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Schöne Medaille, nicht so leicht zu bekommen: Die deutschen Sportler haben sich ein klein wenig mehr erhofft in Rio.

© dpa

Sportförderung: Medaillen zählen ist keine Lösung

Die deutsche Medaillenausbeute war in Rio so karg wie lange nicht. Eine Reform der Sportförderung soll helfen. Doch wer noch mehr Medaillen fordert, unterwirft sich einer perversen Logik. Ein Essay.

Ein Essay von Friedhard Teuffel

Erst kommt es klein und harmlos auf uns zugeflogen. Potas. Fünf unschuldige Buchstaben. Doch dahinter steckt ein Ungetüm. Aus Potas wird beim Ausschreiben Potenzialanalysesystem. 22 Buchstaben und gleich zwei Ypsilons. Mit dieser Wucht soll es auch zuschlagen. Als entscheidende Figur, um Deutschland im olympischen Medaillenspiegel wieder nach oben zu katapultieren. Sollen die anderen doch dopen. Wir haben Potas.

Der Bundesinnenminister und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wollten jedenfalls nicht zusehen, wie Deutschland im Medaillenspiegel nach unten durchgereicht wird. Die Ausbeute im Sommer in Rio de Janeiro war mit 42 Medaillen so karg wie nie seit der Wiedervereinigung, 1992 in Barcelona hatte die erste gesamtdeutsche Mannschaft fast doppelt so viele gewonnen – bei weniger Wettbewerben.

Warum nur landen etwa die Briten vor uns? Haben die nicht viel weniger Einwohner? Und ihr Cricket ist doch gar nicht olympisch. Die Sportpolitik in Deutschland hat der Ehrgeiz gepackt. Was die anderen können, müssen wir auch können. Deshalb hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Donnerstag nach zweijähriger Vorbereitung ein neues Konzept zur Spitzensportförderung vorgestellt. Am nächsten Samstag soll es der organisierte Sport bei der Mitgliederversammlung des DOSB in Magdeburg beschließen. Dann geht alles seinen parlamentarischen Gang.

Können sportliche Höchstleistungen eine Kopfgeburt sein?

So locker-leicht der Sport daherkommt, so viel Weltanschauung steckt längst darin. In Deutschland pendelt das Verständnis des Spitzensports sichtbar hin und her. Zwischen größtmöglicher staatlicher Absicherung für Athleten auf der einen Seite, damit Deutschland überall ganz vorne landet. Und Staatsferne auf der anderen; warum in den Spitzensport Steuergeld stecken, wenn sowieso Gedopte die Medaillen unter sich ausmachen?

Die mehrheitsfähige Wahrheit liegt in der Mitte. Dass es durchaus die Aufgabe des Staats sein kann, jungen Menschen die Möglichkeit zu bieten, ihre körperlichen Talente im internationalen Wettbewerb auszuleben. Dass aber Spitzensport kein Zirkussport werden darf. Dass er Verbindung halten muss zum Breitensport. Der olympische Sport darf nicht werden wie die Formel 1. Die hat mit gewöhnlichem Autofahren auch wenig gemeinsam. Aus der Formel 1 kommen nicht mal große technologische Impulse für die Autoindustrie. Formel 1 steht für Marketing und Unterhaltung.

Der olympische Sport ist oft auch nur noch Marketing. Für die Ausrichterstädte. Für die Sponsoren. Und Unterhaltung für eine Funktionärskaste, die von einem Luxushotel ins nächste reist. Wie muss Spitzensport also gefördert werden, damit er nicht bloß Spektakel ist, sondern einen Wert hat? In Deutschland muss man dazu erst einmal Potas zähmen. Damit daraus kein Monster wird. Potas funktioniert stark vereinfacht so: Es werden Kriterien erarbeitet, die bestimmen, welche Sportart welches Erfolgspotenzial hat und wie gefördert werden sollte. Der Computer wird dann mit allerhand Daten gefüttert und heraus kommt – tada – mehr Gold für Deutschland. Das passt auf den ersten Blick gut zu unserem Land. Körper und Geist spielen Doppel. Aber können sportliche Höchstleistungen wirklich eine Kopfgeburt sein?

