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Von Mark Minnes: Historische Achsen

Neue Zeiten: Der Uni-Campus Golm ist im Umbruch, eine Geschichte mit offenem Ende

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Die streunenden Katzen fielen ihr zuerst auf. Als Maria-Teresa Quiros Fernandez im Jahr 1996 zum Studium nach Golm kam, fand sie dort den sprichwörtlichen „wilden Osten“ vor. Der Wind wehte wie immer heftig über den verlassenen Uni-Campus. Wie in einem Wildwest-Film blies er vertrocknetes Gebüsch über den sandigen Boden. Nur dienten graue Plattenbauten als Kulisse. „Meine Mutter wurde immer schweigsamer, je länger wir dort waren“, erinnert sie sich heute. Inzwischen hat sie ihre Promotion im Fach Romanistik abgeschlossen. Ihr Studentenleben gehört der Vergangenheit an, ebenso wie der Campus Golm des Jahres 1996. Wer heute hierher kommt, kann hautnah erleben, wie der bedeutsamste Wissenschaftsstandort im Land Brandenburg entsteht.

Marlies Lofing ist noch länger dabei als Maria-Teresa Quiros Fernandez. Die Sekretärin im Institut für Anglistik und Amerikanistik zählte zu den Pionieren, die zwei Jahre nach dem Fall der Mauer nach Golm kamen. Die Uni Potsdam war gerade gegründet worden und bezog das verlassene Gelände. Und so betrat die aus Bornim stammende Marlies Lofing einen Ort, an den sie vorher keine zehn Pferde gebracht hätten: die alten Räume der „Juristischen Hochschule“ des Ministeriums für Staatssicherheit. Noch heute hört man Marlies Lofing an, wie Unwohl ihr damals zumute war. Wie sie auch nach dem Ende der Stasi ihren Ausweis beim Pförtner lassen musste. Und wie sie Urkunden und Abhörprotokolle in den verlassenen Büros fand. „Man hatte das Gefühl, die Stasi-Mitarbeiter seien plötzlich von ihrem Schreibtisch aufgesprungen“, sagt sie heute. So finden sich noch heute grau-grüne Aktentresore hinter Schranktüren aus Holzfurnier. An ihnen, wie an manchen Zimmertüren, klebt rotes Siegelwachs mit einem Stempelabdruck: „Ministerium für Staatssicherheit der DDR“.

Die „Juristische Hochschule Potsdam“ war 1965 auf Weisung des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, gegründet worden. Aber die wahre Aufgabe der Hochschule wurde verschleiert: etwa durch ihren harmlos anmutenden Namen. Im offiziellen Hochschulverzeichnis der DDR aus dem Jahr 1984 gibt es keine „Juristische Hochschule Potsdam“. Und Potsdamer Taxifahrer wissen, dass die Hochschule niemals das Ziel einer Fahrt war. Die 758 Hochschulmitarbeiter und ihre Besucher hatten immer einen anderen Wunsch: „Bahnhof Golm, bitte“. Dass niemand vorhatte, von dem kleinen gelben Bahnhofsgebäude aus in die Welt zu fahren, war ein offenes Geheimnis. Kaum war das Taxi abgefahren, schlichen die Stasi-Mitarbeiter über die holprige und verlassene Straße zu der zentralen Bildungs- und Forschungsstätte des DDR-Geheimdienstes.

So zerteilen mehrere historische Achsen den heutigen Campus Golm. Zeugt der dem Bahnhof zugewandte Teil von der DDR-Geschichte, so liegen hangaufwärts die älteren Gebäude der 1936 errichteten General Weber-Kaserne. Auf dem Weg zum obersten Teil des Campus liegen drei parallele Garagenkomplexe. Dicke Poller vor den Toren lassen noch heute auf Panzer und Kriegsgerät schließen. Die Kaserne diente unter anderem dem Geheimdienst der Nationalsozialisten. Hier befanden sich nicht nur die Nachrichtenabteilung der Luftwaffe, sondern auch ein Teil der Spionageabwehr. Letztere unterstand zeitweise dem geheimnisvollen Admiral Wilhelm Canaris, der – als Verschwörer gegen Hitler angeklagt – 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde. Das deutlichste Zeichen der NS-Architektur stellt der Eingangsbereich von Haus 5 dar. Obwohl erst nach dem Krieg auf den Fundamenten der zerstörten Kaserne errichtet, nutzte man Baumaterialien, die die Nazis hinterlassen hatten. Seit 2007 steht das Gebäude auf der Denkmalliste des Landes Brandenburg. Instinktiv sprechen die Studenten heute von dem „Nazi-Gebäude“.

Mit einem ersten Neubau für die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der Uni ist seit 2000 eine neue Achse in Golm entstanden. Sie verschiebt den Campus nach Norden und verbindet ihn mit den Max-Planck und Fraunhofer-Instituten jenseits der Bahnlinie. 150 Millionen Euro sind bislang investiert worden. Der Fokus entfernt sich nun von dem einst geisteswissenschaftlich dominierten Südteil des Campus. Die Uni betreibt in Golm eine massive naturwissenschaftliche Neuausrichtung. Eine Tatsache, die seit jeher bei den in Golm angesiedelten Geisteswissenschaftlern für Unmut sorgt. „Das geht in keine gute Richtung“, hört man aus Kreisen der Philosophischen Fakultät. Viele Geisteswissenschaftler fühlen sich von dem glänzenden neuen Wissenschaftspark an den Rand gedrängt.

Uni-Präsidentin Sabine Kunst verteidigt den eingeschlagenen Weg. Die Uni habe eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft, sagte sie den PNN. Hier würden die Naturwissenschaften eine wichtige Rolle spielen. „Aber ich kann verstehen, dass die Neuinvestitionen in Golm bei Geisteswissenschaftlern gemischte Gefühle hervorrufen.“ Es komme vor allem darauf an, Forschungsergebnisse auch der Öffentlichkeit zu vermitteln. Wenn das gelinge, habe die Philosophische Fakultät ihre volle Unterstützung, verspricht die Präsidentin. Und so beginnt in Golm ein neues Kapitel für die Potsdamer Wissenschaft: Ohne streunende Katzen und mit offenem Ende.

Mark Minnes

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