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Schwielowsee statt Mittelmeer. José Andrés López-Tarazón, Gemma Lobera Galan und Tochter Jana leben seit knapp zwei Jahren in Ferch. Ihre Familie fehlt ihnen besonders, wenn die deutschen Freunde am Wochenende keine Zeit haben.
© Johanna Bergmann

Schwielowsee: Stille statt Spanien

Ein spanisches Wissenschaftler-Paar hat die Krise in seinem Heimatland nach Ferch gebracht. Doch dauerhaft will es dort nicht bleiben.

Von Eva Schmid

Schwielowsee - Der Kontrast könnte nicht größer sein: Ferch, das sei schön grün, aber das war es dann auch. In vergleichbar großen Orten in Spanien, da sehe man mehr Menschen. Es gebe Leben auf der Straße. Jedes noch so kleine Dorf habe einen Lebensmittelladen, sagt José Andrés López-Tarazón. „Und eine Bar.“ Seit knapp zwei Jahren wohnt er am Schwielowsee, die Wirtschaftskrise in seinem Land hat ihn über Umwege ins Potsdamer Umland gebracht. Jetzt steht er mit kleinem Töchterchen auf dem Arm und dem zotteligem Labradormischling in seinem Garten, in der Stille, umgeben von Grün so weit das Auge reicht.

Deutschland, das sei ein Land, in dem man gut Kinder großziehen könne, dachte sich der 34 Jahre alte Wissenschaftler einst. Der Experte für Geomorphologie bewarb sich auf eine Stelle am Institut für Erd- und Umweltwissenschaften der Universität Potsdam. Er bekam die Stelle in Golm im Rahmen eines europäischen Marie-Curie-Stipendiums. José zog von Liverpool nach Potsdam. Ein Jahr arbeitete er bereits in England, in Spanien wurden die Arbeitsbedingungen währenddessen immer noch nicht besser. Also kam auch seine Frau Gemma Lobera Galan mit. Sie wohnte noch in der gemeinsamen Wohnung in Lleida, einem Ort in Katalonien. Gerade mit dem Doktor fertig, brauchten sie mehr Sicherheit, wollten eine Familie gründen. Die Biologin forscht wie ihr Mann im Umweltbereich. Potsdam, das sagte ihr zu, nach England wollte sie nie. Zu grau, zu wenig einladend, so die 33-Jährige. Liverpool sei eine Stadt zum Feiern, nichts für Familien.

Erfolglose Wohnungssuche in Potsdam

Das Paar schaut sich an, zwischen ihnen sitzt mittlerweile die vier Monate alte Tochter. Geboren in Potsdam. Die kleine Jana strampelt freudig, sabbert und strahlt. Ihr ist es – derzeit noch – egal, wo sie aufwächst. Ihre Eltern haben zuvor in Potsdam erfolglos eine Wohnung gesucht, aber keine mit Garten für ihren großen Hund gefunden. Als sie das Reihenhaus in Ferch fanden, waren José und Gemma erleichtert, vorerst sind sie angekommen. Auch wenn es sich oft komisch und fremd anfühlt.

Mit dem Deutsch hakt es noch, beide sprechen aber fließend Englisch. Für die Arbeit am Institut braucht José kaum Deutsch, er arbeitet an internationalen Projekten, viele seiner Kollegen sind wie er Ausländer. Gemma hingegen, die derzeit in Elternzeit ist, braucht für das tägliche Leben mehr Deutsch. Klar, die Nachbarn könnten Englisch, viele junge Familien am Schwielowsee auch – aber nicht immer komme sie damit durch. Und dann müssen die wenigen deutschen Sätze her. Gemma hält zwei Finger hoch, zwei Deutschkurse habe sie gemacht. Viel dabei herausgekommen sei nicht. Zu schwierig sei die Sprache. Für sie eine große Mauer, denn wenn Gemma ab und an im Familienzentrum in Caputh ist, merkt sie, dass sie mit Deutsch besser und schneller anknüpfen könnte.

Am Wochenende oft alleine

Es sind Eltern aus Mexiko oder Australien, mit denen sie sich öfters trifft. Fremde wie sie. „Auch sie haben keine eigenen Familien hier“, sagt Gemma. Man merkt ihr an, dass ihr die Nähe zu den Großeltern und Geschwistern fehlt. Was in spanischen Familien oft üblich ist, nahe bei der Familie zu leben, ist nun nicht mehr möglich. Selbst wenn die Großeltern alle zwei Monate einfliegen würden, es sei nicht das Gleiche. Auch ihr Mann seufzt. Ihm werde es besonders an den Wochenenden deutlich: „Da sind wir oft alleine, meine deutschen Kollegen haben dann ihre eigenen Familientreffen.“ Auch wenn es den beiden in Deutschland gefällt, Josés Vertrag noch bis Ende des kommenden Jahres läuft und die Tochter bereits in der Fercher Kita angemeldet ist, „wollen wir mittelfristig zurück“.

Vieles von dem, was die beiden aus Spanien kennen, sei in Deutschland und besonders in Ferch anders. Durchaus besser, wie das Paar findet. In Spanien könnten sich zum Beispiel nur Privatversicherte eine Hebamme leisten. Eltern würden nur vier Monate lang Elterngeld erhalten. „Und die ersten Grundschulen werden wegen der Krise geschlossen“, erzählt Gemma. „Das deutsche System ist fokussiert auf Babys“, sagt die junge Mutter und lacht.

Sie nimmt es mittlerweile in Kauf, dass der Bus so selten nach Potsdam fahre, man um zum Bahnhof zu kommen auch wieder ein Auto bräuchte. Aber den Kontakt zu den Ferchern, den vermisse das Paar schon. „Die Deutschen machen in ihrer Freizeit Kuchen, Marmelade, grillen – immer zu Hause“, sagt José. Er denkt kurz nach, überhaupt würden die Deutschen alles gerne selber machen, das sei wohl auch der Grund, wieso sie so wenig Zeit für häufige Zusammentreffen hätten. „Wenn man bei uns ein bisschen Geld hat, dann zahlen wir lieber für die Arbeiten im und am Haus, nutzen die Zeit und gehen in die Bar.“ Seine Frau grinst und klopft ihrem Mann liebevoll auf die Schulter. Man müsse nur die Mentalität wechseln, dann klappe das schon mit Ferch und Deutschland.

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