Brasilien scheidet aus : Belgien siegt mit Glück und Können

Die Belgier schaffen mit einem 2:1 gegen Brasilien den Weg ins Halbfinale der Fußball-WM. Auch weil sowohl das Glück, als auch der Schiedsrichter auf ihrer Seite ist.

Belgien-Spieler Kevin De Bruyne.
Belgien-Spieler Kevin De Bruyne.Foto: REUTERS/John Sibley

Der Oberschenkel war sicher nicht das Körperteil, mit dem Thiago Silva den Ball Richtung belgisches Tor bringen wollte. Doch der Brasilianer schien überrascht, dass die Ecke von Neymar bis zu ihm durchkam. So nahm Thiago Silva also den Oberschenkel statt des Kopfes. Und der Ball landete am Pfosten statt im Tor. Es war nur eine der vielen Großchancen der Brasilianer im Viertelfinale in Kasan.

Doch der Favorit machte zunächst kein Tor. Bekam diese dafür von den unheimlich clever agierenden Belgiern hinten, schaffte dann nicht mehr als das Anschlusstor und verlor 1:2 (0:1). Die WM hat ihre nächste ganz große Überraschung: Brasilien ist raus – und Belgien steht am Dienstag gegen Frankreich in seinem zweiten WM-Halbfinale nach 1986.

Kevin De Bruyne gab mit einem ersten Schuss aus der Distanz schon in der zweiten Minute das Signal für eine furiose erste Halbzeit. Diese bestimmten die Brasilianer, die in der gegnerischen Defensive am Anfang erstaunlich viele Räume fanden. Aber Belgien begnügte sich keinesfalls nur mit Abwehrarbeit.

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Warum auch? Keine Mannschaft hat in diesem Turnier bisher mehr Tore erzielt. Zwölf waren es vor dem Spiel. Treffer Nummer 13 besorgten dann unfreiwillig die Brasilianer. Nacer Chadli hatte eine Ecke reingebracht, die Fernandinho mit dem Oberarm ins eigene Netz lenkte. Der Unglücksrabe war für den wegen einer Gelbsperre fehlenden Casemiro neu in die Startelf der Selecao gerückt.

Konter bei den Belgiern

Der Zwischenstand passte hervorragend ins Konzept der Belgier. Sie setzten weiter auf schnelle Konter – und kamen nach gut einer halben Stunde ein weiteres Mal zum Erfolg. Nach einem Eckball Brasiliens eroberte Belgien den Ball. Romelu Lukaku spurtete unaufhaltsam durch das Mittelfeld, legte auf De Bruyne, der unhaltbar abschloss. Ein Angriff, der in keiner theoretischen Unterweisung perfekter skizziert werden könnte. Brasilien zeigte sich bis zur Pause angeschlagen. Die Zahl der guten Gelegenheiten nahm deutlich ab. Wenn doch noch etwas ging, war Torwart Thibaut Courtois da.

Vor vier Jahren im Halbfinale war Brasilien gegen Deutschland bereits zur Halbzeit ausgeschieden, es stand 0:5. Endstand 1:7. Nun gegen Belgien im Viertelfinale war zwar nach 45 Minuten noch nicht alles aus, doch es drohte erneut eine riesige Enttäuschung auf der größtmöglichen Bühne. Die große Frage war: Wie würden die Brasilianer mit diesem Druck in der zweiten Halbzeit umgehen?

Sie bemühten sich weiter – mit allen Mitteln. Neymar beispielsweise streute im Strafraum eine ziemlich plumpe Schwalbe ein. Das passte bestens zur harschen Kritik an seinem in hohem Maße theatralischen Auftreten während der gesamten WM. Weitaus strittiger war das Einsteigen von Vincent Kompany gegen Gabriel Jesus. Doch nach Videobeweis hieß es: kein Elfmeter. Naturgemäß öffnete die immer offensivere Spielweise von Neymar und Kollegen den Belgiern die Räume, die sie lieben. Schon nach gut einer Stunde hätte Eden Hazard einen Strich unter das Spiel machen können, verfehlte das Ziel aber aus spitzem Winkel.

Brasilien blieb weiterhin zumindest ein bisschen in der Partie. Und war es eine Viertelstunde vor dem Ende dann noch viel mehr. Renato Augusto – früher Bayer Leverkusen, inzwischen Beijing Guoan – traf kurz nach seiner Einwechslung mit dem Kopf. Spätestens da war klar, dass sich die Uhr nun aus belgischer Sicht ganz langsam Richtung Ende des Spiels schieben würde.

Jetzt bewegte sich eine Angriffswelle nach der anderen, einhergehend mit weiteren guten Gelegenheiten, auf das Tor des starken Courtois zu. Seine Vorderleute wirkten größtenteils reichlich ausgelaugt. Dann endlich, nach über 80 Minuten, wechselte Trainer Roberto Martinez zum ersten Mal aus. Gut zehn Minuten später hatten es die Belgier geschafft – und das letzte Team aus Südamerika verabschiedete sich. Tsp

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