150 Jahre Hoppegarten : Kaiser, Krieg und DDR-Kaffeekannen

Schikanen der Rennbahn: Seit 150 Jahren ist der Galopprennsport in Hoppegarten Zuhause. Ein Rückblick auf turbulente Zeiten.

Der sozialistische Gang. Bis 1961 waren auf der Rennbahn Hoppegarten noch westdeutsche Pferde und Besucher zugelassen, danach blieb die DDR bis 1990 unter sich.
Der sozialistische Gang. Bis 1961 waren auf der Rennbahn Hoppegarten noch westdeutsche Pferde und Besucher zugelassen, danach...Foto: Caro / Sorge

Die Deutschen sind ein abergläubisches Völkchen: Vor dem Geburtstag zu gratulieren bringt Unglück. Bei einer alten Dame wie der Rennbahn Hoppegarten aber darf man auch einmal eine Ausnahme machen, hat sie ihre größte Ehrung doch schon am 22. März erhalten: Der Gemeinderat Hoppegarten gab seinem Verwaltungsgebiet am 22. März 2018 einstimmig das Attribut „Rennbahngemeinde“. Damit waren die Gemeinderäte fast zwei Monate zu früh dran, öffneten sich die Klappen zum allerersten Rennen auf der Galopprennbahn Hoppegarten doch am 17. Mai 1868. Es war ein Rennen mit Hindernissen – im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne: Nicht nur war es tatsächlich ein Hindernisrennen, den Bau der Anlage musste der eigens gegründete Verein „Union“ auch aus Mitgliederbeiträgen und Anteilsscheinen finanzieren. Hilfe vom preußischen Staat: Fehlanzeige. König Wilhelm I. gefiel es trotzdem, auch wenn er sich über die ungepflasterten Straßen und die schaukelige Kutschfahrt über Sandalleen beschwerte.

Heute, da die Rennbahn Hoppegarten in ihre 150. Jubiläumssaison geht, gibt es in dem Vorwerk östlich von Berlin längst gepflasterte Straßen rund um das Gelände. Die Damen und Herren von Welt müssen nun nicht mehr röckeraffend und spazierstockschwingend über Trampelpfade stolpern, die S-Bahn fährt fast bis vor die Einlasstore, und das Automobil ist in der Zwischenzeit erschwinglich geworden. Dennoch ist Hoppegarten immer noch eine andere Welt: Villen, baumbestandene Sandwege und weitläufige Wiesen weisen auf die hier residierenden wohlhabenden Großbürger und die lange Pferdezuchttradition hin. Selbst zwei Weltkriege und die DDR-Zeit konnten der Rennbahn und dem angeschlossenen 430 Hektar großen Rennbahn- und Trainingsgelände nichts anhaben. Im Gegenteil: Nach Jahrzehnten des Verfalls erlebt die Rennbahn gerade eine Renaissance und zieht zum Rennen der Einheit oder zur Saisoneröffnung tausende Zuschauer an – beim ersten Rennen der Saison 2017 waren es 7500.

Viele Züchter und Jockeys kamen vom preußischen Militär

Der Rennsport vereinte von Anfang an Elite und Pöbel: Einerseits war er Volksbelustigung für die Arbeiterschicht, die zwischen Mietskasernen und Fabrikschornsteinen die Flucht ins Grüne suchte. Andererseits kamen zum Gründungstreffen des Union-Klubs im Hotel de Rome, heute „Römischer Hof“ genannt und Unter den Linden gelegen, zahlreiche von und zus, so wie der preußische Oberlandstallmeister von Maltzahn oder Herzog Viktor von Ratibor. Der reich dekorierte Hochadelige war später Vorsitzender des Klubs und kam wie so viele Züchter und Jockeys aus der Kavallerie des preußischen Militärs. So gewann das allererste Rennen auf der Rennbahn Hoppegarten ein Leutnant von Bülow auf seinem Pferd Missunde. Denn in den Anfängen des Pferderennsports im noch jungen Deutschen Reich saßen oft die Besitzer selbst auf den besten Abkömmlingen ihrer Gestüte, viele Pferde kamen gar beim Militär zum Einsatz und starteten am Wochenende auf der Rennbahn. Zudem war der Sport noch längst nicht so spezialisiert wie heute, man ritt Hindernis- und Flachrennen auf dem 2500-Meter-Oval munter durcheinander.

Ebenso trubelhaft ging es finanziell für den Union-Klub los: Profitierte der Verein anfangs noch von der neu eingeführten Toto-Regelung und sahnte satte Gewinne durch Wetten ab, kam mit der Wirtschaftskrise und dem Toto-Verbot 1882 das erste echte Hindernis in der Geschichte der Rennbahn. Acht Jahre zuvor hatte das Union-Gestüt, Gründer des Vereins und Rennbetreibers, das Gelände dem ehemaligen Verpächter Johann von Treskow abgekauft. 1886 konnte der Verein aber aufatmen, denn das Wettgeschäft wurde wieder legalisiert, und die daraus resultierenden Gewinne ermöglichten den Bau von soliden Tribünen für die Zuschauerscharen aus der Stadt und den Vorstadtvillen. Dennoch traf das Sonntagsrennverbot aus dem Jahr 1891 , das Kaiser Wilhelm II. aus religiösen Gründen erließ, den Verein hart. Gleichzeitig expandierte man: Neben der Rennanlage, die Architekt Carl Bohm nach den großen französischen Vorbildern in Longchamps und Chantilly angelegt hatte, zählte der Verein bald Gut Neuenhagen zu seinem Gelände.

In Hoppegarten blühte die deutsche Pferderennkultur auf

Damit schaffte der Standort den Sprung vom reinen Renn- zum Trainingsgelände. Drei Grasbahnen und eine Rennbahn garantierten den dünnbeinigen Vollblütern aus den umliegenden Gestüten und Ausgründungen meist traditionsreicher westdeutscher Gestüte hervorragende Trainingsbedingungen. Reiche Familien aus West- und Südwestdeutschland ließen ihre Pferde auf der hochmodernen Anlage trainieren. Der Sport, der vor der Reichsgründung weit hinter dem Standard der englischen und französischen Pferderennkultur hinterhergehinkt hatte, blühte auf in dieser Zeit. Die Familie von Weinberg aus Frankfurt etwa holte den Trainer George Walker ins Brandenburgische und ließen ihn mit wissenschaftlichen Methoden das Training in Hoppegarten revolutionieren. Die Gestüte, die hier starten ließen, trugen vollmundige Namen wie Schlenderhan, Waldfried und Erlenhof, sie gehörten Familien wie den Oppenheimers und den Thyssens.

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