Intersexualität in der Leichtathletik : „Der Wettkampf fühlt sich unfair an“

Die Berliner Läuferin Caterina Granz über Intersexualität im Sport, die Bedeutung von Testosteron für die Leistung und den großen Unmut in der Szene.

Caterina Granz, 25, gehört zu den besten deutschen 1500-Meter-Läuferinnen.
Caterina Granz, 25, gehört zu den besten deutschen 1500-Meter-Läuferinnen.Foto: Bernd Thissen/dpa

Frau Granz, Sie sind eine der besten Mittelstreckenläuferinnen Deutschlands. In der internationalen Spitze dominieren auf der Mittelstrecke intersexuelle Läuferinnen wie Caster Semenya. Wie stehen Sie zu diesen Rivalinnen?

Das ist ein sehr schwieriges Thema. Aber für mich fühlt sich der Wettkampf gegen Frauen mit intersexuellen Anlagen nicht richtig an. Er fühlt sich unfair an. Ich kann alle Läuferinnen verstehen, die ein Problem damit haben. Auf der anderen Seite muss man Intersexuellen die Möglichkeit geben, an Wettkämpfen teilzunehmen.

Der Leichtathletikweltverband IAAF will eine Testosteron-Regel einführen, die besagt, dass Frauen einen bestimmten Grenzwert an körpereigenem Testosteron nicht überschreiten dürfen. Der Internationale Sportgerichtshof Cas vertagte dazu jüngst ein Urteil. Was halten Sie davon?

Ich halte eine hormonelle Therapie für Intersexuelle als Teilnahmebedingung an den Frauen-Wettkämpfen nicht für vertretbar. Das verletzt meiner Meinung nach die Menschenwürde.

Was schlagen Sie vor?

Eine Lösung zu finden ist extrem schwierig. Das ist eine Thematik, die weit über den Sport hinausreicht. Der Bereich der Geschlechterrollen verändert sich in vielen Lebensbereichen. Vielleicht muss man im Sport komplett umdenken, so etwas wie Testosteronklassen einführen, in denen Intersexuelle mehr unter sich laufen. Aber natürlich wäre das mit weiteren Problemen verbunden. Die Gruppe der Intersexuellen wäre ja viel kleiner.

Intersexuelle würden sich ausgeschlossen und diskriminiert fühlen.

Tatsächlich kann man auch argumentieren, dass Frauen mit normalem Testosteronspiegel durch die aktuelle Regelung, nach der Intersexuelle teilnahmeberechtigt sind, diskriminiert werden.

Wie meinen Sie das?

Es gibt kaum einen Parameter, der größeren Einfluss auf die Leistung hat als das Testosteron. Weder die physiognomischen noch die physiologischen oder die psychologischen Faktoren wie etwa Wille spielen so eine große Rolle. Mein Bruder zum Beispiel hat jüngst ohne Training seinen ersten 800-Meter-Lauf bestritten und auf Anhieb meine Bestzeit übertroffen. Was ich damit sagen will: Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind riesig. Eine Vergleichbarkeit der Geschlechter gibt es im Sport nicht. Es macht in der Leichtathletik extrem Sinn, die Geschlechter in den Wettbewerben zu trennen. Durch die aktuelle Regelung in Bezug auf Intersexuelle haben weiblich ausgeprägte Frauen immer weniger Chancen. Wenn es dabei bleibt, werden diese Frauen in der Zukunft nicht mehr mithalten können. Zumal Intersexuelle von Scouts explizit gesucht werden.

Über Caster Semenya heißt es, dass sie noch schneller laufen kann.

Das sind alles Vermutungen. Natürlich würde das Thema Intersexualität noch akuter werden, wenn sie noch schneller laufen würde. Und ich gebe zu, dass auch ich erstaunt bin, wenn ich sehe, wie locker Caster Semenya durchs Ziel läuft.

Wie ist das Meinungsbild in der Frage in Athletenkreisen?

Ich habe leider vielfach mitbekommen, dass Intersexuelle oder Läuferinnen mit intersexuellen Anlagen nicht ernst genommen werden unter den Athletinnen und Athleten. Für die ist dann die Viertplatzierte des 800-Meter-Finales bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio die eigentliche Siegerin, weil die drei Erstplatzierten ja quasi Männer seien. Ich finde diese Haltung schade. Aber es zeigt eben, dass der Groll in der Szene groß ist – die Leidtragenden sind sowohl die Intersexuellen als auch die anderen. Daher muss etwas passieren. Der aktuelle Zustand ist nicht tragbar. Ich hoffe, es gibt mehr Optionen als die beiden, die mir bisher bekannt sind: Intersexuelle ohne Einschränkungen zulassen oder ihre Teilnahme an eine hormonelle Therapie knüpfen. Das geht meiner Meinung nach beides nicht.

Das Gespräch führte Martin Einsiedler.

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