Deutsche Sportler und Olympia : Mühsam ernährt sich der Athlet

Olympischer Sport macht nicht reich. Selbst wer erfolgreich ist, muss unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Eine Übersicht.

Die Berliner Olympiateilnehmer Ende Januar bei der offiziellen Verabschiedung.
Die Berliner Olympiateilnehmer Ende Januar bei der offiziellen Verabschiedung.Foto: dpa

Der Weg zum olympischen Erfolg führt über einen Flickenteppich. In vielen Sportarten müssen sich die Athletinnen und Athleten ihr Einkommen aus ganz vielen Einzelteilen zusammennähen. Wenn sie nicht gerade in einem Verein angestellt sind wie in Profi-Mannschaftssportarten, sind sie meist auf mehrere Unterstützer gleichzeitig angewiesen. Oft ist eine Athletenkarriere eine Art Public-Private-Partnership, weil eine Grundsicherung durch den Staat über die Bundeswehr oder Bundespolizei erfolgt und eine Ko- Finanzierung über Sponsoren oder Stiftungen. Komplizierter wird es dadurch, dass nicht jeder jede Art von Förderung erhalten kann und sich manche Teile untereinander ausschließen. Das ist übrigens eine Besonderheit von Berlin. „In anderen Bundesländern hat man zum Beispiel eine große Sportstiftung oder große Vereine wie Bayer Leverkusen oder starke Unternehmen. In Berlin ist das ein sehr komplexes Thema“, sagt Harry Bähr, der Leiter des Olympiastützpunkts. Da setzt sich die Athletenförderung eben aus vielen einzelnen Teilen zusammen. Wir haben eine Übersicht zusammengestellt.

BUNDESWEHR

Der größte Unterstützer des olympischen Sports in Deutschland ist die Bundeswehr. Derzeit werden 744 Spitzensportler (einschließlich Trainer, Techniker und Physiotherapeuten) als Sportsoldaten gefördert. Rund die Hälfte der insgesamt 153 deutschen Athleten in Pyeongchang sind in den Sportfördergruppen der Bundeswehr.

Die Athleten werden zunächst als freiwillig Wehrdienstleistende für elf Monate eingestellt und absolvieren eine sechswöchige Spitzensportler-Grundausbildung in Hannover, um anschließend in eine der Sportfördergruppen versetzt zu werden. In ihrer Ausbildung bekommen die Sportler militärische Grundfertigkeiten (Erste Hilfe-Ausbildung, Schießausbildung etc.) vermittelt. Leistungssportliches Training in den Olympiastützpunkten hat aber klar Vorrang. Die geförderten Soldaten, so teilt es die Bundeswehr dem Tagesspiegel in einem Schreiben mit, leisteten „keinen vergleichbaren Dienst wie der normale Soldat“. Der Erfolg im Sport habe immer oberste Priorität.

Diesem Motto ordnet die Bundeswehr also alles unter, was vermutlich auch erklärt, warum gerade mal rund zehn Prozent der unterstützten Athleten nach Beendigung ihrer sportlichen Karriere in der Truppe bleiben. Eine verlockende Perspektive für die Sportler hält die Bundeswehr den Zahlen zufolge offenbar nicht bereit.

Die Gehälter der Sportler ergeben sich aus der jeweiligen Besoldungsgruppen. In Pyeongchang werden auch zwei Berliner Sportler dabei sein, die bei der Bundeswehr angestellt sind: die Eiskunstläufer Ruben Blommaert und Paul Fentz. Der Hauptgefreite Blommaert fällt in die Bundesbesoldungsordnung A 4 und dürfte um die 2200 Euro brutto (plus Zulagen) verdienen. Fentz ist Stabsunteroffizier und fällt in die Besoldungsgruppe A 6 oder A 7. Er dürfte wenige hundert Euro mehr verdienen als Blommaert.

BUNDESPOLIZEI

Was die Laufbahn nach der Karriere betrifft, ist die Bundespolizei als zweiter großer Förderer von Deutschlands Olympiateilnehmern wesentlich erfolgreicher als die Bundeswehr. „Wir haben bei der Bundespolizei ein reinrassiges duales System“, sagt Torsten Neuwirth, Pressesprecher der Bundespolizeisportschule im oberbayerischen Bad Endorf. Der Fokus liege darauf, dass die Athleten bei der Bundespolizei auch nach der sportlichen Karriere eine Zukunft hätten und sozial abgesichert seien. „Der Erfolg gibt uns recht: 85 Prozent der geförderten Athleten bleiben auch nach der sportlichen Laufbahn bei der Bundespolizei“, führt Neuwirth weiter aus.

