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Landeshauptstadt: DDR-Modell wird Exportschlager

Die Polikliniken kommen wieder / Heute Tagung des Bundesverbandes der Gesundheitszentren

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Die Polikliniken kommen wieder / Heute Tagung des Bundesverbandes der Gesundheitszentren Von Kathrin Klinkusch Innenstadt. Auf den ersten Blick wirkt das vierstöckige gelbe Gebäude in Potsdams Innenstadt wie ein modernes Geschäftshaus. Ein breiter Aufgang mit Rollstuhlrampe führt durch eine verglaste Eingangstür in ein großes Treppenhaus. Doch anstelle von Firmenschildern liest der Besucher an der Innenfront im Erdgeschoss Schilder mit „Gynäkologie“, „Urologie“, „Kinderheilkunde“. Das Gesundheitszentrum Potsdam ist aber mehr als ein „Ärztehaus“, wo viele niedergelassene Mediziner unter einem Dach praktizieren. Im Gesundheitszentrum Potsdam arbeiten alle 25 Ärzte – das ist das Besondere – als Angestellte. „Wir sind ein Ärztehaus mit vielen Einzelpraxen und einheitlichem Management“, erklärt Geschäftsführer Klaus-Peter Linke. Im Gesundheitszentrum würden alle nicht-ärztlichen Aufgaben von einer zentralen Verwaltung erledigt. „Die Ärzte erhalten ein festes Grundgehalt sowie eine Leistungszulage“, erklärt Linke. Diese sei eine Gewinnbeteiligung für die Mediziner und berücksichtige unter anderem „verschieden hohe Patientenzahlen“. „Anders als bei niedergelassenen Ärzten tragen unsere angestellten Mediziner kein unternehmerisches Risiko“, betont der Geschäftsführer. Investitionen für die Ausstattung der Praxis mit Computern und medizinisch-technischen Geräten trage die Gesellschaft. Alle Ärzte der Einrichtung könnten im Gegenzug die vorhandenen Röntgengeräte, Funktionsdiagnostik oder Sonographie nutzen. Laut Linke gewährleiste das eine „gute Auslastung der Geräte und spare zusätzliche Kosten“. Außerdem würden „doppelte Untersuchungen vermieden“ und die Patienten hätten kurze Wege. Das weiß auch Allgemeinmediziner Andreas Slipenko zu schätzen. Der 48-jährige Berliner arbeitet seit vier Jahren in der Potsdamer Einrichtung. „Ein Patient, der geröntgt werden muss, braucht nur die Etage zu wechseln.“ Zwar verdiene ein niedergelassener Arzt in der Regel mehr, dafür trage er auch die wirtschaftliche Verantwortung. „Viele Kollegen müssen Kredite tilgen und sind großem Konkurrenzdruck ausgesetzt.“ Darüber hinaus biete der wegfallende Verwaltungsaufwand „mehr Freizeit und Luft für Weiterbildung“. 120 000 Patienten lassen sich den Angaben zufolge jährlich im Potsdamer Gesundheitszentrum behandeln. Elf Fachrichtungen sind dort unter einem Dach zusammengefasst, lediglich Augenheilkunde und Neurologie fehlen. Neben den Arztpraxen beherbergt das Gebäude eine Apotheke, einen Hörgeräteakustiker, eine medizinische Fußpflege, einen ambulanten Pflegedienst und einen Orthopädie-Schuhmacher. Die Potsdamer Einrichtung ist eines der aus den DDR-Polikliniken entwickelten 19 Gesundheitszentren im Land Brandenburg. Das Modell könnte bundesweit zum Vorbild werden. Im Zuge der Gesundheitsreform beabsichtigt Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) so genannte Medizinische Versorgungszentren einzurichten. „Im Einigungsvertrag wurden die Polikliniken als Auslaufmodell behandelt“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Gesundheitszentren und Praxisnetze, Rainer Jeniche. „Nun zeigt sich, dass es richtig war, die Polikliniken nicht sterben zu lassen.“ Deren Erhaltung sei vor allem der inzwischen verstorbenen Brandenburger Sozialministerin Regine Hildebrand (SPD) zu verdanken. Darlehen der Landesregierung in Höhe von rund 31 Millionen Euro hatten die ehemaligen Polikliniken vor dem Untergang bewahrt. Doch im Gegensatz zur DDR – wo die Mittel knapp und die Technik oft veraltet waren – bieten sie heute laut Jeniche „attraktive Jobs für Ärzte“. Mit der Zukunft der Gesundheitszentren befasst sich am 11. November eine Tagung des Bundesverbandes der Gesundheitszentren in Berlin. Zu der Veranstaltung mit 200 Experten werden unter anderem die Bundesgesundheitsministerin und der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Horst Seehofer, erwartet. Weiteres im Internet: www.gesundheit-im-netz.de

Kathrin Klinkusch

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