• Widersprüchliche Autopsien im Fall George Floyd: Berufsverband der Gerichtsmediziner verteidigt amtliche Untersuchung
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Widersprüchliche Autopsien im Fall George Floyd : Berufsverband der Gerichtsmediziner verteidigt amtliche Untersuchung

Eine von der Familie des getöteten George Floyd beauftragte Autopsie kommt zu einem anderen Ergebnis als die Behörden. Nun mischt sich der Berufsverband der Gerichtsmediziner ein.

Ein Wandgemälde in Minneapolis, Minnesota, erinnert an den getöteten George Floyd.
Ein Wandgemälde in Minneapolis, Minnesota, erinnert an den getöteten George Floyd.Foto: AFP/Stephen Maturen

Der US-amerikanische Verband der Gerichtsmediziner hat die Glaubwürdigkeit eines zweiten Autopsieberichts infrage gestellt, der von der Familie des bei einem Polizeieinsatz getöteten Afroamerikaners George Floyd in Auftrag gegeben worden war.

„Die unabhängige Autopsie ist diejenige, die von einem Mediziner unternommen wird, der - anders als private Pathologen - keinen Anreiz hat, zu einer bestimmten Sichtweise zu kommen“, heißt es in der Stellungnahme des Berufsverbands.

Der behördliche und der privat beauftragte Autopsiebericht unterscheiden sich in Hinblick auf die genaue Todesursache, außerdem erwähnt der offizielle Bericht Medikamente und Drogen im Blut von Floyd. Unbestritten ist jedoch, dass der Schwarze infolge von Gewalteinwirkung bei einem Polizeieinsatz starb, bei dem ihm ein Beamter minutenlang das Knie in den Nacken drückte.

Im offiziellen Bericht heißt es, die Todesursache sei ein Herz-Kreislauf-Stillstand infolge von „Druck auf den Nacken“. Außerdem benennt er eine Erkrankung der Herzkranzgefäße und hypertensive Herzerkrankung. In der Strafanzeige gegen den verantwortlichen Polizisten heißt es: „Die kombinierten Auswirkungen der Zurückhaltung von Herrn Floyd durch die Polizei, seine zugrunde liegenden Gesundheitszustände und mögliche Rauschmittel in seinem System haben wahrscheinlich zu seinem Tod beigetragen.“

Im Gegensatz dazu geht die von Floyds Familie beauftragte Autopsie von einer Erstickung aufgrund einer anhaltenden Kompression von Nacken und Rücken aus. In der vorläufigen Offenlegung der Ergebnisse heißt es, dass die Untersuchung „keine körperlichen Befunde ergab, die eine Diagnose einer traumatischen Asphyxie oder Strangulation stützen“. Die Autopsie ergab, dass die Kompression das Blut von Floyds Gehirn abgeschnitten hatte. Zudem habe das Gewicht auf seinem Rücken das Atmen erschwert. Demnach starb Floyd auch durch die Einwirkung weiterer Polizisten, die ihn niederhielten.

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„Nicht nur das Knie an Georges Nacken war eine Todesursache, sondern auch das Gewicht der beiden anderen Polizisten auf seinem Rücken, die nicht nur den Blutfluss in sein Gehirn, sondern auch den Luftfluss in seine Lunge verhinderten", zitiert die "New York Times" Antonio Romanucci, einen Anwalt der Familie.

Für die Untersuchung hatte die Familie des Toten Dr. Allecia M. Wilson von der University of Michigan und Dr. Michael Baden, einen ehemaligen New Yorker Gerichtsmediziner, angeheuert.

Floyd habe unter keinen gesundheitlichen Problemen gelitten, heißt es in dem Bericht. „George starb, weil er einen Atemzug brauchte, einen Atemzug“, sagte der leitende Anwalt der Familie Ben Crump auf einer Pressekonferenz am Montag.

Der Verband der Gerichtsmediziner verteidigte die für Floyds Autopsie zuständige Gerichtsmedizin von Hennepin County (Minneapolis) und dessen Chef, Andrew Baker, der zudem ein ehemaliger Vorsitzender der Berufsvertretung. Die in einem Positionspapier festgehaltenen Empfehlungen für die Untersuchung von Todesfällen in Polizeigewahrsam seien befolgt worden.

„Auch wenn die Öffentlichkeit Zweifel an der Miteinbeziehung natürlicher Krankheiten und des Drogenkonsums als „beitragend zum Tod“ auf dem Totenschein von Herrn Floyd hat, ist [die Nennung solcher Faktoren] ein übliches Vorgehen von Gerichtsmedizinern“, so der Berufsverband. Dies führe zu einem umfassenderen Verständnis der Gründe für einen Todesfall. Zudem wiesen die Gerichtsmediziner daraufhin, dass die Kategorie „Homizid" auf einem Totenschein lediglich als „Tod durch die Einwirkung einer anderen Person" definiert und nicht mit dem juristischen Begriff des Mordes gleichzusetzen sei.

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Protest gegen rassistische Polizeigewalt
Protest gegen rassistische Polizeigewalt

Bruder von Floyd fordert Ende der gewaltsamen Proteste

Der Tod des Schwarzen bei einem Polizeieinsatz hatte zu Ausschreitungen in etlichen US-Städten geführt, die teilweise in Gewalt und Plünderungen mündeten. Der Bruder von George Floyd, Terrence Floyd, forderte derweil ein Ende der Gewalt bei den Protesten in den USA. Die Demonstrationen müssten friedlich sein, sagte Terrence Floyd am Montag bei einer Mahnwache für seinen Bruder in Minneapolis.

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George Floyd hätte keine Gewalt gewollt. Terrence Floyd rief dazu auf, wählen zu gehen. In den USA stehen im November Präsidentschaftswahlen an.

Die vier Polizisten, die bei dem Eisatz beteiligt waren, wurden entlassen. Der Mann, der Floyd sein Knie auf den Nacken drückte, wird wegen Mordes angeklagt und ist in Untersuchungshaft. Ein weiterer Bruder von George Floyd, Philonise Floyd, hatte am Sonntag im Sender CNN gefordert, auch die anderen drei Polizisten, die beteiligt waren und nicht einschritten, müssten festgenommen werden. „Ich will Gerechtigkeit - jetzt.“ (Tsp, dpa)

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