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Der X-Faktor im Leitl-Ball: Dawid Kownacki und sein erfolgreiches Comeback bei Hertha BSC
Der Pole ist erst zehn Minuten auf dem Feld, als er mit seiner ersten Chance zum 1:0 trifft. Zum dritten Mal nacheinander reicht Hertha BSC ein Tor zum Sieg.
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Dawid Kownacki ist am Samstag im Spiel seiner Mannschaft bei Holstein Kiel in der 65. Minute aufs Feld gekommen. Aber seine Geschichte hat im Grunde schon sehr viel früher und ohne sein Zutun angefangen.
25 Minuten waren vorüber, Kownacki saß noch auf der Bank, als Hertha BSC die bis dahin größte Chance des Spiels hatte. Von der rechten Seite flog eine Ecke in den Strafraum von Holstein Kiel, Herthas Verteidiger Linus Gechter verlängerte den Ball per Kopf und legte seinem Kollegen Luca Schuler damit ein sicheres Tor auf.
Der Mittelstürmer des Berliner Fußball-Bundesligisten stand am zweiten Pfosten und anderthalb Meter vor dem Kieler Tor vollkommen frei – doch Schuler traf den Ball nicht richtig. Er schoss sich mit dem rechten Fuß ans linke Bein. Die Chance war vertan.
Zehn Minuten nach seiner Einwechslung fand Kownackis Geschichte, die mit Schulers Fehlschuss angefangen hatte, ein rundes Ende. Wieder kam der Ball von der rechten Seite in den Kieler Strafraum, diesmal von Herthas Kapitän Fabian Reese. Seine Flanke flog Richtung zweitem Pfosten, und dort stand Dawid Kownacki, ähnlich unbedrängt wie eine gute Stunde zuvor Luca Schuler, und köpfte zum 1:0 für die Berliner ein.
„Es ist überragend“, sagte der Pole, der in Kiel nach zweimonatiger Verletzungspause zum ersten Mal wieder bei Hertha BSC im Spieltagskader stand. „Das hätte ich mir nicht besser erträumen können. Wir hatten nicht viele Chancen, doch wenn man eine solche Situation hat, muss man die als Stürmer auch nutzen.“
Wie schon in den beiden Spielen zuvor reichte Hertha ein einziger Treffer zum Sieg – weil die Mannschaft zum sechsten Mal nacheinander ohne Gegentor blieb. „Das ist unsere Qualität: Wir arbeiten gemeinsam gegen den Ball und sind relativ effizient vorne“, sagte Kapitän Reese nach dem 1:0-Erfolg.
Das galt – siehe oben – nicht unbedingt für Luca Schuler, der schon in der Vergangenheit das eine oder andere Mal durch spektakulär vergebene Torchancen aufgefallen ist. Das galt aber definitiv für Dawid Kownacki, der den gesamten Angriff vor dem Siegtreffer mit einem Pass aus dem Mittelfeld zu Fabian Reese erst auf den Weg gebracht hatte.
„Grundsätzlich ist die Aktion, eingeleitet von Dawid und vollstreckt von Dawid, sehr, sehr gut“, sagte Trainer Stefan Leitl. „Wir haben maximales Vertrauen in ihn – und er kann uns momentan, gerade in der Sturmspitze, noch mal auf ein neues Niveau heben.“ Im Kampf um den Aufstieg könnte der 28-Jährige für Hertha tatsächlich noch zu einem echten Trumpf werden.
Ein Topstürmer in der Zweiten Liga
Im Sommer haben die Berliner den Angreifer vom Bundesligisten Werder Bremen ausgeliehen. Kownacki ist einer jener Stürmer, die in der Zweiten Liga verlässlich liefern, sich in der Bundesliga aber schwer tun. Bei Werder hat er nie eine besondere Rolle gespielt – anders als bei Fortuna Düsseldorf. Für die Düsseldorfer hat der Pole in den vergangenen beiden Zweitliga-Spielzeiten jeweils zweistellig getroffen.
Eine solche Quote braucht vermutlich auch Hertha, wenn der Traum vom Aufstieg Wirklichkeit werden soll. Und von allen Angreifern im Kader ist sie am ehesten Dawid Kownacki zuzutrauen. Das Tor gegen Kiel war sein dritter Saisontreffer in nur sieben Einsätzen (davon lediglich vier in der Startelf).
Und trotzdem: Die Berliner haben mit Reese zwar den besten Vorbereiter der Liga (sieben Vorlagen) in ihren Reihen, jedoch keinen Torschützen in den Top Ten. Luca Schuler, Sebastian Grönning, Marten Winkler und jetzt auch Kownacki kommen nach 13 Spieltagen auf je drei Treffer.
Es ist vielleicht nicht immer spektakulär, aber wir ziehen alle an einem Strang und sind gut organisiert. Das ist ein sehr gutes Gefühl.
Herthas Mittelfeldspieler Paul Seguin
Das liegt natürlich auch an der grundsätzlichen Ausrichtung, für die vor allem Trainer Leitl steht. „Die Defensive ist die Basis“, sagt Mittelfeldspieler Paul Seguin. Leitl fand sein Team auch in Kiel, gegen den Absteiger aus der Bundesliga, „insgesamt sehr kompakt, sehr gut, sehr diszipliniert“. Hinter Tabellenführer Schalke 04 stellt Hertha die beste Defensive der Liga.
Leitl, seit knapp zehn Monaten bei Hertha, hat ein Team geformt, das seine Idee vom Fußball nahezu perfekt umsetzt. „Es ist vielleicht nicht immer spektakulär, aber wir ziehen alle an einem Strang und sind gut organisiert“, sagt Seguin, der schon in Fürth unter Leitl gespielt hat – und mit ihm in die Bundesliga aufgestiegen ist. „Das ist ein sehr gutes Gefühl.“
Ein offensives Feuerwerk wird man von Hertha selten geboten bekommen. Chancen sind eher rar. Das war auch in Kiel so. Umso wichtiger ist es, die wenigen sich bietenden Möglichkeiten mit maximaler Verlässlichkeit zu nutzen – so wie es Dawid Kownacki am Samstag getan hat. „Das ist auch individuelle Qualität“, sagt Herthas Trainer.
Der Mittelstürmer könnte zum Faktor X für den Leitl-Ball werden, den die Berliner inzwischen immer selbstverständlicher spielen. Herthas Trainer jedenfalls weiß, was er an Dawid Kownacki hat. „Wie er sich rangekämpft hat, wie er zurückgekommen ist – großen Respekt“, sagte er.
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