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Mit Hammer im Regen: Ministerin Schüle, Ministerpräsident Woidke, Ministerin Lange (v.l.)
© Andreas Klaer

Potsdamer Synagoge: Donnerwetter zum Richtfest

Der Rohbau für das Potsdamer Synagogenzentrum in der Schloßstraße ist drei Monate schneller fertig als geplant. Am Freitag wurde Richtfest gefeiert.

Potsdam - Dieses Richtfest werden die Beteiligten so schnell nicht vergessen: Wegen Starkregen und Gewitter musste die Feier am Rohbau des Synagogenzentrums in der Schloßstraße am Freitagnachmittag unterbrochen werden. Beim Einschlagen des symbolischen letzten Nagels standen Ministerpräsident Dietmar Woidke, die Ministerinnen Katrin Lange und Manja Schüle (alle SPD), Abraham Lehrer von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), Gerit Fischer vom Brandenburgischen Landesbetrieb Bauen (BLB) und Synagogen-Architekt Jost Haberland im nächsten Wolkenbruch – auch die Polizeikräfte, die das Gelände absicherten, wurden nass bis auf die Knochen.

Abraham Lehrer von der ZWST, Ministerin Schüle, Ministerpräsident Woidke, Ministerin Lange und Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (v.l.).
Abraham Lehrer von der ZWST, Ministerin Schüle, Ministerpräsident Woidke, Ministerin Lange und Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (v.l.).
© Andreas Klaer,PNN,Tsp

„Regen bringt Segen“, hatte Kulturministerin Schüle vorher in ihrem Grußwort noch gescherzt. Potsdam habe ihn in diesem Sommer lange herbeigesehnt – eine Gemeinsamkeit mit dem Synagogenbau, der nach fast zwei Jahrzehnten Anlauf mit vielen Schwierigkeiten nun Realität wird. Zur Feier des Rohbaus, der drei Monate früher als eigentlich geplant fertig wurde, waren neben Vertreter:innen der jüdischen Gemeinden und Landesrabbiner Ariel Kirzon auch der israelische Botschaftsrat Nizar Amer gekommen. Auch der frühere Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), in dessen Amtszeit der Beginn des Projektes fiel, war unter den Gästen. Für ihn schließe sich eine Spanne von fast 25 Jahren „des Hoffens und der Wünsche“, sagte er den PNN. Mit der Synagoge werde eine „eklatante Fehlstelle“ in Potsdam geschlossen.

Die Baukosten von rund 15,9 Millionen Euro trägt das Kulturministerium

Die Synagoge in der Mitte der Stadt sei das beste Zeichen dafür, „dass das jüdische Leben in all seiner Vielfalt genau hier hingehört“, sagte Ministerpräsident Woidke. Dass das Land ein Gotteshaus errichte – die Kosten von rund 15,9 Millionen Euro trägt das Kulturministerium –, sei eine absolute Ausnahme und der Geschichte geschuldet. Woidke erinnerte an die Gräuel, die Deutsche den Juden während des Nationalsozialismus angetan haben. Auch die alte Potsdamer Synagoge wurde in der Pogromnacht 1938 zerstört, die Stadt später für „judenfrei“ erklärt.

Richtkrone vor dem Rohbau in der Schloßstraße.
Richtkrone vor dem Rohbau in der Schloßstraße.
© Andreas Klaer

Der antisemitische Hass von damals sei 2022 nicht verschwunden, mahnte Woidke und verwies auf die steigende Zahl von antisemitischen Straftaten. Aus der Geschichte erwachse „die Verantwortung und die Pflicht, für das jüdische Leben besondere Sorge zu tragen“. Der Tag des Richtfestes stehe „symbolisch und ganz konkret dafür, dass ein schützendes Dach über die jüdischen Gemeinden gespannt wird“, so Woidke: „Möge es auch ein einendes Dach sein.“

Der Entwurf für die Potsdamer Synagoge des Berliner Architekten Jost Haberland.
Der Entwurf für die Potsdamer Synagoge des Berliner Architekten Jost Haberland.
© Visualisierung: Jost Haberland

An den Willen der jüdischen Gemeinden zum gemeinsamen Tun appellierte auch Abraham Lehrer von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, die das Synagogenzentrum für drei Jahre betreiben soll. In dem Haus soll es neben dem Ort für Gebet oder das rituelle Mikwe-Bad auch soziale Beratung und ein kulturelles Angebot geben, sagte er. Das wolle man gemeinsam mit den Gemeinden entwickeln: „Wir erwarten von allen Beteiligten die Bereitschaft für ein Gespräch in Ruhe und Frieden.“

Erneut Kritik von Joffe

An friedlichen Tönen hat es beim jahrelangen Streit um die Synagoge oft gefehlt. An dem 2009 in einem Wettbewerb ausgewählten Entwurf des Berliner Architekten Jost Haberland entbrannte ein Streit, der Potsdams Jüdische Gemeinde entzweite. Mitglieder um Ud Joffe, denen der Entwurf zu wenig würdig erschien, gründeten die Synagogengemeinde. Joffe, der jüngst bei einem Presserundgang über die Baustelle für einen Eklat gesorgt hatte, zeigte sich auch am Freitag unversöhnlich – störte die Veranstaltung aber nicht. Woidkes Forderung, dass die Synagoge eine einigende Wirkung haben solle, sei „an der Grenze zum Antisemitismus“, sagte er den PNN. Christen gestehe man unterschiedliche Strömungen zu, bei Juden werde die Unterschiedlichkeit lächerlich gemacht. Joffe kritisierte neben dem fehlenden Betreiberkonzept auch den aus seiner Sicht mangelhaften Beteiligungsprozess.

Baudezernent Bernd Rubelt (l.) und Ud Joffe von der Synagogengemeinde (M.).
Baudezernent Bernd Rubelt (l.) und Ud Joffe von der Synagogengemeinde (M.).
© Andreas Klaer,PNN,Tsp

Allerdings gab es eine ganze Reihe von Workshop-Runden, in denen die Vertreter der Gemeinden mit Architekt Haberland über Änderungen diskutierten. Haberland sagte am Freitag, der rasche Baufortschritt sei nicht nur glücklichen Umständen wie einem warmen Winter geschuldet, sondern auch „Zeichen der hohen Motivation aller Beteiligten“. Den erreichten Zeitvorsprung werde man angesichts der Lieferschwierigkeiten aber brauchen, damit die Synagoge wie geplant Anfang 2024 bezugsfertig wird.

Tkach: "Wir haben viele Jahre auf diesen Tag gewartet"

Für Mykhaylo Tkach von der Jüdischen Gemeinde war das Richtfest Anlass zur Freude: „Wir haben viele Jahre auf diesen Tag gewartet“, sagte der 84-Jährige den PNN: „Es ist ein Tag unserer Wünsche, ein Tag unseres Kampfes, ein Tag unseres Sieges.“

Kulturministerin Schüle verlieh ihrer Hoffnung Ausdruck, dass Potsdams Jüdinnen und Juden das Haus zu ihrem Zuhause machen werden – denn für sie werde es errichtet. Dass man darüber auch leidenschaftlich streite, „darf und soll so sein“, sagte sie. „Kluge Tipps aus der Mehrheitsgesellschaft“ an die Juden halte sie nicht nur für unangemessen, sondern „oft auch für peinlich und gefährlich“. (mit KG)

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