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Christoph Mehlers Inszenierung von "Michael Kohlhaas" mit Arne Lenk in der Titelrolle im Hans Otto Theater.
© Thomas M. Jauk

Kohlhaas-Premiere am Hans Otto Theater: Wie einer Querulant wird

Was ist ein guter Staatsbürger? Wo endet seine Freiheit? "Michael Kohlhaas" ist der Stoff der Stunde. In Potsdam kommt er mit Wucht auf die Bühne - nur lässt er Kleists Kühle vermissen.

Potsdam - An der Berliner Schaubühne gibt es ihn, am Deutschen Theater, und jetzt auch in Potsdam: Am Freitagabend hatte hier „Michael Kohlhaas“ Premiere. Diese Ballung ist insofern erstaunlich, als der Text von Heinrich von Kleist 1810 nicht für die Bühne geschrieben wurde, sondern als Erzählung. Was den Text auf der Bühne sperrig macht – aber auch enorm beweglich. Wer erzählt hier, wie ist der Text aufgeteilt, wo wird gestrichen? Alles Dinge, die zur bewussten Setzung werden.

Mindestmaß an Gefühligkeit, Maximum an Plot

Kleists Text ist ein Text von großer Kälte, das ist oft geschrieben worden. Ein Polit-Thriller oder Justizdrama, das detailreich aneinanderreiht, „was geschah“, aber so gut wie keine Erklärung dazu abgibt, warum die Beteiligten es so geschehen ließen. Ein Mindestmaß an Gefühligkeit und Gedankenschwere steht einem Maximum an Plot gegenüber – im Theater ist es ja sonst oft andersrum. Es wird hier nicht gewertet, nicht gerichtet, nur berichtet.

Und berichtet wird dies: Der Pferdehändler Michael Kohlhaas (Arne Lenk), wohnhaft im Brandenburgischen, will in Sachsen Pferde verkaufen. Hinter der Landesgrenze wird er vom Junker Wenzel von Tronka (Guido Lambrecht) aufgehalten: Er will einen Passschein sehen, von dem Kohlhaas noch nie gehört hat. Zur Strafe muss er einige Pferde zurücklassen. Als Kohlhaas sie aber ein paar Wochen später abholen will, sind sie halb verhungert, sein Knecht Herse (großartig auch als Graf: Nadine Nollau) fast zu Tode geprügelt. Das ist der Anfang.

Immer nur das eigene Recht

Warum die Schikane? Wir erfahren es nicht. Was wir erfahren: Was sie mit Kohlhaas macht. Wie Kohlhaas vom „Muster eines guten Staatsbürgers“ zum Outlaw wird, zum Aufsässigen, der ungeachtet anderer Rechte starrköpfig immer nur sein eigenes fordert: dass Junker Wenzel ihm seine Rappen wieder „dickfüttere“. Eine banale Sache eigentlich. Nur dass der, der hier Recht sprechen soll, der Kurfürst von Brandenburg, mit Junker Wenzel verbandelt ist. Also lässt er mitteilen, Kohlhaas sei ein „unnützer Querulant“, und Schluss. Das aber schürt die Wut von Kohlhaas. Er wird tatsächlich zum Querulanten. Er wird ganze Städte in Brand setzen.

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In der Inszenierung von Christoph Mehler ist all das visuell lange nur zu ahnen. Die Bühne (Stefano Di Buduo) liegt anfangs hinter einer Plasteplane verborgen, Bühnennebel wabert schon zu Beginn bis ins Parkett. Das Ensemble ist nur in Silhouetten erkennbar, aufgereiht nebeneinander. Umso deutlicher die Stimmen, mikroportverstärkt raunen sie einem das Geschehen ins Ohr. Jedes Schlucken, jeden Atemzug, wir hören alles, sehen aber: so gut wie nichts. 

Prügelgeräusche auf der Plastikplane

Der Plastik-Schleier wird sich heben (und wieder senken, man kann darauf schauerliche Prügelgeräusche erzeugen), die Mikroportintimität bleibt. Bis zum Ende stehen die Stimmen im Mittelpunkt: Dieser „Kohlhaas“ ist über weite Strecken ein Hörstück. Wo die Darsteller:innen herausragende Sprecher:innen sind (Kristin Muthwill, Nadine Nollau, Guido Lambrecht, Josephine Schumann), ist das ein Genuss. Wo gebrüllt wird, geht das bis an die Schmerzgrenze.

Für die Schauspieler:innen ist das relativ undankbar (so richtig glänzen darf hier niemand), der Konzentration auf den Kleistschen Text tut das gut. All die Amtsmänner, Schlossvogte, Zöllner und Stadthauptmänner (hier oft von Frauen), machen deutlich, dass das Unglück von Kohlhaas auch ein bürokratisches ist. Es geht um neue Pässe und alte Verordnungen, um Erlässe, Zusagen, Rücknahmen von Zusagen. Es geht darum, wie jeder und jede immer nur Teil von etwas anderem ist. Es geht darum, wie ein Staat funktioniert. Oder eben nicht.

Ein Stoff der Stunde

Ja, „Kohlhaas“ ist ein Stoff der Stunde: In einer Zeit, in der Einige einen Widerstand gegen kaum mehr zu überblickende staatlich verordnete Maßnahmen zum Kampf für ihre Freiheit und Würde deklarieren, bietet es auf historischer Folie eine kühle Untersuchung dessen, was richtig und gerecht ist – ohne Position zu beziehen. Es untersucht, wie einer, der eigentlich nur alles „richtig“ machen will, zum Querulanten wird. Das Wort „Querdenker“ ist hier so nahe, dass die Inszenierung keine weitere Aktualisierung braucht.

Diese Bühnenwelt bleibt alptraumhaft zeitlos, somnambul auch die dauerdräuende Musik von David Rimsy-Korsakow. Wobei wir beim Aber wären. Es ist dies ein wichtiger, aktueller, packender Abend, keine Frage. Aber ein bisschen zu sehr scheint er zu wissen, wie wichtig und aktuell er ist – und wie sehr er packen will. Die Musik raunt Unheil, die riesigen Projektionen von schwarzweißen von Pferden flackern bedrohlich, auch Wogen wabern dort – die ganze Emotionsmaschine. Wo ist Kleists Kühle hier? 

Wenn das Ensemble sich auch noch zum etwas holprigen Chor formiert, hat diese ganze Kraftmeierei manchmal eine beinahe unfreiwillige Komik. Dabei ist hier doch ganz wunderbar zu sehen, was im Grunde am schauerlichsten ist: die junge, freundliche Stimme einer Josephine Schumann, die am Ende kühl vom Schafott berichten wird. Und wem gehört sie, diese Erzählerstimme? Den Pferden.

Wieder am 11., 12., 20., 25. und 27.2. im Großen Haus des Hans Otto Theaters.

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