Von Klaus Büstrin: Voll von Emotionen
Benjamin Brittens War Requiem im Nikolaisaal
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Mehr als so manch abwägende Reflexionen vermag das War Requiem von Benjamin Britten in aller beklemmenden Eindringlichkeit das Unsägliche von Kriegsgräueln anschaulich machen, aber auch die daraus entspringende Sehnsucht nach Erlösung artikulieren. Der englische Komponist wählte 1962 bei der Uraufführung seines chorsinfonischen Werkes mit der wiedererrichteten Kathedrale von Coventry ein markantes Zeichen der Versöhnung. Sie wurde von Deutschen 1940 zerstört.
Kristian Commichau wählte das War Requiem für zwei Aufführungen der Universität Potsdam im Nikolaisaal. Es erwies sich als imposantes Gemeinschaftswerk zwischen den Ensembles der Universität, Capella Cantabile und Sinfonietta Potsdam, und den vocal-concertisten aus Berlin, Mitgliedern des Landespolizeiorchester Brandenburg, dem Persius Ensemble sowie dem Kinderchor des Evangelischen Gymnasiums Hermannswerder (Leitung: Matthias Salge) unter dem souveränen Dirigat des Professors für Chor-und Ensembleleitung an der Universität, Kristian Commichau.
Wirkungsvoll hebt Brittens „War Requiem“ mit einem langsam sich schleppenden „Requiem aeterna“ des Chores an, das ansteigt durch länger werdende Phrasierungen und zunehmende Orchestrierung. Der ergänzende Tritonus der Totenglocken hallt wie ein Warnsignal durch den Konzertsaal. Zwar verwendet Britten in seiner Komposition die traditionellen lateinischen Texte der Totenmesse, doch in solch bahnbrechender Interpretation, wie es sie zuvor nie gegeben hat. Subtil kontrastiert er die Liturgie mit Gedichten des im Ersten Weltkrieg gefallenen Engländers Wilfred Owens, der mit seiner zutiefst pazifistischen Grundhaltung bis heute als einer der radikalsten Antikriegspoeten gilt. Owens eigene Worte hat Britten seiner Partitur des „War Requiem“ vorangestellt und damit pointiert die Aussage seiner Komposition umrissen: „Mein Thema ist der Krieg und das Leid des Krieges. Die Poesie liegt im Leid ... Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist: warnen.“ Benjamin Brittens Requiem ist ein Bekenntniswerk, das wie kaum ein anderes die Schrecken des Krieges thematisiert.
Das Konzert im Nikolaisaal vermittelte davon viel. Commichau brachte das hochemotionale Stück zu einer geradezu bewegenden Wirkung. Im Vorfeld hegte man ein paar Zweifel, ob ein Riesenapparat von sechs Ensembles unter einen Hut zu bringen wäre. Der Dirigent schaffte es bravourös. Es zeugt von einer intensiven Arbeit, die Commichau mit den Laienensembles viele Monate hindurch leistete. Er steuerte den vielgliedrigen und motivierten Klangapparat zielsicher und akribisch. Im Kern agierten Dresdner Cantus Cantabile, vocal-concertisten, Sinfonietta Potsdam, das Landespolizeiorchester leidenschaftlich engagiert, präzis und dynamisch. Jedes Wort, jede Phrase kam zur Geltung. Aber auch die großen Spannungsbögen, die zarte Innigkeit mancher Teile einerseits oder die mächtige Gewalt etwa des „Dies irae“ andererseits gelangen ausgezeichnet.
Leider konnte Commichau die verschiedenen Klangebenen im Nikolaisaaal nicht berücksichtigen. Nur der tonschön singende Kinderchor wurde extra platziert: auf dem Rang. Von drei ausgezeichneten Gesangssolisten ist ebenfalls zu berichten, von Doerthe-Maria Sandmann warmem Sopran und ausdrucksvoller Interpretation des liturgischen Textes, von Jan Kobow, Tenor, und Matthias Vieweg, Bariton, die die Owens-Texte packend im Gestus und sängerisch überzeugend darboten. Dabei wurden sie vom Persius Ensemble äußerst subtil begleitet.
Von den traumatisiert-brüchigen Requiem-Rufen bis zum mild-entrückten Schluss-Amen erlebte das Publikum im Nikolaisaal eine außerordentlich bewegende Musik und Interpretation, die einen großen Beifall zur Folge hatte.
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