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Enrico und Ginette Rhauda wollen in Rehbrücke eine Indoor-Surfwelle eröffnen.
© Paul Ganse Photography

Indoor-Surfen in Potsdam-Mittelmark: Wellenreiten an die Weltspitze

Ein Potsdamer Paar will in Bergholz-Rehbrücke eine Surfhalle bauen. Dort sollen die breitesten Indoor-Wellen überhaupt entstehen.

Bergholz-Rehbrücke - Noch ist hier nur eine Wiese, eingegrenzt durch einen Bauzaun. Ab und zu rattert ein Güterzug vorbei. Sonst ist nicht viel los. Doch bald schon soll hier, in Bergholz-Rehbrücke, einem Ortsteil der Gemeinde Nuthetal, auf einem Gelände, das rund 200 Meter vom Bahnhof entfernt liegt, die breiteste Indoor-Surfwelle weltweit entstehen. 14 Meter breit und 1,80 Meter hoch soll sie sein. So jedenfalls sehen es die Pläne von Ginette und Enrico Rhauda vor. Das Surferpaar will das Indoor-Surfen ganzjährig nach Brandenburg holen. Im Herbst soll der Bau der dafür nötigen Halle beginnen. Ginette Rhauda hofft, dass die „Havelwelle“ bis Weihnachten 2023 fertig ist.

Surfen auf einer stehenden Welle – die Idee ist nicht neu. Entstanden ist sie 1971 in München auf der Floßlände. Etwas bekannter ist allerdings die Eisbachwelle, die sich ebenfalls in der bayerischen Landeshauptstadt befindet. Vereinfacht gesagt wird eine stehende Welle erzeugt, wenn Wasser auf ein Hindernis trifft. Beim Indoor-Surfen stehen immer zwölf Personen in einem Slot an der Welle und sind nacheinander dran. Wie lange man auf der Welle surft, ist abhängig vom Können. „Das kann zwischen ein paar Sekunden bis zu ein paar Minuten sein“, sagt Ginette Rhauda. Gute Surfer:innen könnten auch zu zweit auf der Welle stehen. Falle man ins Wasser, heißt es: raus und hinten wieder anstellen. Dann ist der Nächste dran.

Nahe dem Bahnhof des Nuthetaler Ortsteils Rehbrücke soll die breiteste Indoor-Surfwelle weltweit entstehen. 
Nahe dem Bahnhof des Nuthetaler Ortsteils Rehbrücke soll die breiteste Indoor-Surfwelle weltweit entstehen. 
© Andreas Klaer

Surfen auf stehenden Wellen liegt im Trend

Laut des Deutschen Wellenreitverbandes nimmt das Surfen auf stehenden Wellen zu. 13 Locations soll es bis 2023 deutschlandweit geben, sagt Verbands-Vizepräsident Quirin Rohleder. In Regensburg oder Hannover sind bereits natürliche oder halbnatürliche stehende Wellen. Zudem gibt es künstliche Wellen – etwa im Berliner Bezirk Lichtenberg, nur rund 40 Kilometer von Rehbrücke entfernt. Dort steht seit 2020 das Wellenwerk. In der Indoor-Surfhalle gibt es stehende Wellen von bis zu 1,60 Meter Höhe und 8,50 Meter Breite. Jene in der Havelwelle sollen sie mit ihren 14 Metern Breite übertrumpfen. Breitere Wellen gibt es mit 16 Metern laut Verband in den USA – jedoch draußen.

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Enrico Rhauda, der aus Berlin stammt und mit Ehefrau Ginette in Potsdam lebt, ist sich sicher, dass die Region Berlin-Brandenburg zwei Surfwellen vertragen kann. „Wir haben Dresden, Leipzig, Polen, Tschechien. Selbst aus den Niederlanden kommen die Leute zum Surfen her“, sagt der 44-jährige Unternehmer. Mit der Tourismus Marketing Brandenburg haben die Rhaudas eine Analyse erstellt, ob sich eine Halle in der Gegend lohnt. „Die meisten Anlagen sind zu 75 bis 90 Prozent ausgelastet“, sagt er. „Das ist ein ungesättigter Markt.“

Die Rhaudas setzen auf ein nachhaltiges Energiekonzept

Um eine solche Indoor-Welle zu generieren, ist allerdings viel Energie nötig – mit Blick auf Klimawandel und schwindende Ressourcen nicht gerade ein nachhaltiges Vorhaben. „Klar sind natürliche beziehungsweise halbnatürliche Wellen immer besser. Aber sie können nicht überall entstehen“, sagt Quirin Rohleder. Denn, damit sich eine solche Welle von selbst generiere, werde ein Gefälle benötigt – und in dieser Hinsicht herrscht im flachen Brandenburger und Berliner Raum bekanntlich Mangelware. 

Außerdem gebe es hohe bürokratische Hürden wie beispielsweise den Naturschutz. Über zehn Jahre habe es gedauert, bis es mit der Genehmigung für das Surfen auf der Fuchslochwelle in Nürnberg geklappt habe, sagt Rohleder. Eine Mischung aus künstlichen und natürlichen Wellen sei daher gut. Betreiber von Indoor-Wellen sieht Rohleder in der Pflicht, die Hallen möglichst energieeffizient zu betreiben.

