Früherer Belgrad-Star Darko Pancev im Interview : „Ich war ein Dummkopf“

Die Bayern treffen auf Roter Stern Belgrad. Darko Pancev erinnert sich an ein legendäres Duell und spricht über die heutige Champions League.

Dimitrios Dimoulas
Das Höchste im Klub-Fußball. Darko Pancev gewann mit Roter Stern Belgrad 1991 den Europapokal der Landesmeister. So etwas hält er heute für unmöglich.
Das Höchste im Klub-Fußball. Darko Pancev gewann mit Roter Stern Belgrad 1991 den Europapokal der Landesmeister. So etwas hält er...Foto: Colorsport/Imago

Darko Pancev, 54, war als Stürmer vor allem mit Roter Stern Belgrad und Jugoslawien erfolgreich. Zuletzt war er Sportdirektor von Vardar Skopje. Im Interview spricht er über das jetzige Duell des FC Bayern gegen Belgrad, das legendäre Halbfinale vor 30 Jahren und die Hierarchie in der Champions League.

Herr Pancev, erinnern Sie sich noch an den 10. April 1991?
Natürlich! Da fand das Halbfinal-Hinspiel im Landesmeister-Cup gegen Bayern in München statt. Volles Olympiastadion, davon mehr als 25.000 Belgrad-Fans. Bayern ist in Führung gegangen, doch kurz vor der Halbzeit wendete sich das Blatt: Ich glich aus und Dejan Savicevic schoss in der zweiten Spielhälfte das Tor zum 2:1– und so haben wir einen großen Sieg heimgefahren. Wie ich später erfuhr, war es die erste Heimniederlage der Bayern im Europapokal nach 23 Jahren.

Dafür war dann das Rückspiel in Belgrad eine knappe Angelegenheit.
Das kann man wohl sagen. Hätte Bayern-Torwart Raimond Aumann nicht diesen Aussetzer in der letzten Minute gehabt, wäre das Spiel in die Verlängerung gegangen. Aber der Fußball schreibt bekanntlich öfter solche Geschichten!

Ende Mai 1991 besiegten Sie dann auch noch im Finale Olympique Marseille und gewannen den Wettbewerb. War das der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Das war schon gigantisch und die Krönung meiner erfolgreichen Karriere! Als Zugabe holten wir dann im Dezember noch den Weltpokal. Zudem wurde ich in jenem Jahr als erfolgreichster Torschütze Europas mit dem „Goldenen Schuh“ ausgezeichnet. Ich schwelge heute noch oft in Erinnerungen daran.

Belgrad 1991 und Steaua Bukarest 1986 waren die einzigen Klubs aus dem ehemaligen Ostblock, die den Landesmeister-Cup holten. Wären solche Triumphe heute in der Champions League noch möglich?
Das grenzt schon an Utopie, weil heute eine unterschiedliche Hierarchie im Weltfußball herrscht. Ein Dutzend Klubs teilen sich untereinander die Trophäen, während 100 andere Fußballvereine hinterherhinken und sich oft mit Finanzproblemen herumplagen müssen. Erschwerend kommt für die osteuropäischen Vereine die Tatsache hinzu, dass viele talentierte Spieler sehr jung nach Westeuropa wechseln. Zu meiner Zeit durften wir erst im Alter von 28 Jahren das Land verlassen, was natürlich auch förderlich für das Niveau der heimischen Liga war. Diese Regel existiert heute nicht mehr.

Roter Stern Belgrad nimmt nach einer langen Durststrecke nun bereits zum zweiten Mal in Folge an der Champions League teil. Trauen Sie dem Team am Mittwoch beim FC Bayern sogar einen Sieg zu?
Erst einmal ist diese Kontinuität aus heutiger Sicht ein großer Erfolg für Roter Stern, sportlich und finanziell. Trainer Vladan Milojevic sowie die Klubchefs haben mit bescheidenen Mitteln sehr gute Arbeit geleistet. Bayern ist gewiss der große Favorit und hat zudem Glück, dass Savicevic und ich nicht mehr spielen (lacht)! Aber im Fußball ist bekanntlich alles möglich. Roter Stern hat einen großen Namen im europäischen Fußball und das darf man nicht vergessen.

Darko Pancev spielte in der Bundesliga für Fortuna Düsseldorf.
Darko Pancev spielte in der Bundesliga für Fortuna Düsseldorf.Foto: picture-alliance/dpa

Dazu haben Sie auch beigetragen. 1992 wechselten Sie dann nach Italien zu Inter Mailand. Und damit begann für Sie eine Tour durch Europa.
Ich war 1992 sehr begehrt und erhielt viele Transferangebote, entschied mich aber leider für den falschen Klub. Inter hatte damals

eine durchschnittliche Mannschaft im Schatten des Stadtrivalen AC Mailand. Zudem hatte ich enorme Meinungsverschiedenheiten mit dem damaligen Trainer Osvaldo Bagnoli, was natürlich kontraproduktiv war. Nichtsdestotrotz erhielt ich im darauffolgenden Winter eine Offerte von Sir Alex Ferguson, der mich zu Manchester United lotsen wollte. Ich bin jedoch dem Lockruf nicht gefolgt, weil ich den Italienern beweisen wollte, dass ich es in der Serie A schaffen kann. Ich war ein Dummkopf (lacht).

Stattdessen landeten Sie später in der Bundesliga, zuerst beim VfB Leipzig und dann bei Fortuna Düsseldorf. Wie haben Sie diese Abstecher in Erinnerung?
Die Bundesliga hat mir sehr gefallen. Man spielt offen, deshalb ist der Fußball dort sehr attraktiv. Ich wurde damals für sechs Monate nach Leipzig ausgeliehen, um dort spielen zu können, nachdem ich bei Inter quasi sanktioniert war. Als ich zu Fortuna Düsseldorf kam, war ich bereits über meinen Zenit hinaus und konnte leider nicht mehr das Beste von mir geben.

Sie gehörten Anfang der 90er Jahre nicht nur bei Roter Stern Belgrad, sondern auch in Jugoslawiens Nationalteam einer legendären Mannschaft an.
Wir hatten bei der WM 1990 mit dieser Mannschaft sogar das Potenzial dazu, den Titel zu holen, sind aber im Viertelfinale unglücklich im Elfmeterschießen an Argentinien gescheitert. Schauen Sie sich nur an, welche Spieler damals dabei waren: Savicevic, Prosinecki, Suker, Susic, Stojkovic – um nur paar zu erwähnen. Leider waren aber die Vorboten des Krieges bei der WM schon zu spüren, was natürlich das Arbeitsklima in der Mannschaft enorm beeinträchtigte. Der Krieg in Jugoslawien hat eine Generation großer Fußballer daran gehindert, eine Turniertrophäe zu ergattern.

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