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Der Rasen als Dunkelfeld. Der Fußball schweigt gern beim Thema Doping.
© imago/Sven Simon

Dopingforscher Perikles Simon im Interview: Doping im Fußball: "Unrat bis über beide Ohren"

Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht Doping-Experte Perikles Simon über das Tabu-Thema Doping, welche Substanzen im Fußball Vorteile bringen und die Verantwortungslosigkeit der Politik.

Von Christian Hönicke

Herr Simon, Sie sind Mitglied der Untersuchungskommission zur Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit der Universität Freiburg. Wann wird Ihr Bericht zum Thema Doping im Fußball veröffentlicht, der derzeit die Bundesliga in Atem hält?

Das ist nur eine Frage der Zeit. Gestern gab es noch mal eine Stellungnahme seitens der Kommissionsvorsitzenden, dass dieser Termin erfolgt, wenn die Inhalte auch restlos aus Sicht der Kommission geklärt sind. Da geht es vor allem um die Universität Freiburg.

Bisher weiß man, dass der VfB Stuttgart und der SC Freiburg Anfang der Achtzigerjahre von Steroiddoping betroffen sein sollen. Werden im Bericht Namen von Spielern, Trainern oder Managern genannt?

Dazu kann ich keinen Kommentar geben.

Haben Sie die Reaktionen aus dem Fußball auf die Vorabmeldungen überrascht?

Nein. Aber trotzdem erschüttert. Ich habe heute morgen erboste Mails von Vätern von Jugend-Bundesligaspielern erhalten. Die fragen mich, ob uns diese Experten auf den Arm nehmen wollen oder wirklich so unwissend sind. Und da kann man in der Tat nicht mehr sagen, was eigentlich schlimmer wäre.

Wieso nicht?

Es findet in Deutschland im Fußball null Dopingprävention statt, und es kann auch gar keine stattfinden, wenn die sogenannten Experten sich auf diesem Niveau bewegen. Das ist erschreckend, weil es seit Jahrzehnten entsprechendes Wissen gibt, das auch aus dem Fußball nach außen getragen wurde. Wir haben Toni Schumacher mit den ganz klaren Anschuldigungen Richtung systematischen Missbrauchs bestimmter Substanzen. Wir haben Christoph Daum, der es aus Versehen vielleicht rausgelassen hat. Wir haben Epo im Kühlschrank des Vereinsarztes von Juventus Turin gefunden. Wir haben Arsène Wenger, der sich irgendwann genötigt sah zu sagen, ich bekomme hier Spieler aus europäischen Topklubs, und die haben alle auffällige Blutwerte, das ist doch hier womöglich systematisches Blutdoping. Wenn ein Trainer, der im Glaskasten sitzt, das so ganz klar sagen muss, dann wird einem schnell sonnenklar, dieses System reagiert wirklich nur, wenn ihm der Unrat bis über beide Ohren steht. Und das ist ein Zustand, der im Sinne der Kinder, die sich in diesem Sport befinden und des Eventcharakters, so nicht akzeptabel ist. Es wird nichts getan, nichts investiert, um den Missbrauch dieser Spieler und ihrer Körper zu stoppen. Das ist eine Unverschämtheit, nichts anderes. Ich kann es mir nur so erklären, dass allein die Frage nach Doping im Fußball ein absolutes Tabu ist.

Wen meinen Sie konkret?

Nehmen wir an, dass ein Herr Dutt, der so viel über Fußball weiß, so gar nichts über das Thema Doping weiß. Oder ein Herr Scholl oder ein Herr Klopp. Dann bedeutet das gleichzeitig, dass es im Fußball überhaupt keine Verhältnisprävention gibt. Also den Teil der Prävention, der dadurch zustande kommt, dass Leute in diesem System sich gut mit Doping, den Konsequenzen und den Vorteilen auskennen. Wenn man davon so absolut gar keine Ahnung hat und auch vom Wissensstand so völlig daneben liegt, dann bedeutet das, dass wohl tatsächlich über Jahrzehnte hinweg ein Antidopingkampf im Fußball nicht stattgefunden hat.

Stand der Fußball von jeher unter besonderem Schutz?

