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Inken Jung ist Sprecherin der Apothekerkammer für Potsdam.
© Andreas Klaer

Lieferengpässe bei Medikamenten: "Wie zu DDR-Zeiten mit der Bückware"

In Potsdams Apotheken sind etliche Medikamente rar. Bundesweit gibt es Lieferengpässe bei mehr als 270 Arzneimitteln. Das stellt Apotheken und Ärzt:innen vor Herausforderungen.

Potsdam - Fiebersaft, krampflösende Mittel, Paracetamol: Wer dieser Tage in der Apotheke nach Medikamenten fragt, bekommt nicht immer das, was er oder sie braucht oder möchte. Lieferengpässe sorgen für Frust bei Kunden und Apothekern – in den sozialen Medien häufen sich Berichte von Betroffenen. Tatsächlich ist auch die Lage in Potsdam nicht einfach, wie eine Recherche dieser Zeitung ergab.

Lieferengpässe bei Fiebersäften für Kinder, Antibiotika, Herz-Kreislaufmedikamenten

Apothekerin Inken Jung, Sprecherin für die Apothekerkammer in Potsdam und Inhaberin der Heinrich-Mann-Apotheke in der Waldstadt, schildert die Situation als dramatisch. „Es gibt Lieferengpässe bei Banalitäten wie Fiebersäften für Kleinkinder, Antibiotika, antibiotischen Augentropfen für Kinder oder Herz-Kreislaufmedikamenten“, sagte sie. Die Engpässe beträfen zumeist nicht einzelne Hersteller, sondern ganze Wirkstoffgruppen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte listet aktuell deutschlandweit 273 Arzneimittel auf, die von Lieferengpässen betroffen sind, bestätigt Thomas Baumgart, der Geschäftsführer des Apothekerverbandes Brandenburg, auf Anfrage. Die Problematik selbst sei nicht neu, bereits seit rund zehn Jahren seien immer wieder Präparate oder Wirkstoffe nicht oder nur teilweise verfügbar, sagt er.

Viele Medikamente sind zur Zeit nicht lieferbar.
Viele Medikamente sind zur Zeit nicht lieferbar.
© Andreas Klaer

Nach Einschätzung von Inken Jung haben sich die Probleme seit zwei Monaten massiv verschärft. „So schlimm, wie es im Moment ist, war es noch nie“, sagt sie. Täglich gebe es Kunden mit Rezepten für Medikamente, die nicht verfügbar sind. Es sei auch offen, wann sich die Situation wieder entspannt. So sei ihrer Apotheke gerade von einem Hersteller die komplette Winterbevorratung mit Ibuprofen und Paracetamol gekippt worden. „Wir steuern auf ganz schlimme Zeiten zu“, befürchtet die Potsdamer Apothekerin. Sie habe bereits darüber nachgedacht, Medikamente vor Ort selbst herzustellen.

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Mit leeren Händen müssten die Menschen „in den allermeisten Fällen“ nicht nach Hause gehen, sagt Thomas Baumgart. Die Apotheker vor Ort könnten „zumeist“ Alternativen finden. Das bedeutet jedoch deutlich mehr Arbeit, erklärt Inken Jung. In ihrer Apotheke seien die Mitarbeitenden täglich mindestens eine Stunde lang damit beschäftigt, über verschiedene Kanäle Medikamente zu besorgen: „Wir bemühen uns, wir rotieren, wir telefonieren.“ Sie und ihre Kolleg:innen kontaktierten nicht nur den Großhandel, sondern fragten auch bei Herstellern direkt nach. Wenn vom Hersteller die Aussage kommt, dass die Rohstoffe fehlen, müsse für den einzelnen Kunden eine Nachlieferung beim Großhandel bestellt werden – der Großhändler arbeite die Liste dann Apotheke für Apotheke ab, wenn neue Ware vorhanden ist. Apotheker-Kolleginnen organisierten zum Teil auch über Kontakte untereinander einzelne Packungen. „Das ist wie zu DDR-Zeiten mit der Bückware“, sagt Inken Jung.

Alternativen zu organisieren ist schwierig und zeitraubend

Auch Rücksprachen mit den behandelnden Ärzt:innen seien mitunter nötig – wenn für die Kund:innen ein alternatives Medikament gefunden werden muss. Manchmal bestehe die Möglichkeit, auf Tabletten mit veränderter Dosierung auszuweichen. Das könne für die Kunden aber mit einer höheren Zuzahlung verbunden sein, erklärt Jung – wenn zum Beispiel bei niedriger dosierten Tabletten mehr Packungen nötig sind. „Das zieht einen Rattenschwanz mit Nachteilen für alle nach sich“, fasst die Apothekerin zusammen.

Die Potsdamer Allgemeinärztin Antje Meinecke vom Vorstand des Hausärzteverbandes Brandenburg kennt die Probleme. Momentan gebe es bei ihr etwa drei- bis viermal am Tag einen Rückruf aus der Apotheke, sagte sie den PNN. Bislang habe bei ihren Patient:innen immer eine Lösung gefunden werden können. „Aber das bedeutet für uns ziemlich viel Aufwand, weil die Rezepte geändert werden müssen“, sagt sie.

Störungen bei Produktions- und Lieferketten 

Hauptursache für die Lieferprobleme ist aus Sicht der Apotheker die Verlagerung der Produktion von Medikamenten ins Ausland, insbesondere nach China und Indien. Das ist zwar kostengünstiger, aber auch anfälliger für Störungen der Lieferwege. Zugleich hat sich die Anzahl an Herstellern immer weiter reduziert, erklärt Thomas Baumgart vom Apothekerverband: „Damit stellen immer weniger pharmazeutische Unternehmen eine immer geringer werdende Bandbreite an Arzneimitteln her.“ Schon während der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, dass „das gesamte System aus den Fugen gerät“, wenn globale Liefer- und Produktionsketten unterbrochen sind. „Die Probleme sind der Politik bekannt und es braucht dringend eine politische Antwort auf diese Probleme“, sagt der Verbandschef. „Der Standort Deutschland als Produktionsstandort muss wieder attraktiv gemacht werden“, fordert auch Inken Jung. Dem Druck der Krankenkassen, die immer weniger bezahlen wollten, dürfe nicht nachgegeben werden.

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