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Manuel Gräfe, 48, hat 268 Spiele in der Bundesliga gepfiffen, 2011 wurde er zu Deutschlands Schiedsrichter des Jahres gewählt.
© Imago

Manuel Gräfe zum Wechselfehler des FC Bayern: „Der Fall ist komplizierter, als manch einer denkt“

Der frühere Schiedsrichter Manuel Gräfe hält eine Aberkennung des 4:1-Sieges der Bayern beim SC Freiburg wegen des Wechselfehlers für durchaus möglich.

Von Jörg Leopold

Herr Gräfe, der FC Bayern gibt sich mit Blick auf die Sportgerichtsentscheidung nach dem Wechselfehler beim 4:1 in Freiburg gelassen. Zurecht?
Die Angelegenheit ist regeltechnisch und juristisch nicht ganz so einfach, wie der eine oder andere vielleicht meint.

Klären Sie uns auf!
Regel 3 (Zahl der Spieler) ist eine der komplexesten Regeln überhaupt. Konkret stellt sich hier die Frage, wann der Wechsel vollzogen war. Dass das Schiedsrichter-Team um Christian Dingert mehrere Verstöße begangen hat, ist gemäß Regelwerk offensichtlich.

Welche Regelverstöße meinen Sie?
Es ist explizit geregelt, dass das Spiel fortzusetzen ist, wenn ein Spieler das Spielfeld nicht verlassen will. Bayerns Einwechselspieler Marcel Sabitzer hätte das Spielfeld dann auch nicht betreten dürfen und die Spielfortsetzung hätte kein Schiedsrichter-Ball, sondern ein indirekter Freistoß sein müssen. Das könnte das Sportgericht aber als nicht relevante Regelverstöße einordnen.

Und welche Problematik wäre Ihrer Ansicht nach im vorliegenden Fall relevant?
Die entscheidende Frage für das DFB-Sportgericht könnte sein: Wann wird ein Spieler zum Auswechselspieler und wann ein Auswechselspieler zum Spieler. Dieses hat gegebenenfalls Folgen für die Anzahl der Wechselslots, also die Anzahl der erlaubten Unterbrechungen für Spielerwechsel. Grundsätzlich gibt es drei Slots plus Halbzeit. Demnach war Bayerns Doppelwechsel mit Niklas Süle und Sabitzer der dritte und letzte in der zweiten Halbzeit. In den Regeln ist festgelegt, dass ein Wechsel vollzogen ist, wenn der Spieler das Spielfeld betritt, aber dafür gibt es mehrere Bedingungen.

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Die da wären?
Eine ist die Zustimmung des Schiedsrichters, aber eben eine weitere auch, dass der auszuwechselnde Spieler das Spielfeld verlassen muss. Das war hier offensichtlich nicht der Fall – also war der Wechsel von Sabitzer und Kingsley Coman im Wechselslot mit Süle de facto nicht abgeschlossen. Die Auswechslung wurde damit formal erst in der nächsten Spielunterbrechung vollzogen, und das wäre dann gegebenenfalls ein vierter Wechselslot der Bayern, der gegen die Durchführungsbestimmungen verstößt.

Was ist der Unterschied zwischen Regeln und Durchführungsbestimmungen?
Für die Regeln ist der Schiedsrichter zuständig, für die Durchführungsbestimmungen hingegen sind es insbesondere seit dem Grundsatzurteil nach dem Pokalausschluss des VfL Wolfsburg im Sommer die Vereine. Sollte das Sportgericht zu der Auffassung kommen, dass der letzte Bayern-Wechsel erst in der nächsten Spielunterbrechung vollzogen worden ist, welches den Regeln entsprechend nahe liegt, könnte dieser Wechsel dann einen irregulären vierten Slot beinhalten, da Sabitzer erst ab diesem Augenblick zum Spieler wurde und eben nicht mehr hätte eingesetzt werden dürfen.

Nach dem Wechselfehler hat der SC Freiburg Einspruch gegen die Wertung des mit 1:4 verlorenen Bundesliga-Spiels gegen den FC Bayern eingelegt.
Nach dem Wechselfehler hat der SC Freiburg Einspruch gegen die Wertung des mit 1:4 verlorenen Bundesliga-Spiels gegen den FC Bayern eingelegt.
© IMAGO/Jan Huebner

Das wäre dann ein Fehler seitens der Bayern, die gegen die Durchführungsbestimmungen verstoßen hätten und deswegen mit einer 0:2-Spielwertung bestraft werden müssten. Oder ist es doch nicht so klar?
Das Sportgericht könnte eventuell den Wechsel formal doch noch mit zu dem von Niklas Süle zählen, obwohl der nicht korrekt vollzogen wurde.

Was halten Sie für das wahrscheinliche Ergebnis des Verfahrens?
Wenn das Sportgericht im oben beschriebenen Verhalten der Bayern einen Fehler bei der Durchführung des Wechsels sieht, kann das sehr wohl noch zum Verlust der drei Punkte führen. Ich bin kein Jurist, aber es ist jedenfalls komplizierter für das Sportgericht, als manch einer denkt.

Die Bayern könnten eine Niederlage am grünen Tisch vermutlich verschmerzen...
Ja. Und deswegen jetzt schon: Gratulation an Bayern zur einmaligen Serie mit der bald zehnten Meisterschaft in Folge.

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