Die Rhaudas haben beschlossen, auf ein nachhaltiges Energiekonzept für die Havelwelle zu setzen. „Wir brauchen keine Erdwärme, keine Fernwärme“, sagt Enrico Rhauda. Die Turbinen, die die Welle erzeugen sollen, generierten Wärme. Aus der Abwärme lasse sich die Halle klimatisieren und im Winter beheizen. „Dadurch entsteht ein Kreislauf. Das ist besser, als die erzeugte Wärme in die Luft zu pusten“, sagt er.

Ein teures Vergnügen

Das Surf-Vergnügen wird jedoch seinen Preis haben: 50 bis 55 Euro soll eine Stunde auf dem Brett kosten. Damit das Surfen in der Havelwelle nicht nur etwas für Großverdiener wird, wollen die Rhaudas Rabatte für Studierende und günstigere Mehrstundenkarten anbieten. Auch haben sie sich mit gemeinnützigen Organisationen wie der Arche vernetzt, um Kindern und Jugendlichen aus finanziell schlechter gestellten Familien das Surfen ermöglichen zu können. 

Die Rhaudas wollen Meisterschaften nach Rehbrücke holen. 
Die Rhaudas wollen Meisterschaften nach Rehbrücke holen. 
© ZB

„Es ist jetzt noch zu früh, um über konkrete Angebote zu sprechen“, sagt Ginette Rhauda. Sicher sei aber schon jetzt, dass die Halle für die Öffentlichkeit erst mittags öffnen soll, um sie vorher dem Schul- und Vereinssport zu überlassen. Surfen steht in Brandenburg auf dem Lehrplan, sagt die 37-Jährige. Auch Feriencamps könnten stattfinden. Neben der Halle sollen zwölf Slube Homes entstehen. Solche kreisrunden Tiny Houses halten Schlafplätze für zwei Erwachsene und ein Kind bereit.

Jeder kann kommen - unter einer Bedingung

Surfen kann man aus Sicht der Rhaudas in jedem Alter. „Wir haben in unserer ersten Surfhalle, die wir besucht haben, einen Opa mit seinem Enkel beim Surfen gesehen. Das war so ein toller Anblick“, sagt Ginette Rhauda. Das Angebot der Havelwelle soll sich deshalb an alle richten. „Jeder kann kommen“, sagt Enrico Rhauda. 

Ginette und Enrico Rhauda sind sich sicher, dass die Region zwei Surfwellen vertragen kann.
Ginette und Enrico Rhauda sind sich sicher, dass die Region zwei Surfwellen vertragen kann.
© Andreas Klaer

Einzige Bedingung: Man muss schwimmen können. Je nach Vorerfahrung werde man in eine von drei Stufen eingeteilt: Anfänger, Fortgeschrittene und Profis. Den Anfängern und den Fortgeschrittenen stehen Lehrer:innen zur Seite, sagt der Unternehmer. „Sie helfen aufs Brett und sind auf der Welle mit dabei.“ Stehende Wellen seien berechenbarer als jene auf dem Meer und deshalb einfacher zu reiten. „Nach einer Stunde kann man auf dem Brett stehen“, verspricht Enrico Rhauda. Die Schale im Becken sei ausgepolstert. Somit bestehe keine Verletzungsgefahr. Wer vom Brett fällt, werde in das breite Becken hinter der Welle gespült.

Die Betreiber haben große Pläne

Die Pläne der Rhaudas für die Region reichen aber noch weiter. Sie wollen weltweite Surfmeisterschaften nach Nuthetal holen. „Vielleicht wird das Surfen auf einer stehenden Welle bald auch olympisch und dann könnte das hier ausgetragen werden“, sagt Ginette Rhauda. Laut dem Deutschen Wellenreitverband ist das aber noch Wunschdenken. „Das Surfen auf einer stehenden Welle und das draußen auf dem Meer, das ist schon ein Unterschied. Das Anpaddeln fällt zum Beispiel weg. Das ist beim Surfen essenziell. Auf der stehenden Welle setzt man sich drauf und es geht los“, sagt Rohleder.

Die Idee kam den Rhaudas beim Surfen auf Fuerteventura. „Wir saßen abends zusammen beim Wein und dachten: Schade, dass der Urlaub schon wieder vorbei ist“, erzählt Ginette Rhauda. „Wir würden gerne noch ein bisschen weiter surfen. Bauen wir doch einfach eine eigene Halle.“ Das war vor etwa drei Jahren. Es sei zunächst eine „Schnapsidee“ gewesen. Doch sie ließ die beiden nicht mehr los. Bis ein passendes und erschwingliches Grundstück gefunden war, dauerte es und die Corona-Pandemie hinderte ihre Pläne. Nun will das Paar den Bauantrag abgeben. Bis die Baubehörde ihn bewilligt, wollen sie das Grundstück aufräumen. Eine vorläufige Bauvoranfrage wurde ihnen bereits bestätigt.

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