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Das Heizkraftwerk Süd produziert Fernwärme und Strom für Potsdam mit Gas.
© Thilo Rückeis

Krisenstab im Rathaus nimmt Arbeit auf: Potsdam bereitet sich auf Gasmangel vor

Kiezbad am Stern bleibt zu. Mehr Mitarbeiter für die Wohngeldstelle im Rathaus. Der städtische Energieversorger EWP rechnet mit Millionen-Minus allein durch Gasumlage.

Potsdam - Die Stadtverwaltung und der städtische Energieversorger Energie und Wasser Potsdam (EPW) bereiten sich auf eine mögliche Gasmangellage in Potsdam vor. Am Mittwoch tagte der Verwaltungsstab Energie zum ersten Mal, wie Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) bei einer Sondersitzung des Hauptausschusses am Abend informierte. Das Gremium, das vom Oberbürgermeister geleitet wird und dem neben den Beigeordneten auch die Geschäftsführer:innen der städtischen Unternehmen angehören, soll die Vorbereitung auf eine mögliche Gasmangellage koordinieren und nötige Entscheidungen treffen, sollte es im Zusammenhang mit den gedrosselten Gaslieferungen aus Russland tatsächlich zu einer Mangellage kommen – diese müsste der Bund ausrufen.

Im Fall einer Mangellage kann der Bund die EWP anweisen, innerhalb 24 Stunden bestimmte Gasmengen einzusparen

Tatsächlich können lokale Entscheidungen dann sehr schnell erforderlich werden, machte EWP-Geschäftsführer Eckard Veil deutlich. Im Fall einer Gasmangellage könne die Bundesnetzagentur die EWP mit einer Vorlaufzeit von nur 24 Stunden anweisen, bestimmte Gasmengen einzusparen. „Wir müssten sofort reagieren, um die Versorgung in Potsdam so lange wie möglich aufrecht zu erhalten – das gilt für Strom, Gas und Wärme“, sagte Veil.

Eckard Veil, Geschäftsführer der Energie und Wasser Potsdam (EWP).
Eckard Veil, Geschäftsführer der Energie und Wasser Potsdam (EWP).
© Andreas Klaer

In Potsdam gebe es kaum Sparpotenzial bei den nicht gesetzlich geschützten Industrie-Kunden – weil es praktisch keine Industrie gibt. Der Großteil der EWP-Kunden seien die geschützten Kunden – also Privatkunden und Einrichtungen in der kritischen Infrastruktur. Die EWP prüfe verschiedene Ansätze, wie man Verbräuche reduzieren kann – im Gespräch ist die Abschaltung der Energie- und Wärmeversorgung zu bestimmten Zeiten und/oder in bestimmten Stadtteilen, sagte Veil.

EWP rechnet mit 4,5 Millionen Euro Minus bis Jahresende allein durch die Gasumlage

Beim städtischen Energieversorger geht man von einem Millionen-Minus durch die Energiekrise aus. Allein die Gasumlage, deren Höhe am Montag auf 2,419 Cent pro Kilowattstunde festgelegt wurde und die ab Oktober in Rechnung gestellt wird, wird die EWP noch bis Jahresende voraussichtlich sechs Millionen Euro kosten, erläuterte Christiane Preuß, die kaufmännische Geschäftsführerin des Unternehmens. Diese Kosten könne die EWP nach derzeitigem Stand aber nur an ihre Gaskunden weitergeben, nicht an die Bezieher von Strom und Fernwärme – beides wird in Potsdam ebenfalls mit Gas erzeugt. Man rechnet mit einem bleibenden Minus von 4,5 Millionen Euro allein durch die Gasumlage.

