Kritik an Özil nach dem WM-Aus : Oliver Bierhoff verhält sich unanständig

Oliver Bierhoff kämpft um seinen Posten. Rücksichtslos, mit allen Mitteln und auf Kosten von Mesut Özil. Ein Kommentar vom Chefredakteur der "11 Freunde".

Ich bin der Macher. Also bleibe ich.
Ich bin der Macher. Also bleibe ich.Foto: Christian Charisius/dpa

Die Hoffnung währte nur kurz.

Die Hoffnung, der DFB und die Verantwortlichen der Nationalelf würden das desaströse sportliche Abschneiden bei der WM in Russland nutzen, um die eigene Arbeit, die Fehler und Versäumnisse grundlegend zu analysieren und neue Strukturen zu schaffen, die die deutsche Elf zur EM 2020 wieder wettbewerbsfähig machen.

Diese Hoffnung hatte sich eigentlich schon am letzten Wochenende verflüchtigt. Denn anstatt gemeinsam und ehrlich die Prozesse und Entscheidungen der letzten Jahre zu beleuchten und dann darüber zu entscheiden, in welcher personellen Konstellation die Nationalelf weiterarbeiten soll, funkte sich das DFB-Präsidium eilends am Wochenende in einer Telefonkonferenz zusammen, sprach dem Bundestrainer Joachim Löw sein Vertrauen aus und bekniete Löw geradezu, doch bittebitte weiter Bundestrainer zu bleiben. Und als Löw dann am letzten Dienstag in der DFB-Zentrale vorstellig wurde, gab es auch keinerlei kritische Nachfragen, stattdessen verlautete es aus den Gremien, eine "überstürzte und oberflächliche Bewertung" des Russland-Desasters ergebe keinen Sinn. Überstürzt und oberflächlich Löw das Vertrauen auszusprechen, ergab offenbar sehr wohl Sinn.

Angesichts des offenbar grenzenlosen Zutrauens der DFB-Spitze in Joachim Löw muss Oliver Bierhoff klar geworden sein, dass nun er statt des Bundestrainer in den Fokus der Kritik geraten würde. Der Manager ist Machtmensch genug, um zu wissen, dass solche epochale sportliche Niederschläge selten ohne personelle Veränderungen einhergehen, und sei es nur, um der Öffentlichkeit den eigenen Reformwillen zu demonstrieren. Und Bierhoff war bereits zuvor scharf angegangen worden, für das deprimierende WM-Quartier in Watutinki, diversen Marketing-Quatsch und überhaupt.

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Soviel Unanständigkeit müsste eigentlich auch jedem DFB-Funktionär die Sprache verschlagen

Das Interview, dass Bierhoff der „Welt" gab, war also der Versuch, sich selbst als Macher, als Reformer, als treibende Kraft tiefgreifender Reformen zu versuchen. Und dieser Versuch, das kann man feststellen, ist auf nahezu gruselige Weise schief gegangen. Denn alles, was Bierhoff im Gewand vermeintlicher Selbstkritik verkündete, war auf den zweiten Blick der schäbige Versuch, die Verantwortung fürs sportliche Desaster auf andere, konkret auf Mesut Özil, abzuschieben. Denn abseits von Plattitüden („Es geht darum, sich nicht vom Glanz vergangener Tage blenden zu lassen“) fiel Bierhoff nichts besseres ein, als primär Özil für die Missstimmung in der Truppe verantwortlich zu machen und festzustellen: „Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Mesut verzichtet.“

Wohlgemerkt auf einen Spieler, der sich sportlich nicht mehr vorzuwerfen hatte als all die anderen Spieler der Elf. Auf einen Spieler, der während der WM auf beispiellose Weise medial und mit deutlicher rassistischer Konnotation angefeindet wurde und der vom DFB damit vollständig allein gelassen wurde. Auf einen Spieler zudem, der noch vor kurzem von Oliver Bierhoff als Integrationsmaskottchen vor jede laufende Kamera gezerrt wurde. Anstatt zumindest nach dem Turnier, mit Abstand und Ruhe, Özil diesen Beistand zukommen lassen, missbraucht Bierhoff den Mittelfeldspieler für den verzweifelten Versuch, seine Machtposition im DFB wieder zu stärken.

Soviel Unanständigkeit müsste eigentlich auch jedem DFB-Funktionär die Sprache verschlagen. Nicht nur, weil damit erst recht jener Marketing-Claim der „Mannschaft“ als verschworene Gemeinschaft endgültig als hohle Phrase entwertet ist. CEs muss Einschnitte auf allen Ebenen geben.“ sprach Bierhoff im „Welt"-Interview. Die DFB-Spitze sollte ganz oben anfangen, auf der Ebene des Managers der Nationalelf. Zur Not auch in einer Telefonkonferenz am Wochenende.

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