Legendenbildung bei der WM : Fußball ist mehr als die Summe seiner Ergebnisse

Fußball wird gespielt, um davon zu erzählen. Auch wenn die Geschichte der deutschen Mannschaft bei diesem Turnier die eines Toten ist.

Ilja Behnisch
Das deutsche Team beim WM-Triumph 2014 in Brasilien.
Das deutsche Team beim WM-Triumph 2014 in Brasilien.Foto: Andreas Gebert/dpa

Über Tote nur Gutes, heißt es. Ist natürlich Quatsch. Oder warum sollte man über Menschen, die anderen Menschen Zeit ihres Lebens am Glückskonto Abbuchungen vorgenommen haben, plötzlich einen Schuldenerlass gewähren? Hat ja auch was Therapeutisches, sich dann endlich mal so richtig die Seele freizureden, ganz ohne die Möglichkeit einer Gegenwehr. Andere wiederum vertreten die Meinung, dass mit dem Ende immer auch Stille einhergehen sollte. Muss ja schließlich weitergehen, immer weiter. Also für die Lebenden. Womit wir beim Fußball wären, womit wir bei der deutschen Nationalmannschaft wären.

Seit über einer Woche ist „DIE MANNSCHAFT“ nun schon nicht mehr #zsmmen in Russland, um – Best Never Rest – dem darbenden Schland den fünften Titel zu schenken. Keine Strandpromenaden-Fotos vom Bundes-Jogi mehr, keine lustigen Interviews mit Thomas Müller, keine nachdenklichen mit Mats Hummels mehr. Keine Minutenprotokolle über den Gesundheitszustand von Manuel Neuer, keine Beobachtungen über die großen Fragen unserer Zeit, wie zum Beispiel: Hat Sebastian Rudy nun einen Trümmer- oder einen Nasenbeinbruch? Was Schade ist, denn ähnlich bewegend war zuletzt die Frage: Ist die Erde eine Scheibe? Und wenn ja, wie viele?

Deutschland ist raus, doch Löw dominiert die Schlagzeilen

Die deutsche WM-Delegation 2018 ist also tot. Doch Stille herrscht keine. Ganz im Gegenteil. Erst wurden Schuldige gesucht, dann wurden Schuldige gesucht, die nicht Mesut Özil heißen. Es wurde über Jogi Löw gesprochen, über die Medienkritik und Social-Media-Wortmeldungen einzelner Nationalspieler und wieder über Löw, weil: Abwechslung tut der Seele gut. Boulevardblätter zeigten den Bundestrainer im heimischen Freiburg, zwei Stunden habe er da mit drei „Kumpels“ über seiner Zukunft gesessen.

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Nun also bleibt er, und wieder und weiter werden die sportlichen Schlagzeilen dieser Tage nicht etwa von denen diktiert, die da noch in Russland um den WM-Titel kämpfen, sondern vorrangig von denen, die auf ihre Wiedergeburt hoffen. Manchen Beobachter nervt das, manche erachten das als regelrecht unsportlich dem Sport gegenüber. Ein schöner, ein ehrenvoller Gedanke. Der verkennt, dass es im Fußball zwar auch und vielleicht sogar vorrangig um Resultate geht, aber eben nicht nur.

Weltmeisterschaften, Titel und selbst ein vermeintlich desaströses Scheitern der deutschen Mannschaft erinnert man nicht als schnödes Resultat. Sie sind ein Vehikel für Erzählungen. Wer an das Finale von 2014 denkt, denkt womöglich zuerst an den Sieg der deutschen Mannschaft. Und dann aber sofort auch an: Götzes entscheidendes Tor, Bastian Schweinsteigers gezeichnetes Gesicht und Christoph Kramers längst legendäre Frage, ob dies denn nun das Finale sei. Fußball ist nunmal mehr als nur 90 Minuten. Fußball wird gespielt, um davon zu erzählen. Auch wenn die Geschichte der deutschen Mannschaft die eines Toten ist.

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