Zum Tod von Erhard Eppler : Er war das Gewissen der SPD

Seine eigene Partei empfand ihn meistens eher als störend denn als hilfreich. Das war die persönliche Tragödie von Erhard Eppler. Ein Nachruf.

Erhard Eppler war Mahner, Warner, sein ganzes langes politisches Leben lang.
Erhard Eppler war Mahner, Warner, sein ganzes langes politisches Leben lang.Foto: imago images/Hoffmann

Erhard Eppler wirkt im Rückblick auf sein langes Leben und sein die Sozialdemokratie prägendes politisches Wirken heute wie ein Leuchtturm, der in stürmischen Zeiten Zeichen der Orientierung setzte. Dass seine eigene Partei, und vor allem jene, die für sie politische Macht ausübten, diesen Mann meistens eher als störend denn als hilfreich empfunden haben, ist seine persönliche Tragödie. Gesine Schwan, die Leiterin der SPD-Grundwerte-Kommission, hat Eppler vor zwei Jahren anlässlich seines 90. Geburtstages als Kassandra bezeichnet, jene Figur der griechischen Mythologie, die nahendes Unheil sieht, deren Warnungen aber nicht gehört werden.

Und Mahner, Warner, war Erhard Eppler sein ganzes langes politisches Leben lang. Das hing mit der Prägung durch das Elternhaus zusammen, aber eben auch mit der Umgebung. Er wuchs im württembergischen Bibelgürtel auf, jener Heimat der dem Pietismus nahestehenden, prinzipientreuen Protestanten.

Der gebürtige Ulmer verlebte die Kindheit in Schwäbisch Hall. Dort leitete der Vater eine Oberschule, die Mutter war das erste weibliche Mitglied des Stadtrates. Er studierte Englisch, Geschichte und Deutsch für das Lehramt, promovierte in Tübingen, und war bis 1961 Lehrer in Schwenningen am Neckar. Das war das Jahr, in dem er erstmals in den Bundestag gewählt wurde, dem er bis 1976 angehört hat.

Kämpferisch bis zuletzt

Als junger Mann nahm er noch zwei Jahre am Zweiten Weltkrieg teil. Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt und Erhard Eppler waren in der Ära der Kanzler Brandt und Schmidt die einzigen Minister, die den Schrecken des Krieges erlebt hatten. Alle drei prägte dieses Erleben in ihrem politischen Streben. Am stärksten war das bei Eppler spürbar.

Friedenspolitik auf der Basis des christlichen Menschenbildes war für ihn selbstverständlich. In der Suche nach Frieden und Gerechtigkeit war er für Pragmatiker der Machtausübung und des Machterhaltes in seiner Geradlinigkeit ein Schreckgespenst. Herbert Wehner, der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, nannte ihn den „Pietcong“, und bezog sich damit auf die pietistische Prägung Epplers wie auch auf dessen kämpferischen Geist.

Und kämpferisch war er, bei aller Verbindlichkeit des Gesprächs und aller Freundlichkeit im direkten Umgang mit den Menschen bis in seine letzten Tage. Noch am Anfang dieses Jahres rief er einen Arbeitskreis „Frieden 2.0“ ins Leben, weil er das Gefühl hatte, der Westen allgemein und die Bundesrepublik speziell fände nicht den richtigen Umgangston und Stil gegenüber Russland und Präsident Putin.

Dass er früher als andere Verwerfungen in der Welt-, Außen und Sozialpolitik erkannte, haben ihm seine Gegner innerhalb der eigenen Partei immer übel genommen, der politische Gegner ohnedies. Die CDU und die CSU vor allem konnten mit dieser Mischung aus Friedenspolitik und Protestantismus nichts anfangen.

Wie gut man auf dieser Basis aber Politik machen kann, zeigte er von 1968 bis 1974 als Bundesminister für Entwicklungspolitik. Er war der erste, der sich um das Schicksal afrikanischer Bauern sorgte und kümmerte. Vor zwei Jahren erinnerte er als Kommentator eines Dokumentarfilms daran: „Ich hab Anfang der 70er Jahre immer gesagt, Leute, wenn wir nicht mehr für Afrika machen, dann kommen wir unter einen Einwanderungsdruck, der uns zum Polizeistaat machen kann.“ Als ihm der Bundeskanzler Helmut Schmidt den Entwicklungsetat zusammenkürzte, trat er 1974 aus Protest zurück.

Erhard Eppler und Kanzler Willy Brandt: Die Schrecken des Krieges erlebt – und von ihnen geprägt.
Erhard Eppler und Kanzler Willy Brandt: Die Schrecken des Krieges erlebt – und von ihnen geprägt.Foto: imago images/Heiko Feddersen

Mehr Gerechtigkeit war sein Ziel

Um soziale Gerechtigkeit kämpfte er, als er 1971 beim Steuerparteitag der SPD ein Konzept gesellschaftlicher Veränderung unter anderem durch eine Erhöhung der Spitzensteuersätze auf 60 Prozent vorlegte. Er wollte so Geld für den Bau von Schulen und Kitas gewinnen. Da findet sich schon damals die Stimmung jenes linken SPD-Flügels wieder, der heute so verzweifelt nach Artikulation sucht, im Ringen um die Zusammensetzung des neuen Parteivorsitzes und die Themen beim Parteitag im Dezember.

Auch der Epplersche Versuch, Russland besser zu verstehen – er unterstützte die Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss, die 1982 zum Rücktritt von Helmut Schmidt führten – wirkt heute aktuell und findet sich auch im Arbeitskreis „Frieden 2.0“ wieder.

Politik war für Eppler immer Mittel zur Veränderung der Gesellschaft hin zu mehr Gerechtigkeit auf der Basis des christlichen Menschenbildes. Beim Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart erlebte man ihn zuletzt so in seinem Element: Ruhig, konzentriert, mit fester Stimme bei der Bibelarbeit, jenem Spezifikum der protestantischen Laientreffen. Er war das Gewissen seiner Partei. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

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