Ja. Nach dem Buch von Toni Schumacher war es problemlos möglich, diesen Mann für längere Zeit aus dem System Fußball zu entfernen. Nach den Dopingenthüllungen um Juventus und Olympique Marseille ist quasi nichts passiert. Das würde es so etwa im Radsport nicht geben, da hätte sich die Presse draufgestürzt und die Sportler belagert, die Polizei hätte Razzien durchgeführt. Das ist alles im Fußball nicht geschehen. Und das geht nur mit einem sehr komfortablen Schutzschild. Dieser Schutzschild wird jetzt für den Fußball zum Bumerang. Wenn selbst die Basis den Nonsens nicht mehr hinnimmt, den die sogenannten Experten verbreiten, dann hat man ausgespielt.

Sponsoren, Politik, Medien: Das System Fußball ist für viele lukrativ. Wer sollte Interesse haben, es zum Einsturz zu bringen?

Praktisch keiner hat Interesse daran. Auch ich will weiter Fußball sehen. Aber der Fußball muss seine Selbstreinigungskräfte mobilisieren oder sich helfen lassen, denn es war schon immer so, dass ab einer gewissen Dekadenz auch große Systeme zerbrochen sind. Dann kippt das – und wir gucken vielleicht Handball.

Die Argumentation ist stets die gleiche: In einer Spielsportart wie Fußball bringt Doping nichts. Können Sie das widerlegen?

Perikles Simon, 42, ist Sportmediziner an der Gutenberg-Universität in Mainz. Er gehört zur Kommission, die die Dopingpraxis der Universität Freiburg in der Bundesrepublik untersucht.
Perikles Simon, 42, ist Sportmediziner an der Gutenberg-Universität in Mainz. Er gehört zur Kommission, die die Dopingpraxis der Universität Freiburg in der Bundesrepublik untersucht.
© imago/Camera 4

Ja. Man muss doch nur mal an die Basisvernunft der Leute appellieren. Stellen Sie sich doch mal ganz naiv vor, wir hätten den perfekten Spieler, technisch, taktisch, von der Raumerkennung her genial, der muss eigentlich gar nicht dopen. Doch je höher diese Fähigkeiten ausgeprägt sind, desto erschöpfender sind die Vorgänge, die der Spieler verrichten muss. Die Bewegungen im Fußball sind von der physischen Voraussetzung her dermaßen hochgesteckt, dass kein Spieler von sich behaupten kann: Ich liefere das gleiche Niveau in der 75. Minute wie in der fünften. Und welcher Trainer akzeptiert denn, dass sein Messi in der 75. Minute einen Fehler aus Erschöpfung heraus macht? Es ist doch jedem klar, dass man eine entsprechende Kondition haben muss, um diese Spitzenleistungen zu bringen, die wir vor dem Fernseher sehen.

Es scheint nicht so, als ob das jedem Fußballfan klar ist.

Es kann mir keiner erzählen, dass er das nicht instinktiv weiß. Ich muss doch keinen Experten fragen, um zu wissen, dass eine Sprintausdauer bei einem Menschen hoch sein muss, wenn er im Spiel 100 Sprints absolviert. Das hat doch mit reiner Schnelligkeit nichts mehr zu tun. Und es ist doch jedem klar, wenn ein Spieler sich in drei solcher Spiele pro Woche keinen Fehler erlauben kann, dass er von einer entsprechend höheren Ausdauer und Durchsetzungsfähigkeit profitieren würde. Es ist doch logisch für jeden mit einem halbwegs klaren Kopf, dass das gar nicht anders sein kann. Wie kann es sein, dass es eine komplette Verblendung gibt, ein Unverständnis in der Bevölkerung, dass man überhaupt diese Frage stellt?

Und, wie kommt das?

Wir wollen diese Frage nicht stellen. Vielleicht auch einfach, weil wir Angst haben. Genau wie die sogenannten Experten, die sichtlich Angst haben.

Weil der Fußball auch wirtschaftlich so groß geworden ist?

Richtig.

Können Sie mögliche leistungssteigernde Präparate für Fußballspieler nennen?

Erythropoetin, genannt Epo: Steigerung der Regenerationsfähigkeit, Gesamtlaufleistung, Sprintausdauer. Testosteron: Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, Sprintschnelligkeit, Durchsetzungsvermögen. Aufputschmittel: Steigerung der Aufmerksamkeit über die komplette Spieldauer, Maximalleistung, schnellerer Angriff, schnellere Bewegungsabläufe allgemein. Wachstumshormon: leichte Verbesserung der Ausdauer und der Körperkomposition, mehr Schnelligkeit, auch ein wenig mehr Kraft.

Steroide fürs Muskelwachstum?