In Pyeongchang ist die Bundespolizei mit 23 Athleten vertreten, die in elf Sportarten um Medaillen kämpfen. Insgesamt unterstützt die Bundespolizei derzeit 85 Spitzensportler. Anders als in der Bundeswehr werden die geförderten Bundespolizisten in einen langfristigen Ausbildungsprozess eingebunden. Sie bildet Spitzensportler in vier Blöcken mit jeweils vier zusammenhängenden Monaten pro Jahr zu Polizeivollzugsbeamten im mittleren Polizeivollzugsdienst aus. Zwei Berliner Sportler, die bei den Winterspielen in Pyeongchang teilnehmen, sind bei der Bundespolizei angestellt: Die beiden Eisschnellläuferinnen Michelle Uhrig und Claudia Pechstein. Letztere ist aber nicht Teil der Sport-Fördergruppe. Pechstein muss also ganz normalen Polizeidienst ableisten.

BERLINER SENAT/ LANDESSPORTBUND

Weil das Land Berlin ein Interesse hat, olympische Athleten zu fördern und auch in Berlin zu halten, werden einige von ihnen mit so genannten Beraterverträgen ausgestattet. Diese Verträge werden seit 2002 vergeben. Das Geld dafür, insgesamt sind es etwa 250 000 Euro im Jahr, kommt von der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, kuratiert wird das Projekt maßgeblich vom Landessportbund Berlin (LSB) in enger Abstimmung mit dem Olympiastützpunkt. „Ohne diese Beraterverträge wären sicher schon einige Athletinnen und Athleten in andere Verbände gewechselt“, sagt Frank Schlizio, der beim LSB die Abteilung Leistungssport leitet.

Für die einzelnen Sportler kann der Beratervertrag eine Menge ausmachen. Die geringste Fördersumme beträgt derzeit 2500 Euro im Jahr, bei den Allerbesten gibt es aber auch mal einen Ausschlag nach oben bis 16 000 Euro. Die Summe wird durch ein aufwändiges Punktesystem errechnet, das die erbrachten Leistungen der vergangenen beiden Jahre berücksichtigt. Um ganz vorne zu liegen, muss man schon Olympiasieger und im darauffolgenden Jahr mindestens WM- Zweiter geworden sein. Grundvoraussetzungen für einen Beratervertrag ist das Erststartrecht für einen Berliner Verein und der Status Bundeskader. Derzeit sind 45 Athletinnen und Athleten aus 17 verschiedenen Sportarten in Berlin mit einem solchen Beratervertrag ausgestattet. Aus dem Wintersport zählen unter anderem die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein und Bente Kraus dazu.

OLYMPIASTÜTZPUNKT

Der Olympiastützpunkt (OSP) macht Athleten nicht reich – aber er kann sie berühmt machen. Denn hier bekommen sie vielfältigste sportfachliche Unterstützung, aber auch Beratung – von eigenen Laufbahnberatern. Damit die Bedingungen so professionell wie möglich sind, organisiert der Olympiastützpunkt vor allem Olympiateilnehmern aber auch anderen Athleten aus seinem Sponsorenpool bei Bedarf und auf Antrag Zuschüsse für Ausrüstung, Trainingsmaßnahmen oder Wettkämpfe. „Wir versuchen dabei, unsere Mittel auch auf alle Sportler gerecht zu verteilen“, sagt OSP-Leiter Harry Bähr. Dem OSP kommt jedenfalls bei der Athletenförderung auch eine koordinierende Rolle zu.

Er kuratiert außerdem die Berliner Sporthilfe. Hierbei handelt es sich um einen finanziellen Zuschuss für Athleten unter 23 Jahren bis zu 800 Euro jährlich. Das Geld muss zweckgebunden und sportbezogen eingesetzt werden, also etwas für Trainingslager oder Wettkampfreisen, für ein Kürkostüm im Eiskunstlaufen oder Ähnliches. Nur der Trainer darf davon nicht bezahlt werden. Und die Athleten müssen die andere Hälfte selbst tragen. Für eine erfolgreiche Olympiaqualifikation zahlt der Olympiastützpunkt auch noch eine Prämie. Wer es zum Beispiel nach Sotschi 2014 geschafft hatte, bekam 1000 Euro. Von der Prämie ausgeschlossen sind allerdings Sportler, die einen Beratervertrag des Landessportbunds haben (siehe oben).

