zum Hauptinhalt
Bundestrainer Joachim Löw.
© AFP / Daniel ROLAND

Der Bundestrainer nach großen Turnieren: Joachim Löw lässt auf sich warten

Nach jedem Turnier nimmt sich Joachim Löw Zeit zum Reflektieren, manchmal monatelang. So lange darf es dieses Mal nicht dauern. Eine Einschätzung

Joachim Löw ist aufgetaucht. Das ist für viele schon mal eine gute Nachricht, nach der fluchtartigen Abreise aus Russland am vergangenen Donnerstag. Die Medien rätselten schon, der Bundestrainer war einige Tage nach dem Vorrundenaus wie vom Erdboden verschluckt. Nun gibt es erste Bilder von Löw, der sich in seiner badischen Heimat zurückgezogen hat. Im Freiburger „Café kleine Auszeit“ ist er am Wochenende gesichtet worden.

Zur selben Zeit rief sein Arbeitgeber, der Deutsche Fußball-Bund (DFB), auf einer Internetseite seine Mitglieder auf, Kandidaten für das Ehrenamt vorzuschlagen und startete mithin eine „Offensive für Mädchenfußball“. Die Internetseite von „Die Mannschaft“ ist dagegen stehengeblieben bei dem Hinweis, wonach 25,43 Millionen Deutsche das krachende WM-Aus gegen Südkorea verfolgt hätten.

Das Rätselraten um Löws Zukunft geht weiter

Für den Verband ist die Sache ohnehin klar. Ließ sich doch gerade erst Präsident Reinhard Grindel in einer Telefonkonferenz von seinen Präsidiumsmitgliedern versichern, dass man für eine Fortführung Löws als Bundestrainer ist. Erst im Mai hatten dieselben Herren dem Bundestrainer ohne Not eine Verlängerung seines ohnehin bis 2020 laufenden Vertrages um zwei weitere Jahre unterbreitet, was dieser auch umgehend angenommen hatte. Wenn es also nach der Verbandsspitze ginge, könnte Löw weitermachen bis inklusive der Winter-Weltmeisterschaft 2022 (21. November bis 18. Dezember) in Katar, deren Finale am vierten Advent ausgespielt wird.

Die Frage ist, ob Löw mitspielt. Und überhaupt, kann der 58-Jährige sich so schnell entscheiden? Sicher ist, dass Löw an seinem Amt hängt, sehr sogar. Andererseits wollen einige Medien von einem „Vertrauten“ Löws erfahren haben, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Rücktritt größer ist, als die, dass er seinen Vertrag als Bundestrainer erfüllt. Nicht selten werden solche Kontrakte im schnelllebigen Fußballgeschäft von der Realität überholt.

Das Rätselraten geht also weiter. Im Falle Löws folgt es ja einem gewohnten Ritual. Noch nach jedem Turnier hat Löw sich Zeit genommen um erst einmal Abstand gewinnen von den strapaziösen Turniertagen voller Intensität, wie er es immer sagte. Manches Mal überstieg dabei die selbst auferlegte Auszeit den Jahresurlaub eines normalen Arbeitnehmers um ein Vielfaches.

So erzählte Löw einmal, dass er nach der WM in Südafrika 2010 bis Weihnachten gebraucht habe, um das Erlebte zu verarbeiten. Fast schon legendär war sein Abtauchen nach der EM 2012. Er sei damals von der Wucht der medialen Kritik über die Halbfinal-Niederlage gegen Italien überrascht gewesen. Noch heute gilt dieses Spiel als „vercoacht“. Mehrere Wochen brauchte Löw damals, ehe er Mitte August plötzlich wieder auftauchte und vor versammelter Presse einen 25-minütigen Monolog hielt, der als Wutrede in die deutsche Fußballgeschichte einging. Löw rechnete seinerzeit mit der für seinen Geschmack leidigen Leitwolfdiskussion und dem Hymnenstreit ab. Letzterer war entflammt, weil einige Nationalspieler die Nationalhymne nicht mitsangen.

Löw kann sich diesmal nicht so viel Zeit lassen

Selbst nach der Weltmeisterschaft 2014 und der goldenen Nacht von Rio brauchte Löw einige Wochen Bedenkzeit, ob er seinen Vertrag überhaupt noch erfüllen könne, der vor dem Turnier bis 2016 verlängert worden war. So viel Zeit kann er sich dieses Mal nicht lassen, so ist es zwischen der Verbandsspitze und ihm vereinbart worden.

Vor einigen Jahren hat der Bundestrainer in einem Zeitungsinterview erzählt, dass er gerne mal in die Anden aufbrechen würde, die riesige Gebirgskette Südamerikas. Das würde ein Thema werden, „wenn ich mehr Zeit habe und keine Verpflichtungen“, hatte er gesagt. Joachim Löw ist nämlich ein Kletterfreund. Vor 15 Jahren bestieg er mit einem Freund und zwei Helfern den Kilimandscharo, das „interessanteste und erkenntnisreichste Erlebnis überhaupt in meinem Leben“. Diese Grenzerfahrung habe ihm gezeigt, dass es immer weiter gehe, dass man immer noch einen Schritt nach vorne machen könne, selbst wenn man glaubte, dass es nicht mehr gehe.

Vielleicht hat er an diese Erkenntnis am Wochenende im „Café kleine Auszeit“ gedacht. Oder von den Anden geträumt.

Zur Startseite