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Von Elisabeth Binder: Kein Schloss zum Wohnen

Die Kanzlerin freut sich auf Kinderlachen in Bellevue. Dabei können die Wulffs gar nicht einziehen. Am Freitag feierten sie Einstandsparty – mit 5000 Gästen. Eingeladen hatten zum Fest noch die Köhlers

Stand:

Berlin - Der Gedanke klang zunächst wirklich herzerwärmend. Sie stelle es sich wunderschön vor, wenn ein Kinderlachen durch Schloss Bellevue geht, hatte Kanzlerin Angela Merkel am Vorabend der Bundesversammlung gesagt. Vor dem inneren Auge sah man gleich ein hübsch dekoriertes Kinderzimmer mit Blick auf den Schlosspark. Aber die Sache war schlecht recherchiert. Im Amtssitz fehlt es nämlich nicht nur an einem Kinderzimmer: „Es gibt seit elf Jahren keine Präsidentenwohnung mehr im Schloss Bellevue“, sagte der Sprecher des Bundespräsidialamtes auf Anfrage.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat dort nach dem Umzug aus Bonn nur ganz kurz gewohnt, bevor er noch während seiner Amtszeit in ein Privathaus nach Dahlem zog. Roman Herzog war bislang der einzige Präsident, der zusammen mit seiner Frau Christiane über einen längeren Zeitraum im Schloss gewohnt hat. Und er nahm kein Blatt vor den Mund, wenn er über die 94 Quadratmeter große Dienstwohnung im 50er-Jahre-Stil lästerte. Für ihn war es eine „Bruchbude“, in der dauernd Licht und Strom ausfielen. Er wurde gehört mit Kommentaren wie „Und stinken tut’s immer“. Das lag an einem Leitungsproblem.

Bundespräsident Johannes Rau hätte 1999 jede Menge Teenagerlachen als Mitgift ins Schloss bringen können. Doch die vorhandene Wohnung war zu klein für Frau Christina, drei Kinder und Hund. Raus zogen also nach Dahlem in die damals leer stehende Dienstvilla des Bundestagspräsidenten in der Miquelstraße.

Zwischen 2004 und 2006 wurde das Schloss Bellevue grundlegend renoviert. Das bedeutete das endgültige Aus für eine Dienstwohnung im Schloss. Seitdem befinden sich dort, wo früher die Wohnung war, Arbeitsräume und das Büro der First Lady.

Am gestrigen Freitagabend, als der neu gewählte und frisch vereidigte Bundespräsident Christian Wulff beim lange zuvor noch vom Amtsvorgänger geplanten Sommerfest 5000 Gäste begrüßte, wurde es besonders eng. Die weiß leuchtenden Kulissen für das lang vorab geplante Fest waren auch bereits aufgebaut, als Christian Wulff zusammen mit Horst Köhler und Bundesratspräsident Jens Böhrnsen im Schloss eintraf. Der Bremer Bürgermeister hatte in der Zwischenzeit die Befugnisse des Bundespräsidenten gemäß Artikel 57 des Grundgesetzes wahrgenommen, sich aber streng auf notwendige Amtshandlungen beschränkt.

An der Spitze der rund 300 Künstler, die seit langem für dieses Fest engagiert waren, standen Peter Maffay und Kurt Masur, der von 1970 bis 1997 Gewandhauskapellmeister in Leipzig war, und nach der Wiedervereinigung der erste deutsche Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker wurde. Katrin Bauerfeind und Jan Hofer moderierten.

Zu den Gästen zählte zum Beispiel Uwe Schwabe, der seit 1991 die Selbstzeugnisse der DDR-Opposition, der Bürgerbewegungen und der 1989/90 entstandenen Initiativen und Parteien sammelt. Oder Manfred Wagner von der am 17. Juni 1995 gegründeten Geschichtswerkstatt Jena, die mit vielerlei Aktivitäten die Geschichte des Widerstandes gegen die SED-Diktatur aufarbeitet. Auch Carola Wolf und Bettina Leetz vom Forum Ost-West in Potsdam zählten, wie berichtet, zu diesem Kreis. Ihnen war es darum gegangen, dass Menschen mit Ost- und Westbiografien ihre unterschiedlichen Lebensgeschichten kennenlernten und gegenseitige Vorurteile abbauten. Diesen und anderen engagierten Menschen mag zwar nicht der gleiche Grad an Aufmerksamkeit zuteil geworden sein wie unter normalen Umständen. Dafür durften sie selbst aber zu jenen gehören, die den zehnten Bundespräsidenten in seinen ersten Amtsstunden live erleben konnten. Das ist eben auch eine einmalige historische Situation.

Und wegen der historischen Situation nach Köhlers Rücktritt war es auch dort, wo im Schloss früher die Präsidentenwohnung war, besonders eng: Wegen des in den Wochen seit dem Rücktritt sprunghaft gewachsenen Medieninteresses wurde am Freitag in der Ex-Wohnung ein Pressezentrum eingerichtet. Die Bundeskanzlerin dürfte also trotz ihres Wunschwahlergebnisses enttäuscht sein: Im einstmals privaten Teil des Schlosses hörte man dann statt Kinderlachen das Klappern der Tastaturen. Und auch im Präsidentengarten, der ein bisschen intim abgegrenzt ist vom restlichen Teil des Parks, dürfte am Abend nicht viel Raum für Kinderspiele gewesen sein. Auch dieser Teil war für die Gäste geöffnet. Unter anderem präsentieren sich dort die Sponsoren.

Die Wohnungsfrage wird sich wohl im Süden der Stadt entscheiden. Horst Köhler und Frau Eva Luise wohnen seit Juni 2004 in der früheren Dienstvilla von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Pücklerstraße in Dahlem. Die hatte sich das Bundespräsidialamt schon 2003 gesichert, als abzusehen war, dass es nach der Sanierung von Schloss Bellevue dort keine Wohnung mehr geben würde. Köhlers besitzen eine Eigentumswohnung in Berlin. Wenn die Mieter auf einen möglichen Rücktritt eingestellt waren und die Wohnung rasch räumen, könnte das Lachen der Wulff-Kinder demnächst also die Nachbarn in der Pücklerstraße verzaubern. Linus Florian, der gemeinsame Sohn von Bettina und Christian Wulff, ist ja schon zwei Jahre alt. Christian Wulffs Tochter aus erster Ehe, Annalena, ist 16, und Bettina Wulffs Sohn Leander Balthasar 7 Jahre alt.

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