Fassungslosigkeit, Schock, Entsetzen : Pray for Neymar

Nach dem schlimmen Anschlag auf Neymars Knöchel muss sich die Fußballwelt neu sortieren. Kann man solche Tragödien künftig verhindern? Eine Glosse.

Stephan Reich
Aua. Neymar am Boden - wo ihm die kratzbürstigen Grashalme den Rest geben.
Aua. Neymar am Boden - wo ihm die kratzbürstigen Grashalme den Rest geben.Foto: Kirill Kudryavtsev/AFP

Spät in der Nacht, als der erste große Schock überstanden war, versammelten sich trauernde Fußballfans an den Toren des Stadions in Samara. Sie legten Blumen und Brummkreisel ab, lagen sich weinend in den Armen und wälzten sich in Gedenken an den schwer verletzten Superstar Neymar mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden. Fassungslosigkeit herrschte.

Ihnen allen ging diese fürchterliche Szene aus der 71. Minute des Achtelfinals zwischen Brasilien und Mexiko nicht aus dem Kopf. In einem scheinbar normalen Zweikampf war Brasiliens Superstar Neymar an der Seitenline zu Boden gegangen. Als sein Gegenspieler Miguel Layun ihm den Ball aus den Händen nehmen wollte, kam es zur Tragödie. Mit dem rechten kleinen Zeh stieg Layun für mehrere Millisekunden auf Neymars Bein, eine Szene bislang unbekannter Grausamkeit. Unter Schmerz wälzte sich Neymar hin und her, warf schreiend den Kopf in den Nacken, am Fernseher meinte man, meterhohe Blutfontänen zu sehen. Gestandene Sanitäter mussten sich bei dem fürchterlichen Anblick übergeben, Kinder weinten, ein Augenzeuge bezeichnete die Szene später als „schlimmer als Verdun 1916“. Die Erstversorgung mit Eisspray erfolgte umgehend, kurzfristig wurde eine Amputation des Beines in Erwägung gezogen, um den Schaden einzugrenzen. Experten waren sich später einig: Dass Neymar da Silva Santos Junior nicht noch an der Seitenlinie an den Folgen seiner schweren Verletzung verstarb, grenzte an ein Wunder.

Der genaue Unfallhergang wird derweil noch rekonstruiert. „Wir wissen noch nicht, ob es die Schramme am Knöchel war oder doch das Schleudertrauma durch Neymars Hin- und Herwälzen, das zu den schweren Schäden führte“, sagte Neymars persönlicher Arzt Dr. tut. weh. Gernhart Übertreiben. „Klar ist aber auch: Durch die ständigen, heftigen Angriffe auf seine Gesundheit, denen Neymar während der Spiele ausgesetzt ist, war sein Körper ohnehin schon schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Junge hatte Wunden, die ich sonst nur von Kriegsopfern kenne.“ Und der Übeltäter? Noch im Kabinentrakt wurde Layun von der russischen Polizei festgenommen, der brasilianische Staat fordert seine Auslieferung. Ihm droht eine Anklage wegen fahrlässiger Mini-Berührung mit Fast-Todesfolge.

Arjen Robben: "Erst voriges Jahr haben wir gemeinsam den Segelflugschein gemacht."

Die Anteilnahme ist gewaltig. Bereits kurz nach dem Unglück trendete der Hashtag #prayforneymar auf Twitter. Auch Größen aus der Fußballwelt zeigten sich bestürzt. Andy Möller meldete sich umgehend mit einem Statement zu Wort: „Er hat fortgeführt, was ich einst angefangen habe. Danke dafür.“ Auch Arjen Robben trat vor die Kamera: „Er war wie ein Sohn für mich. Erst voriges Jahr haben wir gemeinsam den Segelflugschein gemacht.“ Bestürzt zeigte sich auch Neymars engeres Umfeld. Seine Laientheatergruppe „Los Simulantes del Toque“ führte spontan ein Trauerspiel auf, in Neymars Geburststadt Mogi da Cruzes zogen erschütterte Fans in einem Trauermarsch zur Statue des berühmtesten Sohns der Stadt zogen, die derzeit allerdings wegen Statikproblemen des Fundaments abgesperrt ist.

Und die Weltmeisterschaft? Dem bislang so erfolgreich verlaufenden Turnier wird die Extraklasse des Brasilianers sicherlich fehlen, Neymar spielte bis dato ein Turnier auf absolutem Top-Niveau. Bereits in der Gruppenphase hatte er seine herausragende Klasse wieder und wieder unter Beweis gestellt. Nach einer Grätsche im Vorrundenspiel gegen die Schweiz kam Neymar auf atemberaubende 28 463 Drehungen und stellte damit einen neuen WM-Rekord auf. Auch seine formvollendete Schwalbe sowie die absolut überhaupt nicht übertriebenen oder gekünstelt wirkenden Freudentränen beim 2:0 gegen Costa Rica werden den Fans in wohliger Erinnerung bleiben.

Der brasilianische Verbandspräsident kündigte eine umfassende Untersuchung an. Denn auch wenn es bislang Gerüchte sind, wird diskutiert, ob Neymar im Achtelfinale überhaupt hätte spielen dürfen. So gab es anscheinend bereits vor der Partie in der Kabine große Aufregung, als Neymar sich aus Versehen ein wenig Hautcreme ins Auge gerieben hatte. Erste Meldungen, wonach sich der Superstar das Auge vor lauter Schmerzen kurzerhand selbst aus der Höhle gekratzt hatte, erwiesen sich glücklicherweise als falsch. Die notärztliche Versorgung griff, und nur Neymars einmaligem Kämpferherz ist es zu verdanken, dass er tatsächlich spielen konnte.

Eine Fliege sorgt für den nächsten Schock

Doch dann der nächste Schock: Beim Warmmachen flog Neymar eine Fliege vor die Brust, eine schwere Rippenprellung war die Folge. Und auch beim Mannschaftsfoto gab es Probleme: Der Fotograf hatte vergessen, den Blitz auszustellen, die Druckwelle schleuderte Neymar mehrere Meter nach hinten, wo er bewusstlos liegen blieb. War es nicht unverantwortlich, Neymar derart lädiert spielen zu lassen?

Obschon es auch stimmt, dass Neymar im Spiel selbst wie so oft eine tadellose Leistung zeigte. Für viele Beobachter, vor allem aus der Theaterszene, war der Brasilianer mal wieder der beste Spieler auf dem Platz. Auch die Statistiker sahen ihn in den wichtigen Kategorien wie etwa „Diskussionen mit dem Schiedsrichter pro Minute“, „Selbstverliebtheit“, „unnötige Übersteiger“ und „Umfall-Schnelligkeit“ vorne.

Sportliche Sternstunden, die nun vorerst der Vergangenheit angehören. Aus dem engsten Umfeld Neymars hieß es, dass er so schnell es geht in ein Krankenhaus in der Heimat überstellt werden soll. Es sei allerdings nicht so leicht, ein Krankenbett zu finden, das die ständigen Dreh- und Wälz-Bewegungen des 26-Jährigen aushalte. Auch habe man die brasilianische Regierung gebeten, die auf Halbmast wehenden Fahnen abzuhängen. Ihre im Wind zitternde Bewegung, so hieß es, erinnere die Familie zu sehr an ihren geliebten Neymar.

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