Christiane Preuß, kaufmännische Geschäftsführerin der Energie und Wasser Potsdam (EWP).
Christiane Preuß, kaufmännische Geschäftsführerin der Energie und Wasser Potsdam (EWP).
© Andreas Klaer

Weitere Unsicherheiten gibt es durch die enorm gestiegenen Beschaffungskosten für Strom und Gas. Eckhard Veil erklärte, dass sich die Preise an den Börsen sowohl für Strom als auch für Gas im Vergleich zu 2020 annähernd verzehnfacht hätten. Noch könne die EWP die Preisentwicklung durch die langfristige Beschaffung ein Stück weit abfedern.

Wohngeldstelle wird aufgestockt, weil man mehr Hilfsbedarf erwartet

Sowohl beim Energieversorger als auch im Rathaus bereitet man sich aber darauf vor, dass die Zahl der Haushalte, die ihre Stromrechnungen nicht bezahlen können, steigt. In der Wohngeldbehörde im Rathaus sollen vier bis fünf zusätzliche Stellen geschaffen werden, „um auf mögliche Veränderungen vorbereitet zu sein“, kündigte Oberbürgermeister Schubert an. Die EWP will bei Zahlungsschwierigkeiten Hilfe niederschwellig vermitteln. Veil sagte aber auch, dass man bei Kunden, „die nicht bezahlen wollen“ – er sprach von „Trittbrettfahrern“ – im Ernstfall die Versorgung sperren werde. „Wir prüfen diese Fälle intensiv“, sagte Veil.

Energiesparmaßnahme: Frisch saniertes Kiezbad am Stern bleibt "bis auf Weiteres" geschlossen

Stadtwerke-Chef Monty Balisch kündigte im Hauptausschuss an, dass das Kiezbad am Stern, das momentan in einer Revisionspause ist, nicht wie geplant zu Schuljahresbeginn öffnet, sondern bis auf Weiteres geschlossen bleiben wird. Das sei neben den bereits ergriffenen Maßnahmen zum Energiesparen ein weiterer Einschnitt. Sowohl das Schulschwimmen als auch das Angebot für die Bevölkerung soll über das Schwimmbad blu am Brauhausberg abgedeckt werden. Die Belegungspläne ab dem 5. September stünden bereits. Man sei derzeit mit den Verkehrsbetrieben im Gespräch, um die Beförderung der Schüler abzudecken, sagte Robert Pfeiffer, der zuständige Fachbereichsleiter im Rathaus.

Das Kiezbad am Stern wurde erst im Februar nach zweijähriger Sanierung wiedereröffnet.
Das Kiezbad am Stern wurde erst im Februar nach zweijähriger Sanierung wiedereröffnet.
© Andreas Klaer

Wie berichtet hatte auch die Stadt schon einige der vom Städtetag erarbeiteten Maßnahmen zum Energiesparen ergriffen – etwa die Abschaltung der Illumination öffentlicher Gebäude. Weitere Schritte würden geprüft – etwa die Abschaltung von Ampeln oder von Straßenbeleuchtung, sagte Andreas Tausche, bei der Potsdamer Feuerwehr für Katastrophenschutz verantwortlich. Außerdem würden die Auswirkungen einer möglichen Mangellage auf vulnerable Gruppen geprüft – stationäre und ambulante Einrichtungen für Ältere, in der Jugendhilfe oder für Menschen mit Behinderung. In Absprache mit den Trägern werde durch den Kommunalen Immobilienservice (KIS) vorbereitet, wer wo und wie alternativ versorgt werden kann, so Tausche.

Brandenburg sei „extrem gasabhängig“, machte er deutlich. In Potsdam werden große Teile der Bevölkerung mit Fernwärme versorgt, rund 18.500 Haushalte sind an das Gasnetz angeschlossen. Beide Potsdamer Heizkraftwerke arbeiten mit Gas. Nur beim Heizkraftwerk Süd ist theoretisch auch ein Betrieb mit Öl möglich – allerdings nur für eine Übergangszeit von rund einer Woche. Für einen langfristigen Öl-Betrieb fehlt die Liefer-Infrastruktur, sagte Veil.

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