Der Neujahrsempfang der Landeshauptstadt: Ein Potsdamer Augenblick
Und dieses Jahr mit viel Gefühl: Der Neujahrsempfang der Stadt zwischen Weltpolitik und Melancholie vergangener Zeiten.
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Potsdam - Vielleicht hat sich in diesem Moment ein Kreis geschlossen. Oben, auf der Bühne im Nikolaisaal, steht Bärbel Dalichow. Das dunkle Haar, das sie jahrelang wie einen Heiligenschein aus Locken trug, ist jetzt glatt. Sie wirkt, als würde zumindest ein Teil von ihr sich am liebsten umdrehen und gehen. Als sie als erste der drei Geehrten ihre Unterschrift ins Goldene Buch der Stadt Potsdam setzt, bleibt ihr Gesicht ernst.
Ihr fast gegenüber in der ersten Reihe der Zuschauerränge sitzt Brunhilde Hanke, ihre Mutter – und Potsdams einstige Oberbürgermeisterin. 23 Jahre lang, von 1961 bis 1984, stand Hanke an der Spitze der Verwaltung, regierte die damalige DDR-Bezirkshauptstadt Potsdam. Ihre Tochter folgte ihr keineswegs geradlinig, eher das Gegenteil. Sie kämpfte, auch gegen das System. Dass Bärbel Dalichow jetzt dort oben steht, ihre 85-jährige Mutter dort ganz vorn sitzt und später sagt, ihre Tochter, die 23 Jahre das Potsdamer Filmmuseum leitete und ein ums andere Mal auch rettete, habe sich das eben verdient, ja, das ist ein Potsdamer Augenblick.
Jakobs dankt den Potsdamern für die weltoffene Stimmung
So liegt über diesem traditionellen Neujahrsempfang der Landeshauptstadt, der wie immer im Nikolaisaal stattfindet, auch eine Art Melancholie vergangener Zeiten. Gut 600 Menschen sind auf Einladung des Oberbürgermeisters gekommen, Jann Jakobs (SPD) gibt sich ernst, als er zurückschaut auf 2015 und voraus auf das, was das begonnene Jahr bringen soll. Öfter ist an dem Nachmittag die Rede von „diesen Zeiten“, gemeint ist wohl das, was aus der vermeintlich fernen Weltpolitik nah herangerückt ist, auch in Potsdam. 1600 geflüchtete Menschen hat die Stadt in 2015 aufgenommen. Jakobs dankt den Potsdamern für die „weltoffene, friedliche und tolerante Stimmung“, die in der Stadt herrsche, dafür spenden die Menschen im Saal viel Applaus, ebenso als der Oberbürgermeister sagt, es sei „unsere Bürgerpflicht“, mit friedlichen Mitteln gegen Rechtsextreme und rechte Tendenzen zu demonstrieren. Und auch Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) bekommt sehr viel Applaus, als er sagt, die Randale, die es vergangene Woche in Potsdam gab, seien brandgefährlich. „Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten geht gar nicht“, so Gerber, sie sei „politisch gefährlich und moralisch abscheulich“, egal von welcher Seite.
Die Themen „dieser Zeiten“ bewegen die meisten, dagegen nimmt sich der Alltag unspektakulär aus. Jakobs sagt, 2016 wolle Potsdam „den Wachstumsschwung“ mitnehmen und in der Mitte weiterkommen – über die Bürgerbeteiligung für Garnisonkirche, Plantage und Rechenzentrum und die Änderung der Sanierungsziele am Lustgarten, die wie berichtet auch das langfristige Ziel Abriss des Hotels Mercure umfassen. Darüber gebe es ja „schon lebhafte Beiträge“, sagt Jakobs – was angesichts der sehr vehementen Befürworter und Gegner des Abrisses eine kecke Untertreibung ist. Die weiteren Potsdam-Höhepunkte aus Sicht von Jakobs: die finale Phase beim Wiederaufbau des Palastes Barberini, wohl mit Tag der offenen Tür, und die Eröffnung des neuen Sport- und Freizeitbads auf dem Brauhausberg Ende des Jahres.
Potsdamer Motto "Hinter den Kulissen"
Und das Potsdamer Jahresthema natürlich, „Hinter den Kulissen“. Etwas bemüht wirkt es zwar, aber endlich, endlich widmet sich die Filmstadt einmal dem Film. Carl L. Woebcken, Vorstandsvorsitzender der Studio Babelsberg AG, quittiert das mit einem Scherz. Das Themenjahr Film wäre 2012 schön gewesen, sagt er in seiner Rede, als Studio Babelsberg sein 100-jähriges Jubiläum feierte. „Aber da jährte sich der Geburtstag von Friedrich dem Großen zum 300. Mal, das war natürlich wichtiger.“ Doch was soll’s, dieses Jahr sei auch gut, sagt der Studiochef: So wurde ja Steven Spielbergs Glienicker-Brücke-Thriller „Bridge of Spies“ gerade für sechs Oscars nominiert. Außerdem baut das Studio derzeit seine neue Kulissenstraße auf dem Areal an der Wetzlarer Straße – dreimal größer als der abgerissene Klassiker, die „Berliner Straße“.
Wie das Studio gehört auch das Deutsche Filmorchester Babelsberg zu Potsdam – gegründet 1990 von Klaus-Peter Beyer, der dazu das Defa-Sinfonieorchester mit dem Radio Berlin Tanzorchester fusionierte und bis heute Intendant des Orchesters ist. Beyer sei „im Umgang nicht selten anstrengend“, sagt Matthias Platzeck, der ehemalige Ministerpräsident, in seiner Laudatio, aber er sei „für die Kultur des Landes ein Segen“. Daher gehöre er ins Goldene Buch, „und da kommst Du jetzt rein“. Die Dritte im Bunde der Geehrten ist Dagmar Reim, Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), sie wird den Sender im Sommer nach mehr als 13 Jahren verlassen. Vergangenes Jahr hatte Reim die Gastrede beim Empfang und Potsdam charmant den Spiegel vorgehalten – jetzt gibt es den Eintrag ins Goldene Buch, den sie ganz routiniert absolviert.
Und Bärbel Dalichow? Die Laudatio auf sie hält Susanne Stürmer, die Präsidentin der Filmuniversität Babelsberg. Sie müsse, sagt Stürmer, zunächst Herrn Jakobs einen Glückwunsch dafür aussprechen, „dass Sie sie dazu gebracht haben, die Ehre anzunehmen“. Sie selbst habe wochenlang versucht, Dalichow eine Auszeichnung zum 25-jährigen Dienstjubiläum zu überreichen. „Und als ich sie dann erwischt habe, hat sie mich angeschaut und gesagt: Schmeißen Sie die mal weg. Ich lege keinen Wert darauf.“
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