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Eine Lesung an der Villa Quandt beim Festival im vergangenen Jahr.
© Ottmar Winter

Jubiläumsausgabe von Lit:potsdam: Die einende Kraft des Erzählens

Tsitsi Dangarembga, Sharon Dodua Otoo, Jonathan Franzen: Das Festival Lit:potsdam setzt unter neuer Leitung weiter auf Prominenz, vermehrt auf Schüler und weniger auf Debatten.

Von Lena Schneider

Potsdam - Der größte Coup für die diesjährige Ausgabe des Literaturfestivals Lit:potsdam ist so ofenfrisch, dass dessen Leiter Thomas Böhm zum Pressegespräch noch gar kein entsprechendes Foto parat hat: Jonathan Franzen kommt nach Potsdam. 

Allerdings erst im September, als Nachschlag sozusagen. Zunächst wird der Hauptgang gereicht: Vom 26. Juni bis 3. Juli begeht das Festival seinen 10. Geburtstag. Und verzeichnet zugleich eine Zäsur: Festivalgründerin Karin Graf hat die Leitung an den Literaturkritiker Thomas Böhm abgegeben. 

US-Bestseller-Autor Jonathan Franzen kommt im Herbst nach Potsdam.
US-Bestseller-Autor Jonathan Franzen kommt im Herbst nach Potsdam.
© Tamas Kovacs/dpa

Kein Writer in Residence mehr

Zwei Neuerungen vorweg: Das Festival Next Stage Europe wird es nicht mehr geben, auch keinen „Writer in Residence“: „Die waren ja ohnehin nie für längere Zeit in der Stadt, wenn wir ehrlich sind“, sagt Böhm – was stimmt. Neu ist auch das Label „grünes Literaturfestival“, darauf legt Böhm Wert: das erste weltweit. Was bedeutet, dass Franzen nicht extra aus den USA eingeflogen werden muss. Auch die Filmemacherin und letztjährige Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga, die das Festival im Filmmuseum eröffnen wird, muss nicht aus Simbabwe anreisen, sondern ist ohnehin im Land. 

„Was uns verbindet“ ist diese Ausgabe überschrieben – als Motto bewusst so formuliert, dass es Frage, aber auch Aussage sein kann, sagt Böhm. Eine mögliche Antwort liefert er im Pressegespräch gleich mit: Die große Gemeinsamkeit, die ein Literaturfestival in Zeiten der heftigen Debatten und gesellschaftlichen Spaltung bieten kann, sei das Interesse an Erzählungen und die Suche nach Denkfiguren. 

Weniger diskursiv, weniger politisch, dafür noch populärer

Wobei ein erster Blick auf das Programm den Eindruck vermittelt, dass es hier künftig etwas weniger diskursiv und dafür noch etwas populärer zugehen wird als in den Vorjahren. Während die Festivalausgaben 2020 und 2021 alles taten, um nah dran zu sein an aktuellen Debatten, und etwa Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo mit Mithu Sanyal über Fragen der Identität diskutieren und einen Dialog zwischen dem Philosophen Peter Sloterdijk und der Netzaktivistin Kübra Gümüsay furios scheitern ließen, sucht man derartigen politischen Debattengeist in diesem Jahr weitgehend umsonst. 

Novum. Sharon Dodua Otoo hält erste „Rede zum Ende der Schulzeit“. 
Novum. Sharon Dodua Otoo hält erste „Rede zum Ende der Schulzeit“. 
© Ottmar Winter

Dafür ist das trubelige Bücherfest, das zuvor das Festival abschloss, an den Anfang gewandert: Am 26. Juni findet in der Schiffbauergasse der „Brandenburger Geschichtenjahrmarkt“ statt. Für und mit Menschen, die „Literatur leben“, wie das Programm verspricht: von regionalen Verlagen bis zur Cosplay-Szene, für Groß und Klein. 

Prominente Schauspieler und ein wegweisender Roman aus der Ukraine

Nachmittags geht es dann los mit dem Promi-Aufgebot: Der als Bestsellerautor geltende Norweger Erik Fosnes Hansen stellt, erstmals in Deutschland, seinen neuen Roman vor, der Titel: „Zum rosa Hahn“. Der hierzulande bekanntere Volker Kutscher, dessen Romane die Vorlage für die Serie „Babylon Berlin“ lieferten, ist am 29. Juni im Hans Otto Theater zu erleben – mit Auszügen aus einem Roman, der erst im November erscheinen wird. Thematisch im Mittelpunkt steht Charlotte Ritter, weibliche Hauptfigur der „Gereon Rath“-Romane. Es liest Jördis Triebel.

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Mit Joachim Król ist eine weitere unverwechselbare Stimme dabei: Im Park der Villa Jacobs liest er am 1. Juli aus dem jüngst neu übersetzten Roman „Die Stadt“ von Walerjan Pidmohylnyj (1901-1937) – ein Text, der als ukrainischer Schlüsselroman gilt und von der Förderung der ukrainischen Kultur in den 1920ern erzählt. Heute ist er in der Ukraine Schulstoff. 

Potsdamer Stimmen und ein Picknick

Die Schauspielerin Fritzi Haberlandt leiht einem Abend ihre Stimme, den zwei Potsdamerinnen gestalten: Buchpreisträgerin Antje Rávik Strubel und Autorin und Übersetzerin Zaïa Alexander kuratieren eine Lesung, die sich „wegweisenden Schriftstellerinnen der Weltliteratur“ widmen soll, genauer Kurzprosa von Virginia Woolf und Joan Didion. 

Geballte märkische Kraft gibt es beim „Literaturpicknick“ am 2. Juli im Park der Villa Jacobs: „Viermal neu und made in Brandenburg“ versammelt den gebürtigen Potsdamer André Kubiczek („Der perfekte Kuss“), die Potsdamer:innen Julia Schoch („Das Vorkommnis“) und Torsten Schulz („Öl und Bienen“) und die in Jüterbog lebende Judith Zander mit ihrem Gedichtband „im ländchen sommer im winter zur see“.

Der Nachwuchs rückt in den Fokus

Zur Prominenz gehört auch Boris Pfeiffer, der am 2. Juli, dem „Familientag“, im Treffpunkt Freizeit seinen Kinderkassenschlager „Die ??? Kids“ vorstellen wird. Überhaupt steht der Nachwuchs stärker im Fokus: Für das von Martin Klein geleitete Schulprogramm gab es mehr Anmeldungen denn je – 15 Autor:innen werden rund 30 Lesungen in Schulen abhalten, darunter Boris Pfeiffer, Nevfel Cumart, Stefan Gemmel, Salah Naoura, Jutta Nymphius. 

Auch eine weitere Neuerung betrifft Schüler:innen: Sharon Dodua Otoo, Bachmannpreisträgerin und Mutter von vier Söhnen, hält am 28. Juni die erste „Rede zum Ende der Schulzeit“, die künftig jährlich gehalten werden soll.

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