Fußball-WM in Russland : Herzlich willkommen zur Kostümparade

Die Fußball-WM ist auch das Turnier der Ausgeflippten. Unser Autor war unterwegs mit den schrillen Fans aus England und Belgien.

Stark wie Obelix. Dieser Fan aus Belgien glaubt an den Titel - den Pokal hat er schon in der Hand.
Stark wie Obelix. Dieser Fan aus Belgien glaubt an den Titel - den Pokal hat er schon in der Hand.Foto: AFP

Im Englischen gibt es den schönen Begriff „going mental“. Mehr noch als beim deutschen Wort „ausflippen“ schwingt dabei im Subtext des Wortes der große Wahnsinn mit. Die Vernunft verabschiedet sich, alles wird rausgelassen. Ein bisschen verrückt, ein bisschen irre. Und wenn man Pech hat, landet man im Krankenhaus. Going mental.

Beim Last-Minute-Sieg gegen Tunesien erlebten einige englische Fans so einen Going-Mental-Moment. Ein Anhänger rannte vor Freude splitternackt aus dem Pub auf die Straße, wo er sich angemessen anfeuern ließ. Ein anderer tanzte und hüpfte auf dem Wellblechdach einer Kneipe und krachte durch die Decke.

Nach dem Sieg gegen Panama wiederum eroberten die Fans die Innenstadt von Nischni Nowgorod. Ein Fan begoss einen anderen mit Dosenbier, während der wie ein nasser Hund mit einem anderen Wodka trank und einem Straßenmusiker lauschte, der irgendwas mit Liebe und Hoffnung sang. Going mental.

Vor einigen Tagen haben wir einen jungen Mann getroffen, der mit dem Fahrrad aus England nach Russland gereist war. Er schien sich recht sicher: „Wenn wir Weltmeister werden, werden einige das Dach des Buckingham Palace erklimmen.“ Natürlich auch nackt oder zumindest oberkörperfrei.

Am Donnerstagmorgen haben sie erst einmal die Innenstadt von Kaliningrad erobert. Zu Tausenden strömen sie durch die Stadt, besetzten die Kneipen am Ploshchad Pobedy, dem Siegesplatz, hängen ihre Flaggen auf. Blackpool, Ipswich Town, Preston North End. Wenn man mit englischen Fans unterwegs ist, trifft man meistens Anhänger von unterklassigen Vereinen. Die Nationalmannschaft ist ihr Ersatz für die Europapokalreisen, die sie nie erlebt haben.

Also, was passiert beim Titelgewinn? Stuart, Fan des FC Reading, erklärt die ganze Sache so: „Ich werde wahrscheinlich im Springbrunnen auf dem Trafalgar Square baden.“ Und als er erfährt, dass man aus Deutschland ist, ruft er: „Schön, dass ihr da wart. Danke, dass ihr ausgeschieden seid und uns nicht später im Elfmeterschießen rauskickt.“

Ein paar Meter weiter steht Paul, Anhänger von Crewe Alexandra. Er sagt, das Spiel gegen Belgien sei fast egal. Vielleicht wäre sogar eine Niederlage besser, um danach den vermeintlich einfachen Turnierbaum zu haben. Was beim Titelgewinn passiert? „Ich werde sehr viel trinken.“ Dann wünscht auch er eine schöne Heimreise nach Deutschland, und als man erwidert, dass man ja noch gar nicht heimfährt, blickt er erstaunt auf: „Dann hol dir endlich ein Bier! Es ist schon fast Mittag!“

Es ist ein großer Überbietungswettbewerb. Wer hat das ausgefallenste Kostüm?