SPORTSTIFTUNG BERLIN

Die Karriere von jungen Sportlern will die Stiftung genauso unterstützen wie ihre Vorbereitung auf und den Übergang ins Berufsleben. „Es geht auch um die Förderung von sportlich talentierten Kindern und Jugendlichen, die aufgrund schwieriger familiärer Verhältnisse nicht in der Lage sind, neben einer qualifizierten Schulausbildung ihre sportliche Karriere weiter zu betreiben. Es geht dann darum, beides zu kombinieren“, sagt der Vorsitzende Norbert Skowronek. Seit 2004 sind insgesamt 90 Sportler gefördert worden, in der aktuellen Förderung befinden sich 25. Die Mittel stammen aus privatem Stiftungskapital. Der Förderzeitraum beträgt erst einmal den Olympiazyklus von vier Jahren und kann dann ausgeweitet werden. Die Förderung deckt zum Beispiel die Reisekosten für Wettkämpfe oder Trainingslager ab oder finanziert die Studiengebühren. So zielt die Sportstiftung Berlin auch auf eine zweite Chance für talentierte Athleten. Bei der beruflichen Orientierung greift die Sportstiftung Berlin außerdem durch die Vermittlung von Praktika und berufliche Beratung unter die Arme.

„Wir möchten den Athleten soweit bringen, dass er nach der Karriere problemlos in einen neuen Beruf einsteigen und darin erfolgreich sein kann“, sagt Skowronek. Die Vorschläge zur Förderung unterbreiten Olympiastützpunkt, Landessportbund und einzelne Verbände; die endgültige Auswahl trifft der dreiköpfige Vorstand der Stiftung. Wer bei den Olympischen Spielen ins Finale kommt, wird von der Sportstiftung im sportlichen Bereich nicht weiter gefördert. Die Unterstützung in der Ausbildung bleibt, wenn sie erforderlich ist, bestehen. Die sportliche Förderung übernimmt dann die Deutsche Sporthilfe.

DEUTSCHE SPORTHILFE

Der Klassiker unter den Förderinstitutionen. Umfang und Art der Förderung werden immer wieder angepasst, die Sporthilfe will innovativ und wertebasiert unterstützen. Jeder Bundeskaderathlet erhält hier eine Basis-Förderung, das sind Leistungen wie eine Unfallversicherung, kostenfreie Seminare etwa zum Bewerbungstraining und Zugang zu einem Karriereportal. In Kooperation mit dem Fachverband ist auch eine finanzielle Unterstützung auf dieser Stufe möglich. Wer nach fachlicher Einschätzung ein bis acht Jahre von der Weltspitze entfernt ist, steigt ins Top Team Future auf, was sich dann gleich auch finanziell bezahlt macht. Athleten aus Individualsportarten erhalten dann 300 Euro pro Monat, Athleten, die der Fördergruppe der Bundeswehr oder Bundespolizei angehören, die Hälfte. Dazu kommen weitere von Unternehmen gesponserte Förderbausteine, die zum Teil noch einmal 400 Euro im Monat ausmachen können.

Im Top Team werden dann Athleten gefördert, die sich bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften unter den besten acht platziert haben. Ihre Grundförderung beginnt mit 300 Euro und kann auf 600 Euro im Monat anwachsen. Auszubildende und Studierende erhalten dazu noch Stipendien über 400 Euro im Monat, Medaillengewinner in der Elite-Förderung weitere 400 Euro im Monat und für die letzten 18 Monate bis zu den Olympischen Spielen gibt es noch ein begrenztes Elite Plus-Förderprogramm mit zusätzlich 1000 Euro im Monat, um sich ganz auf den Sport konzentrieren zu können. Angebote der Berufsorientierung und der Netzwerkpflege auch über das Karriereende hinaus hat die Sporthilfe in den vergangenen Jahren intensiviert.

SPONSOREN

Für viele deutsche Athleten fallen die Sponsorengelder sehr gering aus. Alles was zum Beispiel der Berliner Paul Fentz an externen Unterstützungsleistungen bekommt, sind jährlich ein Paar Schlittschuhe von einem italienischen Hersteller. Aber natürlich differiert dies je nach Sportler. Claudia Pechstein etwa verweist auf ihrer Homepage auf mehr als 20 Sponsoren. Allerdings sind darunter viele kleine Geschäfte, Currywurstbuden oder Fleischereien. Die wenigsten deutschen Olympiateilnehmer würden allein mit Sponsorengeldern über die Runden kommen.

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