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Jürgen Pahl spielte von 1978 bis 87 für Eintracht Frankfurt und gewann mit den Hessen 1980 den Uefa-Cup.
© dpa

Zu Besuch bei Ex-Fußballprofi Jürgen Pahl: Die wesentlichen Dinge im Leben

Er flüchtet aus der DDR, kehrt nach der Wende in den Osten zurück und lebt jetzt in Paraguay: "Ich bin ein Pioniertyp, ein Conquistador", sagt Jürgen Pahl, der frühere Bundesliga-Torhüter.

Die Obstbäume, ach ja“, sagt Jürgen Pahl hinterm Lenkrad seines Bullis und schaut auf die mickrigen Bäume am Straßenrand. Kurz darauf biegt er in eine unbefestigte Einfahrt zu seinem Grundstück ab. Es liegt direkt an einer Überlandstraße im Departamento Guairá, einer Provinz im Landesinneren von Paraguay. Das Anwesen ist nicht sehr groß und fast naturbelassen. Immergrüne Sträucher, kniehohe Schraubenbäume und dürre Urwaldbäume stehen rings um ein kleines weißes Haus mit Strohdach. Von Obstbäumen ist nichts zu sehen.

Dabei heißt es in Deutschland, Jürgen Pahl, der frühere Fußballprofi von Eintracht Frankfurt, lebe als Obstbauer in Paraguay. Vor einigen Jahren hätte ihn mal ein Journalist besucht. Damals führte Jürgen Pahl noch im einige Kilometer entfernten Ort Indepedencia eine Pension, zu der 5000 Quadratmeter Gartenfläche gehörten. „Da stand ich dann fürs Foto zwischen lauter Obstbäumen und zack, war ich der Obstbauer.“

Der Fußballtorwart Pahl spielte zwischen 1978 und 1987 für Eintracht Frankfurt in der Bundesliga, 1980 gewann er den Uefa-Cup. Dann war er weg und tauchte erst 2006 wieder auf – mit einem Artikel in der „Taz“, in dem er seinen einstigen Berufsstand und die „miefige, verlogene“ kapitalistische Gesellschaft vehement kritisierte. Dazu stehe er immer noch, sagt Jürgen Pahl. „Wahrscheinlich gelte ich in Deutschland als Spinner, weil ich nicht im Mainstream mitschwimme.“

Aus seinem Häuschen holt er ein abgewetztes Fotoalbum. Die alten Bilder zeigen ihn als Jugendfußballer, als Bundesligaprofi beim Training, bei Spielen und Feiern. Als fröhliches Mitglied eben jener miefig verlogenen Fußballgesellschaft, zu der auch er früher gehörte. „Was soll’s, alles kommt wie es kommt“, sagt Pahl und erzählt von den vielen Richtungswechseln in seinem Leben. Beim ersten war er 20 Jahre alt und Torhüter der DDR-Nachwuchsauswahl, als er sich gemeinsam mit Norbert Nachtweih Richtung Westen absetzte.

Eigentlich sei er gar kein DDR-Gegner gewesen, erzählt der 56-Jährige, „in Staatsbürgerkunde hatte ich sogar eine Eins“. Doch da waren „diese kleinen Mittelchen“, die sie in der Kinder- und Jugendsportschule in Halle an der Saale nehmen sollten. Dazu das Kontrastprogramm bei den Reisen mit der Juniorenauswahl in den Westen. In Monte Carlo ging er mit seinen 20 D-Mark Taschengeld in ein Casino, das er mit zehnfachem Gewinn wieder verließ. „Irgendwann fragte ich mich, was mir wohl nach zehn Jahren Fußball in der DDR blüht? Ganz klar: richtig arbeiten müssen, nicht unabhängig sein und vielleicht sogar mit 27 noch zur Armee. Im Westen würde ich vielleicht gar nicht arbeiten müssen, wenn ich genug verdiene.“

Pahls Flucht über Istanbul: "So, jetzt geh ich!"