Muskelwachstum ist für Fußballer gar nicht so wichtig. Es geht eher um muskuläre Qualität. Je nach Trainingsprotokoll kann wahlweise eines verbessert werden.

Sind die Dopingkontrollen im Fußball angemessen?

Nein. Sie sind nicht einmal vernünftig durchdacht. Nach 90 Minuten Fußball macht eine Urinprobe keinen Sinn, wenn man wirklich nicht pinkeln kann. Außerdem kann man bestimmte Dopingverfahren wesentlich besser im Blut detektieren. Darüber hinaus sind Trainingskontrollen extrem ineffektiv und entlarven ganz wenige Sportler. Es gibt im Antidopingkampf im Fußball extrem viele Versäumnisse.

Wieso erhöht die Weltantidopingagentur nicht den Druck auf den Fußball?

Auch das Antidopingsystem ist ein monopolistisches System, zu dem es keine richtige Alternative gibt. Es ist leider weltweit so organisiert, dass die Böcke zu Gärtnern gemacht werden. Im Kontrollgremium der Wada sitzen Verbandsleute, beispielsweise saß der Chef des Weltradsportverbands jahrelang drin. Lokal in der deutschen Nada sehen wir das in ähnlicher Form. Dieses System ruht in sich selbst und ist nicht in der Lage, sich weiterzuentwickeln und kritische Fragen überhaupt nur zu stellen – also ähnlich wie im Fußball. Jetzt müssten wir beide Systeme vor sich selbst schützen. Und das geht tatsächlich nur noch von außen.

Wie?

Da müssten unabhängige Experten von außen ran und ganz knallhart wirklich evaluieren. Die Wada hat das schon gemacht. Das gipfelte in einem weltweiten Report, der ganz klar gesagt hat: Dopingkontrollen weltweit sind ineffektiv. Der Grund dafür sind nicht die Laborverfahren, sondern es ist der mangelnde politische Wille, überhaupt Tests durchzuführen. Das steht da Schwarz auf Weiß geschrieben, Ende 2013.

Die Bundeskanzlerin lässt sich gern vom Glanz des Fußballs bezaubern. Glauben Sie, es gibt auch einen politischen Willen in Deutschland, sich auch mit der Dopingfrage zu beschäftigen?

Gute Frage. Es sollte ihn aber vor allem dann geben, wenn Minderjährige in einer Form von dem System eingenommen werden, dass die Persönlichkeit massiv geändert wird. Und für solche Konstellationen ist der Staat verantwortlich. Es geht darum, nicht auszublenden, dass es dabei um Mitbürger und Mitbürgerinnen geht, die man schützen muss. Sie sind als teilweise minderjährige Leistungssportler das absolut schwächste Rad in einem Milliarden-Dollar-Business.

Der Bundestrainer Joachim Löw hat in der fraglichen Zeit sowohl in Freiburg als auch in Stuttgart gespielt. Er sagt: „Doping hat im Sport nichts verloren, ich lehne es absolut ab, das galt für mich als Spieler genauso wie es heute als Bundestrainer immer noch gilt.“ Reicht Ihnen das?

Ich glaube, ich hätte ähnlich geantwortet, wenn ich ehrlich bin. Man muss ihn verstehen. Seine Position ist maximal exponiert in dem System. Es ist nur zu verständlich, dass man eine diplomatische Antwort gibt, unabhängig davon, ob man ein Problem hat oder nicht. Ich habe Verständnis für seine Reaktion und sehe darin weder ein Schuldeingeständnis noch sonst was.

Hat Ihr Bericht das Zeug dazu, den Blick auf das bundesdeutsche Sportsystem neu zu definieren?

Ich glaube, dass die Vergangenheitsbewältigung in intensiverer Form stattfinden wird, als es jetzt geschieht. Ich glaube, dass wir dahin steuern, das System der Dopingkontrollen und der Dopingprävention zu verbessern. Das Ziel ist sicher nicht der dopingfreie Sport, das wäre eine Utopie. Es geht darum, Arbeitsverhältnisse zu verbessern - für Profis, aber auch für alle anderen Sporttreibenden. Und es geht darum, die positiven Aspekte weiter zu sichern. Indem man Einfallstore für schwarze Schafe, illegale Methoden, für den Betrug im Sport reduziert. So wie man sich Gedanken macht, dass man die Vereine regulieren muss, sodass sie kein „financial doping“ betreiben, wird man sich auch Gedanken machen müssen, wie man die Gesundheit der Spieler optimal schützt.

Das Gespräch führte Christian Hönicke.

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