Zusammenleben der Generationen : Wir schulden unseren Eltern keine Pflege

Müssen wir unsere Eltern pflegen? Nein, schon weil wir sie nicht mit Kleinkindern verwechseln sollten. Aber wir dürfen. Ein Essay.

Zuwendung kann glücklich machen - Pflege durch eigene Kinder auch? Das hängt von der Beziehung ab.
Zuwendung kann glücklich machen - Pflege durch eigene Kinder auch? Das hängt von der Beziehung ab.Foto: Mascha Brichta/dpa-mag

Manchmal kann man in Familien eine Art generationenübergreifendes Naturgesetz beobachten: Wenn der letzte Enkel endlich trocken ist, brauchen die Großeltern die erste Windel. Als handle es sich um kommunizierende Röhren, deren Gesetzmäßigkeiten auch auf Familien anwendbar sind, tritt das menschliche Werden und Vergehen in seinem physikalischen Prinzip zutage.

Was aber ist zu tun angesichts dieses Prinzips? Wie soll der Mensch sich dazu verhalten – vor allem der Mensch in der Mitte, der vielleicht zugleich in beide Richtungen Windeln wechseln kann, muss, darf – oder auf keinen Fall soll? 

Als der Sohn und Gesundheitsminister Jens Spahn in einer Talkshow im April sagte, er könne sich nicht vorstellen, seinen Beruf aufzugeben, um seine Eltern selbst zu pflegen, machte die Empörung darüber deutlich, dass in Deutschland eine breite Lücke klafft zwischen den geschriebenen und den ungeschriebenen Gesetzen: Die Jungen sorgen für die Älteren, das regelt der Generationenvertrag über die Rente, der Elternunterhalt nimmt die eigenen Kinder finanziell in Haftung, wenn die Eltern nicht aus eigener Kraft für sich sorgen können.

Das Gesetz enthält aber keinen Wickel-Passus, der besagt, dass die Kinder diese Pflege persönlich leisten müssen. Trotzdem, heißt es, wünschten sich das die meisten. Es existieren Erwartungen. Was also schulden wir unseren Eltern?

Aufschlussreicher ist, warum Kinder ihre Eltern pflegen

Nichts, sagt Barbara Bleisch, die in ihrem Buch „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ eben dies argumentiert: Es gibt keine Erbschuld qua Geburt. Die könne nicht einfach daraus abgeleitet werden, dass jemand ein Kind in die Welt setzt und dann seiner Sorgepflicht mehr oder weniger nachkommt.

Wer mit einer Schuld argumentiert, kommt auch schnell an Grenzen. Denn er müsste alles gegeneinander aufrechnen. In der Konkurrenz der Pflichten müssten dann vor- und nachrangige unterschieden werden: Welche Sorge ist die moralisch dringendere: die, für mich selbst zu sorgen, um später nicht dem Staat oder gar meinen Kindern auf der Tasche zu liegen, weshalb ich meinen Beruf nicht aufgeben kann, um fortan familiärer Altenpfleger zu sein? Die Pflicht, für meine Kinder zu sorgen? Für meine Eltern? Welches ist das höhere Gut, wenn die Eltern gegen die Kinder ausgespielt werden?

Natürlich schuldet man seinen Eltern nicht, das eigene Leben, alle Lebensvorstellungen, einfach zu beenden. Und nichts ist einfacher, als angesichts der rein praktischen Widerstände die Pflege der eigenen Eltern zu einem Ding der Unmöglichkeit zu erklären: finanziell, geografisch, sozial. Niemand hat eine Lücke im Leben, in die genau ein bis zwei Pflegefälle passen, bei Paaren bis zu vier. Die Eltern wohnen etwa am anderen Ende der Republik und können kaum in eine Stadtwohnung im vierten Stock ohne Aufzug geholt werden, außerhalb ihres sozialen Umfelds. Mit dem Pflegegeld allein kann man auch keine Arbeit ersetzen und eine eigene Familie unterhalten. Aus der kategorischen Schuld kann man sich einfach herausargumentieren.

Vielleicht muss man sich darum weniger ansehen, warum Leute, die ihre Eltern nicht pflegen wollen, das auch nicht tun müssen. Sondern vielmehr, aus welchen Gründen Kinder, die ihre Eltern pflegen, dieses tun. Dann wird schnell deutlich: Schuld ist der falsche Begriff. Er führt nicht zum Ziel.

Eine Frage der Beziehung

Anfang Juni schrieb die Journalistin Ruth Schneeberger in der „Süddeutschen Zeitung“, wie sie, nach deren Schlaganfall, zehn Jahre lang ihre Mutter pflegte. Sie schrieb diesen Text, weil diese bedingungslose Pflege extrem außergewöhnlich und eben nicht so selbstverständlich ist, wie es die allgemeine Erwartungshaltung und die immer wieder kolportierte Zahl von zwei Dritteln der zu Hause gepflegten alten Menschen suggeriert.

Schneeberger hat mit der Entscheidung, ihre Mutter bei sich in München aufzunehmen, gegen das komplette Unverständnis ihrer Umgebung gehandelt. Sie rät jedem, sich von Anfang an einen Anwalt zu nehmen, um die Krankenkasse auf Pflegeleistungen zu verklagen. „Damit sie davon mürbe wird und nicht ich.“ Das Ganze war überhaupt nur möglich, weil sie selbst keine Kinder hat. Und auch sie kam, obwohl sie sich hervorragend mit ihrer Mutter verstand und ihr Bruder ihr mit der Korrespondenz mit den Ämtern half, an die Grenzen ihrer Kräfte.

Doch zugleich hat es sich für die Autorin immer vollkommen richtig angefühlt, selbst nicht voll zu arbeiten, das Elternhaus zu verkaufen und das Vermögen ihrer Mutter sowie ihr eigenes für diesen Zweck aufzubrauchen. Warum?

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