Im November 1976, bei einem Länderspiel in Bursa, „habe ich zu Norbert Nachtweih und Burkhardt Pingel gesagt: So, jetzt geh ich!“ Im Hotel hatte er einen Amerikaner kennengelernt, der einen Kontakt zur US-Botschaft herstellte. Während der Rest des DDR-Teams einen Basar besuchte, fuhren die drei Hallenser nach Istanbul zum vereinbarten Treffpunkt. Pingel überlegte es sich in letzter Sekunde anders. Pahl und Nachtweih erreichten nach einer achttägigen Odyssee und einem Aufenthalt beim BND in Pullach das Aufnahmelager Gießen.

In den Zeitungen sahen sie sich als Helden gefeiert, als die ersten geflohenen DDR-Auswahlfußballer. Pahl und Nachtweih zogen weiter nach Frankfurt am Main, wo sie nach Ablauf der 16-monatigen Sperre im Frühjahr 1978 endlich ihre Bundesligakarriere starten konnten. Die Träume vom Westen wurden Realität. Doch der Horizont des Fußballprofis Jürgen Pahl änderte sich allmählich. Anteil daran hatte der damalige Eintracht-Präsident Achaz von Thümen, im Hauptberuf Kanzler der Frankfurter Universität. „Er war ein hochintelligenter und etwas apokalyptisch veranlagter Mann, der von meinen Mitspielern oft belächelt wurde“, erinnert sich Pahl. „Mich hat er sehr geprägt, denn wir hatten viele interessante Gespräche über die wesentlichen Dinge in der Welt.“

Vom Mauerfall erfuhr der Anhaltiner, der seine Laufbahn beim türkischen Klub Rizespor ausklingen ließ, in einem Hotel in Istanbul, wo er fast genau 13 Jahre zuvor mit seinem Kumpel die Mauer umflohen hatte. Nach der Wende kaufte er sein Elternhaus und gründete in Weißenfels eine Fensterbaufirma. Diese lief lange gut, aber eben auch nicht ewig. Warum er überhaupt wieder in den Osten ging? „Tja.“ Kurze Pause. „Das war wahrscheinlich ein Fehler. Ich war einfach nostalgisch. Ich habe die Wende genauso euphorisch gesehen wie alle. Ich war ein fanatischer Anhänger des kapitalistischen Systems, überzeugter CDU-Wähler und Fan von Helmut Kohl.“ Er zeigt ein Foto aus der Eintracht-Zeit, auf dem er zusammen mit dem damaligen CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann in die Kamera lächelt.

1995 stieg er aus dem Fensterbaugeschäft aus. Ausgebrannt. Statt es mit medizinischer Hilfe zu versuchen, wollte er ein halbes Jahr aussteigen, zum Regenerieren. Ein Brasilianer nahm ihn mit nach Paraguay. Dort gefiel es ihm auf Anhieb so gut, dass er seine Zelte in Deutschland ganz abbrach. Er mag die einfachen Leute, zu denen er sich selbst zählt. „Ich bin ein Pioniertyp, ein Conquistador, wie man hier sagt.“ Jürgen Pahl findet es gut, dass man in einem Land wie Paraguay nicht alles durchplanen kann und mit Überraschungen leben muss. Er betrieb ein Lokal, dann eine Pension, nebenbei leitete er eine Fußballschule. Außerdem trainierte er den Verein Deportivo Independencia, mit dem er von 2001 bis 2006 viermal Meister der Mennoniten-Liga wurde. Momentan führt er ein kleines Restaurant.

Die Bundesliga verfolgt er via Internet. Das 50. Jubiläum und die flankierenden Anekdoten interessieren ihn weniger. An eine aber kann auch er sich bestens erinnern. An das Jahrhundert-Eigentor, als sich am 4. Dezember 1982 der Frankfurter Torwart im Spiel gegen Bremen den Ball ins eigene Netz warf. „War ein blödes Ding“, sagt Jürgen Pahl und lächelt milde. Der Torwart war er.

Gunnar Leue

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