Einzug ins WM-Finale : Wie Frankreich sein EM-Trauma überwinden will

Bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren dominierte die französische Mannschaft und wurde trotzdem Zweiter. Trainer Deschamps hat aus der Erfahrung gelernt.

Tobias Finger
Französische Fans feiern den Sieg ihrer Mannschaft.
Französische Fans feiern den Sieg ihrer Mannschaft.Foto: AFP/Olga Maltseva

Da standen sie nun auf dem Feld des Stade de France in Paris, lehnten auf dem Boden sitzend an der Ersatzbank und knieten an der Seitenlinie. Die Blicke konsterniert, Gesichter in Händen vergraben, Tränen in den Augen. Ungläubiges Kopfschütteln in blau. Gerade hatte die Nationalmannschaft Frankreichs das Finale der Europameisterschaft 2016 verloren.

Der Gegner, Portugal, feierte auf dem Feld, ebenfalls Tränen in den Augen, allerdings vor Freude. Die mit Abstand beste Mannschaft des Turniers, die auch das Finale dominierte, hatte es 120 Minuten lang nicht geschafft, ein einziges Tor zu erzielen und musste nun zusehen, wie Cristiano Ronaldo den EM-Pokal Richtung Pariser Nachthimmel reckte.

Eine Ehre, die eigentlich ihnen hätte zuteil werden sollen. 56 Prozent Ballbesitz, 150 Pässe mehr als der Gegner, 89 Prozent Passquote, 18 Torschüsse, neun Ecken – null Tore. So lautete die im Endeffekt verheerende Statistik der „Equipe Tricolore“ aus dem Finale in der eigenen Hauptstadt.

Wie während des gesamten Turniers hatten die Franzosen eine berauschende Offensivleistung abgeliefert. Nur diesmal hatte sie nichts eingebracht, war sie verpufft in den Händen von Portugals Torwart Rui Patricio, hängen geblieben in den Beinen der portugiesischen Abwehrreihe und gescheitert an der eigenen Chancenverwertung. Im Stade de France griff die Trauer um sich. Doch mit ihr kam auch die Hoffnung. Auf eine nächste Chance. Und die Gewissheit, dass so etwas nie wieder passieren dürfe.

Der Trainer bleibt

Didier Deschamps blieb nach der Europameisterschaft im Amt. Weder beim Französischen Fußballverband FFF noch in der Mannschaft oder im Rest des Landes wurde an ihm gezweifelt, auch wenn er es im Finale nicht geschafft hatte, die portugiesische Defensive zu entschlüsseln und seine Mannschaft doch noch zum finalen Triumph zu führen. Ein einziges Tor hätte gereicht für die Chance, es zumindest im Elfmeterschießen noch schaffen zu können. Es fiel nicht. Trotz aller Überlegenheit und Dominanz.Offensichtlich hat Deschamps daraus seine Schlüsse gezogen. Um das Trauma von Paris in Russland zu besiegen. Um „Les Bleus“ den ersten Titel seit 2000 zu bescheren und am Sonntag den WM-Pokal in den Moskauer Nachthimmel zu recken.

Vorgestern gegen Belgien gewann Deschamps Mannschaft das WM-Halbfinale mit 1:0. Einem dreckigen 1:0, möchte man sagen, einem Arbeitssieg, einem Erfolg der Defensive. Belgien verzweifelte an der französischen Verteidigung. Trainer Roberto Martinez, der nach dem Viertelfinalsieg über Brasilien noch behauptete, er habe noch nie ein Spiel aus taktischen Gründen verloren, tat dieses Mal genau das: Belgien verlor auch, weil Martinez keine Antwort auf Deschamps Defensivkonzept hatte. Ein Konzept, geboren aus ebenjener Gewissheit, dass so etwas wie in Paris nie wieder passieren dürfe.

Nach Abpfiff des Halbfinals standen für Belgien 64 Prozent Ballbesitz zu Buche, 250 gespielte Pässe mehr als Frankreich, 91 Prozent Passquote, fünf Ecken - null Tore. Martinez’ Mannschaft war in fast allen Belangen überlegen. Das Spiel kontrollierte dennoch die von Deschamps. Die Franzosen gewannen 58 Prozent der Zweikämpfe und hatten mit zehn Torschüsse mehr als Belgien – 19 zu neun. 19 Torschüsse bei 36 Prozent Ballbesitz allein sind nicht nur eine bemerkenswerte Statistik. Sie sind auch das Resultat von Deschamps Matchplan.

Der Erfolg gibt ihm Recht

In der ersten Halbzeit tat Frankreich nicht unbedingt mehr als nötig, nur vereinzelt zeigte sich die geballte Offensivpower von Antoine Griezmann, Kylian Mbappé und Olivier Giroud. Viel kam aber noch nicht dabei heraus. Kurz nach Wiederbeginn gingen die Franzosen doch noch in Führung. Durch den Innenverteidiger Samuel Umtiti. Per Kopf. Nach einer Ecke. Es schien, als hätte es so fallen müssen. Ein Standardtor, ein dreckiges, statt eines wunderschön herausgespielten Treffers. Genau das war es, was Deschamps noch gebraucht hatte.

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In der Folge zog sich Frankreich weit in die eigene Hälfte zurück, lief Belgien erst zehn oder zwanzig Meter hinter der Mittellinie an und zog eine so stabile Abwehrmauer hoch, dass Donald Trump vor Neid erblasst wäre. Mittelstürmer Giroud tauchte öfter im eigenen Strafraum auf als im gegnerischen und gewann 70 Prozent seiner Zweikämpfe. Frankreich kam zu Kontergelegenheiten, doch die meisten Abschlüsse wirkten verlegen, als wären sich die französischen Spieler gar nicht sicher, ob sie überhaupt versuchen sollten, das zweite Tor zu erzielen, oder lieber abdrehen und zur Eckfahne laufen, um wertvolle Sekunden von der Uhr zu nehmen.

Auch, weil Belgien keine Lösungen fand und Frankreich das Tempo von Chadli, Mertens, Lukaku oder De Bruyne im Keim erstickte, wurde das erste Halbfinale der WM für all jene Betrachter, die sich ein schönes Spiel erhofften, mit zunehmender Zeit immer frustrierender. Für Frankreich war es aber vor allem eines: erfolgreich. Selten hat das Sprichwort „Der Erfolg gibt ihm Recht“ besser gepasst, als auf Didier Deschamps und die von ihm vorgegebene taktische Marschroute.

Im gesamten bisherigen Turnierverlauf hat sich der französische Trainer für eine pragmatische Herangehensweise entschieden. Hauptsache gewinnen. Nur im Achtelfinale gegen Argentinien lief seine Offensive zur Hochform auf – weil sie musste. Aber sie kann eben auch. Deschamps hat aus der Heim-EM gelernt, dass ein Spiel nicht schön sein muss. Es muss Erfolg haben. Damit so etwas wie in Paris nie wieder passiert.

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