• Zwischen Kollaps und Ignoranz: So unterschiedlich kämpft Lateinamerika gegen die Coronakrise

Zwischen Kollaps und Ignoranz : So unterschiedlich kämpft Lateinamerika gegen die Coronakrise

Im Kampf gegen das Virus geht Lateinamerika unterschiedliche Wege: Chile hat frühzeitig Ausgangssperren verhängt, in Ecuador sterben Menschen auf der Straße.

In ihrer Not bringen die Menschen in der ecuadorianischen Hafenstadt Guayaquil Tote im Privatauto zur Bestattung. Unterwegs wird das Auto desinfiziert.
In ihrer Not bringen die Menschen in der ecuadorianischen Hafenstadt Guayaquil Tote im Privatauto zur Bestattung. Unterwegs wird...Foto: REUTERS

ECUADOR

Ein Bild aus der Hafenstadt Guayaquil in Ecuador macht die Runde: „Ich habe die Notfallnummer angerufen und keine Hilfe bekommen“, steht auf einem Pappkarton. Darunter liegt eine in eine Decke eingewickelte Leiche auf einer Parkbank, rote Blumen auf der Brust, in die Bank geklemmt ein Sonnenschirm. Menschen, die auf der Straße tot umfallen, werden mit blauen Plastikfolien bedeckt und bleiben erst einmal liegen.

Guayaquil ist so etwas wie das lateinamerikanische Bergamo. Rund 70 Prozent aller Covid-19-Infektionen des Andenlandes wurden bislang dort registriert.

Das Gesundheitssystem ist kollabiert, die Kapazitäten der Bestatter und Leichenhallen sind erschöpft.

Die Stadtverwaltung stellt Pappsärge zur Verfügung und Polizei- und Postautos zum Abtransport der Leichen. Auch die Bürgermeisterin Cynthia Viteri ist infiziert und in Quarantäne. Sie gehört der rechten Opposition an, was die Koordination der Nothilfe mit dem linken Präsidenten Lenin Moreno erschwert.

In der Hafenstadt zirkulierte das Virus offenbar schon seit Jahresbeginn. Die von der Regierung im März verhängte Quarantäne kam für Guayaquil zu spät. Die Ecuadorianer dürfen nur noch einmal die Woche mit dem Auto fahren, ab 16 Uhr herrscht absolute Ausgangssperre und Hygieneprodukte werden zugeteilt. Bis Montag zählten die Behörden offiziell 3465 Infizierte und 318 Tote.

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NICARAGUA

Nicaragua zeigt derzeit andere Bilder. Da sind die Grenzen geöffnet, es wird Fußball gespielt, Staatsbedienstete werden zu Pro-Regierungs-Demonstrationen beordert und bei Verweigerung abgemahnt. Einem Bischof, der in Matagalpa eine Informations-Hotline zum Coronavirus aufmachen wollte, wurde das staatlich untersagt. Das Virus ist Chefsache, das heißt, allein das Präsidentenpaar Daniel Ortega und seine Frau und Stellvertreterin, Rosario Murillo, bestimmen.

Eigentlich ist es nur Murillo, die täglich per Telefon einem Regierungsradio Zahlen und Beruhigungsparolen durchgibt. Präsident Ortega wurde seit drei Wochen nicht mehr gesehen. Das heizt die Spekulationen an. Der 74- Jährige leidet unter Lupus und Herzproblemen. Die Nicaraguaner nehmen es mit Sarkasmus. In den sozialen Netzwerken verbreiten sie die Botschaft: „Mach es wie Ortega, bleib zu Hause.“ Offiziellen Zahlen zufolge gibt es in Nicaragua sechs Infizierte, einer starb.

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CHILE

Chile ist das andere Extrem. In der Hauptstadt Santiago de Chile hat Präsident Sebastián Piñera bereits frühzeitig eine drastische Ausgangssperre verhängt. Einwohner der Hauptstadt dürfen nur noch Lebensmittel und Medikamente einkaufen oder auf die Straße, wenn sie in lebenswichtigen Wirtschaftssektoren arbeiten. Und auch dann nur mit Gesichtsmaske. Die chilenische Polizei greift gegen Quarantänebrecher hart durch.

Das Coronavirus kam dem konservativen Staatschef gelegen, um die seit Monaten andauernden Proteste gegen seine Regierung abzuwürgen und ein Plebiszit über eine Änderung der noch aus Diktaturzeiten stammenden Verfassung zu verschieben. Im Rest des Landes dürfen die Menschen zwar noch außer Haus, haben aber kein Wasser zum Händewaschen. Wegen einer Dürreperiode und der Vergabe von Wasser-Konzessionen an landwirtschaftliche Großbetriebe und Bergbaukonzerne müssen knapp eine halbe Million Menschen mit Zisternenwagen versorgt werden. In Chile gelten über 3700 Menschen als infiziert, 22 starben.


MEXIKO
Mexikos linksnationalistischer Staatschef Andrés Manuel López Obrador hat einen Mittelweg eingeschlagen. Er versucht, mit einem dosierten Herunterfahren des öffentlichen Lebens die Ausbreitung des Virus in den Griff zu bekommen, ohne die Wirtschaft komplett abzuwürgen. Allgemeine Ausgangssperren gibt es nicht, aber Behörden, Schulen, Konzertsäle, Theater und Sportstätten sind geschlossen. Kritik gibt es trotzdem.

Auch Obrador kommt die Coronakrise gerade recht. Das sagte er sogar selbst. Solche Arroganz bringt seine Gegner auf die Palme und sie polarisiert das Land. Insbesondere die Unternehmer, die weder mit Steuererleichterungen noch mit Rettungskrediten rechnen können, sind verstimmt. Seine Wählerbasis versorgt der Präsident zwar mit aufgestockten Sozialhilfen, doch viele Selbstständige und Kleinbetriebe bleiben außen vor. Experten rechnen mit einer Rezession zwischen vier und acht Prozent. In Mexiko sind offziellen Zahlen zufolge 2143 Menschen infiziert und 94 gestorben. Mexiko ist jedoch eines der Länder, die prozentual am wenigsten Tests durchführen.

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