist fraglich, ob sich in der SPD eine Mehrheit für die 30-Stunden-Woche finden lässt.

Angesichts der mehr als sieben Millionen Beschäftigten in Kurzarbeit komme die Idee zur Unzeit, sagt ein SPD-Bundestagsabgeordneter. Auch bei den Gewerkschaften ist man skeptisch. „Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich steht derzeit nicht im Vordergrund“, heißt es bei der IG Metall.

Serpil Midyatli hält trotzdem an ihrer Idee fest. „Work-Life-Balance ist für viele Menschen das bestimmende Thema geworden“, sagt sie. „Denkverbote sind hier fehl am Platz.“

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