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Marie Luise Kaschnitz.
© ullstein bild via Getty Images

Literatur auf der Spur: Blöd die Prinzessin, und blöd das ganze Sanssouci

In der PNN-Sommerserie gehen wir den Spuren von Autor:innen nach, die in Potsdam gelebt haben. Heute: Marie Luise Kaschnitz, die hier – äußerst widerwillig – ihre Kindheit verlebte.

Potsdam - In Marie Luise Kaschnitz’ bekanntester Geschichte „Das dicke Kind“ schleicht sich ein ebensolches leise ins Zimmer einer Frau, die am Schreibtisch sitzt. Die Erwachsene spürt schnell einen Widerwillen gegen dieses etwas tumbe Mädchen mit seinen hellen und wässrigen Augen. Sie fragt sie mit kalt wirkender Grausamkeit aus: nach der Schule, nach Mut und Fähigkeiten, aber das dicke Mädchen im weißen Wollkleid kann und will nichts. Am Ende verfolgt die Frau das Kind, das zum Eislaufen geht und beobachtet, wie die Ungeschickte auf dem See erst herumrutscht und dabei aussieht wie eine dicke Kröte. Und wie sie dann einbricht, während ihre schöne Schwester sich grazil auf dem Eis dreht und immer nur ruft „Komm, Dicke!“.

Die Frau spürt angesichts des Elends der Kleinen nicht das geringste Erbarmen. Als sie nach Hause kommt, findet sie eine alte Fotografie. Sie erkennt darauf das Kind, das sie selbst einmal war und das, das sie heute gesehen und verachtet hatte: „in einem weißen Wollkleid mit Stehkragen, mit hellen wässrigen Augen und sehr dick“.

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Dem Schriftsteller Horst Bienek bekannte Marie Luise Kaschnitz: „Ich halte die Geschichte ,Das dicke Kind‘ für meine stärkste Erzählung, weil sie am kühnsten und am grausamsten ist. So grausam zu sein, konnte mir nur gelingen, weil das Objekt dieser Grausamkeit ich selber war. ‚Das dicke Kind‘ bin ich selbst. Die Schwester ist meine Schwester Lonja, der See ist der Jungfernsee bei Potsdam. Wir haben dort in der Nähe gewohnt. Wir sind viel Schlittschuh gelaufen, und ich bin auch einmal eingebrochen. Aber – wie das dicke Kind – nur einen Meter tief. Ich war auch ein braves, schläfriges, viel essendes Kind, aber eben eines mit vielen Ängsten und eines, das bei jeder Gelegenheit zu heulen anfing.“

Ihre Kindheit verbrachte sie in der Persiusstraße 1

Marie Luise Kaschnitz wurde als Marie Luise Freiin von Holzing-Berstett am 31. Januar 1901 in Karlsruhe als dritte Tochter in eine adlige Offiziersfamilie hineingeboren, die den Musen sehr zugetan waren. Ihre Mutter war enttäuscht, weil sie nach zwei Töchtern immer noch nicht der ersehnte Stammhalter war. Unter der Kränkung, nicht freudig begrüßt worden zu sein, hat die Tochter ein Leben lang gelitten.

Ihre Kindheit verbrachte sie ab 1902 im kaiserlichen Potsdam, in der Persiusstraße 1: „Ich wuchs auf unter Soldaten, im Knirschen von Sattelzeug, im Steigbügelklirren. Staub, weiß wie Mehl, lag auf mir, auf allen. Stroh stach mich, ich steckte meinen Arm bis an die Achsel in die Haferkiste, ich kannte die Hornsignale ‚Wecken‘ und ‚Zapfenstreich‘. Die Soldaten des Kaisers hatten runde, rote Kindergesichter. Als sie in den Krieg zogen, warf ich ihnen Blumen in die Augen, in die offenen Münder: ,Zu Bett, zu Bett, ihr Lumpenhund! Zu Bett, es schlägt die letzte Stund! Zu Bett! rief das lustige Horn.‘“

Hier in der Persiusstraße 1 verbrachte Marie Luise, damals noch Freiin von Holzing-Berstett, ihre Kindheit und Jugend.
Hier in der Persiusstraße 1 verbrachte Marie Luise, damals noch Freiin von Holzing-Berstett, ihre Kindheit und Jugend.
© Ottmar Winter

Geliebt hat sie die preußische Residenzstadt an der Havel nicht unbedingt. „Als ich ein Kind war, war alles noch unübersehbar, die vielen Gärten voller Geheimnisse, die Wälder ohne Ende, das Dunkel ohne Licht. Die Orte, die wir aufsuchten, hatten schöne redende Namen, Zaubernamen, Pfingstberg, Marmorpalais, Lustgarten, Jungfernsee, Heiliger See...“ 

Marie Luises Eltern hatten gute Beziehungen zum Kaiserhaus. Ihre Töchter wurden des Öfteren eingeladen, mit der Tochter des Kaisers Viktoria Luise zu spielen. Da verboten sich Absagen von selbst. Marie Luise Kaschnitz äußert sich in ihrem Erinnerungsbuch „Orte“: „Für die Prinzessin ist im Park ein norwegisches Holzhaus gebaut, eine Spielküche mit lauter kupfernen Geräten, die Prinzessin bereitet Spiegeleier, natürlich muss sie die Pfanne nicht sauber machen... Wir haben uns mit der Prinzessin sehr gelangweilt, wir wollen nicht mehr spazieren gefahren werden, aber wir müssen, wir werden nicht gefragt.“ 

Ein vernichtendes Resümee

Ihr abschließendes, ja vernichtendes Resümee über diese Zeit: Die Prinzessin ist blöd, „und blöd das ganze Sanssouci“. Da hegte sie eher Sympathien für die sogenannten unteren Schichten, die den oberen Herrschaften dienen – Köchinnen, Stubenmädchen, die Offiziersburschen oder Lieferanten. Bei ihnen sei es auf jeden Fall interessanter zugegangen. Aber sie stellte fest, „dass man uns dort nicht haben wollte“. Die Standesunterschiede waren wohl zu hoch.

Im Jahr 1918 zog die Familie ins Schloss Bollschweil, einem angestammten Familienbesitz im Schwarzwald. „Ich betrachte als meine eigentliche Heimat Bollschweil“, bekannte Marie Luise Kaschnitz, die 1925 den österreichischen Archäologen Guido Freiherr Kaschnitz von Weinberg heiratete. Sie reiste viel, nach Italien, Griechenland, Ostpreußen oder Brasilien.

Marie Luise Kaschnitz schrieb unablässig. Romane, Gedichte, Hörspiele, Essays. Darin geht es vor allem um Autobiografisches, um die normalsten Dinge, die ihr auffielen. „Es sieht schlimm aus in der Welt“, hat sie einmal gesagt, „aber wie es aussehen würde ohne die jahrtausendelangen Anstrengungen der Schreibenden wissen wir nicht.“ Ihr Potsdamer Leben mit ihren Eindrücken und Erfahrungen in der Kaiserzeit hat sie mit Erzählungen und Betrachtungen immer wieder eindrucksvoll ins Licht geholt. 1955 wurde Kaschnitz der bedeutendste Literaturpreis der Bundesrepublik verliehen, der Georg-Büchner-Preis.

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