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Abseits der Glotze. Auf der Ifa gibt es viel mehr zu sehen als bloß Multimedia. Hier wird auch gebürstet, gesaugt, gewaschen und gekocht. Fußballfrau Sylvie van der Vaart bewirbt mit strahlend weißem Lächeln elektrische Zahnbürsten.

© dapd

Brandenburg: Wischen, Wedeln, Dröhnen

Smarte Handys, superscharfe Bilder, die total vernetzte Kommunikation. Wer auf der Ifa Stabmixer verkaufen will, hat es schwer

Stand:

Berlin - Evelyn hat ein T-Shirt an, auf dem „Hammerbraut“ steht. Bevor sie auf der Bühne eines Telekommunikationsgiganten am Freitagmorgen auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) ein Quizspiel spielt, an dessen Ende sie ein Navigationsgerät gewonnen haben wird, wird sie von der Moderatorin gefragt, was sie auf der Ifa besonders interessiert. Evelyn sagt: „Alles, was mit Handys zu tun hat.“

Mit dieser Schwerpunktsetzung steht Evelyn nicht allein. Die meisten Ifa-Besucher ballen sich am Freitagvormittag dort, wo die Innovationsbranche um Smartphones und Tablet-PCs ihre neusten Neuheiten zeigt. Andernorts ist es beschaulicher: Am Stand eines Staubsaugerherstellers testet ein einzelner Kunde die angebotene Ware auf Herz und Nieren – die Szene erweckt den Eindruck, als sei die Messe bereits vorbei und die Putzkolonne aktiv. Und auch bei den Herstellern der weißen Ware tummelt sich eher Fachpublikum. Die Trommeln von Waschmaschinen lassen sich nicht neu erfinden, die Möglichkeiten zur Minimalisierung der Gefriertruhe sind begrenzt, und der Stabmixer braucht keinen Online-Zugang.

Wie aber reagiert, wer mit seinen Produkten im toten Winkel der Innovationsmesse steht? Er verbindet sein Image mit der Glitzerwelt eine halbe Branche weiter. „Unterhaltungselektronik für die Geschmacksnerven“ nennt ein Hersteller von Küchengeräten seine Schöpfungen, ein anderer preist eine Waage, „flach wie ein iPad“. Wer nicht derart auftrumpft, braucht einen TV-Koch, um Innovation mit Event aufzuwiegen. Allerdings müssen die Features natürlich einen gewissen Neuigkeitswert haben. Als Johann Lafer begeistert vorführt, dass sich sein Pürierstab in zwei Teile teilen lässt – „Sie müssen nicht mehr mit dem tropfenden Ding durch die Küche laufen“ – da ist der Betrachter ob so viel Wirbel um Selbstverständlichkeiten eher ent- als begeistert.

Nicht zuletzt wegen derartiger Scheinneuheiten geht der Blick doch zur „Smart Communication“, dahin, wo permanent die Welt neu gedacht wird, vernetzter, kleiner, praktischer. Was bleibt, so fragen sich Kulturpessimisten ja seit Langem, für den Menschen, wenn ihm Geräte ständig Zerstreuung bieten? Wird er dick und träge? Verkümmert die Fantasie? I wo, wer so was glaubt, hat noch nicht mit den – natürlich hauchdünnen – Messehostessen in der Kathedrale eines koreanischen Smartphone- und Tabletherstellers gesprochen. Auf ein simples „Worum geht’s hier?“ folgt eine wahrhaft poetische Übung für den Möglichkeitssinn: „Stellen wir uns vor, ich wäre in Australien und Sie wären mein Bruder hier in Deutschland...“ Wer da nicht Lust auf eine Technologie bekommt, die jedes Foto der Schwester sofort aufs Handy des Bruders überträgt, ist selbst schuld. Und wer die pedantische Nachfrage stellt, was denn sei, wenn die Schwester nicht wolle, dass die Verwandtschaft alles zugespielt bekommt, was sie sich in australischen Nächten zusammenfotografiert, der hat es verdient, dass die junge Frau flott zum nächsten fiktiven Familienmitglied übergeht.

Der Möglichkeitssinn wird auch dort gereizt, wo ein anderer Trend der letzten Jahre vorangetrieben wird: Die Ersetzung des bewährten Knopfdrucks durch aufwendige und – das lässt sich gut beobachten – zurzeit noch reichlich dysfunktionale Sprach- oder Bewegungssteuerungen scheint bei den Herstellern technischer Geräte beschlossene Sache. Kaum ein Stand, wo niemand vor einem Bildschirm fuchtelt, wedelt oder rumbrüllt. Allein für diese Vorstellung lohnt sich der Ifa-Besuch.

Was aber bleibt, da in erster Linie die Trends der letzten Jahre bestätigt werden? Vielleicht dass das Zusammenwachsen von allem mit allem und der Technik mit dem Menschen voranschreitet. Vielleicht dass eine wichtige Innovation – eine 3D-Brille, die auch Brillenträger mit fettigem Nasenrücken ohne permanentes Nachjustieren tragen können – auf sich warten lässt. Vielleicht auch, dass nicht alles, was Sinn ergibt, auch sinnvoll ist.

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