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Kochazubis mit ihren Ausbildern zum Ausbildungsauftakt.
© Kongresshotel

Azubi-Flaute nach Lockdown: Lieber systemrelevant als im Hotel

In Potsdam sind viele Lehrstellen unbesetzt. Auch das Kongresshotel spürt den Imageverlust der Branche.

Von Erik Wenk

Potsdam - Viele Betriebe suchen noch: In Potsdam gibt es zu Beginn des Ausbildungsjahres 634 offene Stellen, dem stehen 373 Azubis gegenüber, die noch keinen Platz haben. Besonders gesucht wird im Handel, im Vertrieb, im Tourismus sowie in Produktion, Fertigung und Verwaltung. Vor allem die Hotelbranche hat in der Pandemie an Attraktivität verloren: „Von 2019 bis 2020 sind die Ausbildungsverträge in der Hotellerie um ein Drittel zurückgegangen“, sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) am Donnerstag bei einer Pressekonferenz zum Ausbildungsmarkt im Kongresshotel Potsdam. „Diese Verluste haben wir noch nicht wirklich aufholen können, aber die Situation hat sich stabilisiert.“

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Auch das Kongresshotel hat das zu spüren bekommen: „Es gab einen Imageverlust durch die Pandemie“, sagte Personalleiterin Yvette Wilhelm. „Systemrelevante Branchen“ seien wesentlich beliebter als die Hotellerie, so Wilhelm. Ein weiterer Faktor ist Berlin: Während es in Brandenburg ein Überangebot an Lehrstellen gibt, fehlen in Berlin rund 2000. Allerdings hat das Kongresshotel einige Azubis aus Berlin und Potsdam übernehmen können, nachdem deren Ausbildungsbetriebe geschlossen wurden. „Viele Azubis haben mich im Vorstellungsgespräch gefragt, was passiert, wenn es wieder einen Lockdown gibt, und ob ihre Ausbildung dann weitergeht“, sagte Wilhelm. Das Hotel habe jedoch keine Ausbildung abgebrochen, sondern alle Azubis weiterbeschäftigt: „Wir haben das Beste daraus gemacht“, so Wilhelm.

Im Lockdown weitergebildet

Alex Jarmuske gehört zu denen, die ihre Ausbildung während der Pandemie erfolgreich abgeschlossen haben und nun vom Kongresshotel übernommen wurden: „Ich habe mich während des Lockdowns viel weitergebildet, habe aber auch Umbauarbeiten im Hotel gemacht.“ Der 20-jährige Koch aus Luckenwalde versucht trotz der geringen Beliebtheit seiner Zunft, andere Menschen zu begeistern: „Es ist wegen der Arbeitszeiten nicht einfach, neue Leute als Köche im Hotel zu finden, aber es ist trotzdem ein sehr schöner und kreativer Beruf.“ Für ihn war die Berufswahl ohnehin lange klar: Seine Familie bestehe schon seit Generationen aus Köch:innen.

Ausgebuchtes Hotel wegen Urlaub im eigenen Land

„Uns fehlen die Restaurantfachleute“, sagte Wilhelm. Trotz Lockdown sei das Kongresshotel aber relativ gut durch die Pandemie gekommen: Dank Geschäftsreisen und der Umfunktionierung zum Quarantänehotel für Sportler:innen des Luftschiffhafens ließ sich der Betrieb in Teilen aufrechterhalten. Seit Juli läuft das Geschäft wieder: „Wir sind von Null auf Hundert gestartet“, sagte Hoteldirektorin Angela Führer. Derzeit sei das Haus ausgebucht, auch weil viele Deutsche dieses Jahr vermehrt Urlaub im eigenen Land machen würden. „Unsere Mitarbeiter sind sehr gefordert, wir könnten gerade ein paar Hände mehr gebrauchen“, so Führer. Derzeit hat das Kongresshotel 35 Auszubildende, eine von ihnen ist Isabell Wolter, die hier als Veranstaltungskauffrau im ersten Lehrjahr arbeitet: „Ich war begeistert von der Qualität und der Abwechslung im Hotel und konnte in den ersten drei Wochen schon sehr viel mitnehmen“, sagte die 18-Jährige aus Geltow.

Das Kongresshotel in Potsdam bildet seit vielen Jahren aus.
Das Kongresshotel in Potsdam bildet seit vielen Jahren aus.
© Andreas Klaer

Auch im Rest des Landes suchen die Hotels nach Auszubildenden, aber auch im Maschinenbau, in der Energietechnik, der Logistik, im Handwerk und im Pflegebereich. „Fachkräfte werden über alle Branchen hinweg gesucht“, sagte Ramona Schröder, Vorsitzende der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Aktuell gebe es ein deutliches Überangebot an Lehrstellen: 5800 sind noch offen, 4500 Schüler:innen sind noch nicht versorgt. Besonders kritisch sei die Lage in der Uckermark und Oberhavel, so Schröder. Anders in Frankfurt (Oder): Dort bewegt sich die Ausbildungssituation schon wieder auf Vor-Corona-Niveau.

Lage bei Lehrstellen besser als im Corona-Jahr 2020

Im Vergleich zum Corona-Jahr 2020 habe sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt leicht erholt, sagte Wirtschaftsminister Steinbach: „Es wurden bislang 8,3 Prozent mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als im letzten Jahr.“ Insgesamt zeige sich der Ausbildungsmarkt in Brandenburg robust, was auch daran liege, dass viele Unternehmen trotz Pandemie weiter ausgebildet hätten, lobte Bildungsministerin Britta Ernst (SPD): „Ich bin sehr froh, dass die duale Berufsausbildung auch während der Corona-Pandemie den Herausforderungen weitestgehend Stand gehalten hat.“

Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD).
Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD).
© Soeren Stache/dpa

Allerdings sieht Brandenburg großen Herausforderungen entgegen: „Allein in den kommenden zehn Jahren werden voraussichtlich rund 290 000 Menschen altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden“, sagt Schröder. Um dem zu begegnen, setzen Steinbach und Ernst vor allem auf Begleitprogramme für Auszubildende, etwa die „Assistierte Ausbildung“, sowie auf die Drei-plus-Zwei-Regelung, die es Geflüchteten erleichtert, eine Ausbildung zu machen. Zudem müssten mehr Mädchen für typische „Männerberufe“ im technischen Bereich begeistert werden.

Immerhin gibt es positive Nachrichten von Tesla: Das Unternehmen hat laut Steinbach angekündigt, noch in diesem Jahr 40 Ausbildungsstellen auszuschreiben. 2022 soll sich diese Zahl noch erhöhen. Tesla plane laut eigener Aussage, zum größten Ausbildungsbetrieb in Brandenburg zu werden.

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