Die Stadt Kaliningrad ist ein seltsamer Ort. Hauptstadt der gleichnamigen Enklave, die an Polen und Litauen grenzt und näher an Berlin liegt als an der russischen Grenze. Eine Insel auf dem Festland. Früher gehörte die Stadt zu Deutschland und hieß Königsberg. Sie hat eine höchst literarische Vergangenheit. Geburtsort von Immanuel Kant und E. T. A. Hoffmann, Wirkungsstätte von Heinrich von Kleist und Johann Gottfried Herder. Der hat mal gesagt: „Der Mensch soll nicht vernünftiger, er soll menschlicher werden.“

Keine 100 Meter Luftlinie entfernt von den Engländern versammeln sich die Belgier. Während die Briten schlicht ein Trikot oder ein Button-Down-Hemd von alten britischen Mod-Marken tragen, heißt es hier: Dresscode Halligalli. Es ist ein großer Überbietungswettbewerb. Wer hat das ausgefallenste Kostüm? Wer hat die irrste Frisur? Einer hat sich als belgische Pommes-frites-Tüte verkleidet. Ein anderer, Olivier, Fan von Standard Lüttich, trägt einen Superheldenanzug, auf den er Bilder der belgischen Nationalspieler geklebt hat. Alle paar Minuten spricht ihn jemand für ein gemeinsames Foto an. Der Mann genießt es. Er ist der König von Belgien, zumindest der König vom Kaliningrader Siegesplatz. Kurze Frage also, was wird passieren, wenn Belgien Weltmeister wird? „Ich glaube, dann ziehe ich mir etwas Bescheuertes an.“ Das ist nicht bescheuert? „Das ist mein normales Outfit.“

Ein paar Meter weiter haben Kris und Sonja eine Riesenfahne aufgehängt. Darauf ist zu lesen: „Belgium, World Champion.“ Ganz schön selbstbewusst. „Wir haben sogar drei WM-Pokale aus Plastik dabei.“ Vor dem Turnier machen lassen? „Ja, bei einem Shop in den Niederlanden, die haben uns drei zum Preis von einem gegeben. Waren echte Ladenhüter dort.“ Und was macht ihr, wenn Belgien Weltmeister wird? „Wir werden auf das Atomium steigen und mit einem belgischen Fallschirm herunterspringen. Danach werden wir eine Woche durchfeiern. Hallo Chef!“

Der größter Erfolg einer belgischen Nationalmannschaft war das WM-Halbfinale von 1986, Enzo Scifo im Mittelfeld, Jan Ceulemans im Sturm, Jean-Marie Pfaff im Tor. Eine goldene Generation, eine kurze erfolgreiche Ära. England stand zum letzten Mal 1990 in einem WM-Halbfinale. Damals siegten die Three Lions im Achtelfinale gegen Belgien. David Platt machte in der 119. Minute das 1:0.

Jonathan, Fan des RFC Lüttich, sagt: „Das Spiel hängt immer noch in uns. Dieser verdammte David Platt. Wir wären ins Finale gekommen.“ Marc, Fan des FC Brügge, stellt sich dazu: „Mach dir keine Sorgen, mein Freund, diesmal klappt es. Wir haben De Bruyne, Lukaku und Hazard. Das sind die besten Spieler der Welt.“ Was ist mit Messi und Ronaldo? „Messi, wer ist das? Den kenne ich nicht“, sagt Marc. „Und Ronaldo? Das ist doch dieser fette, alte Brasilianer. Ich bitte dich!“

Das Spiel kann man als sonderbar bezeichnen. Am Ende gewinnt Belgien 1:0. Die englischen Fans singen trotzdem oder gerade deswegen. Sie sind nun Gruppenzweiter und haben den vermeintlich leichteren Baum in der K.o.-Runde. Erst im Halbfinale könnten sie auf Spanien treffen. Auf dem Siegesplatz reißen sie wieder ihre Shirts vom Leib. Auch Paul und Stuart sind dabei, und zahlreiche Fans, die am liebsten in den Springbrunnen hüpfen würden. Aber in einer Nebenstraße hat sich längst die Polizei formiert. Eine Hundertschaft in Panzermontur. Going mental? Sie sehen nicht so aus, als würden sie die Fans bei dieser Tätigkeit besonders anfeuern.

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