Die Erfinder von Potas haben sich davon beeinflussen lassen, dass Sport inzwischen ein riesiges Zahlenspiel geworden ist. Mit zunehmender Kommerzialisierung hat immer mehr Wissenschaft im Sport Einzug gehalten, alles wird ausgeleuchtet, vermessen, analysiert. In manchen Sportarten wie im Basketball oder Eishockey sind die Trainer direkt nach dem Wettkampf nicht ansprechbar, sie müssen erstmal auf Quoten und Statistiken starren. Wenn es in der Leichtathletik nur ums Rennen geht, sind die Deutschen längst abgehängt. Doch wenn auch Wurfwinkel ins Spiel kommen, Materialkunde beim Stabhochspringen und mathematische Kurven, mischen sie auf einmal wieder mit. In den technischen Disziplinen trumpfen sie mit ihrer technischen Disziplin groß auf.

Medaillen sind längst zum Selbstzweck geworden

Da muss es doch auch möglich sein, das Fördersystem auf der Grundlage von Zahlen und Berechnungen zu gestalten. Es geht schließlich um knapp 170 Millionen Euro an Steuergeld. Mit einem heiligen Ernst beugen sich Politiker, Funktionäre, Wissenschaftler daher über Ergebnislisten, als ob sich daraus eine Formel ableiten ließe und der sportliche Erfolg vergleichbar sei mit dem Bruttosozialprodukt. Nur ist Sport keine Mathematik. Der Ruderer und Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Maennig, selbst Olympiasieger im Deutschlandachter, hat kürzlich bei einer Anhörung im Bundestag gesagt, dass der einzig belastbare Faktor für zukünftigen Erfolg der bestehende Erfolg sei. Den Rest darf man also Kaffeesatzleserei nennen.

Es ist ohnehin äußerst merkwürdig, dass sich ein Land, das sich als Kultur-, Industrie-, und Wissenschafts-Nation versteht, einem derart krummen Messinstrument ausliefert wie dem olympischen Medaillenspiegel. In einer Megasportart wie Fußball mit Millionen von Spielern allein in Deutschland gibt es bei Olympia gerade einmal zwei Goldmedaillen zu gewinnen. Im Bahnradsport dagegen zehn, im Schießen fünfzehn, im Taekwondo acht. Wo soll da Vergleichbarkeit herkommen? Irgendeine Vergleichsgrundlage müsse es doch geben, verteidigen ihn Sportpolitiker. Ihn kenne jeder. So wurde daraus ein Goldenes Kalb.

Dabei gilt er nur bis zur Nachuntersuchung der Dopingproben mit verfeinerten Methoden. Heimlich, still und leise ist in den vergangenen Jahren auch einigen deutschen Sportlern nachträglich eine Medaille umgehängt worden. Weil die vor ihnen Platzierten sich als gedopt herausstellten.

Angesichts der Situation im Hochleistungssport noch mehr Medaillen zu fordern, wie es auch der Bundesinnenminister getan hat, bedeutet die Unterwerfung unter eine perverse Logik. Es gibt kaum Fortschritte in der Dopingbekämpfung, und wenn mal etwas auffliegt wie das russische Staatsdoping, dann äußerst selten durch den Sport und seine Kontrollen selbst, sondern durch Journalisten, Steuerfahnder oder andere externe Kräfte. Sollte es tatsächlich möglich sein, in einem betrugsanfälligen globalen System mit sauberen Mitteln besser abzuschneiden als bisher?

Traue keiner Rechnung, die du nicht selbst aufgestellt hast

Die Zahlenspiele einzuordnen, das müssen Bundesinnenministerium und DOSB schon leisten. Es gilt im Sport ohnehin: Traue keiner Rechnung, die du nicht selbst aufgestellt hast, keiner Zählung, die du nicht selbst durchgeführt hast. Kürzlich im Bundestag rechnete ein Abgeordneter vor, wie viele Medaillen in Rio doch die Bundeswehr mit ihren Sportsoldaten gewonnen hätte, das wäre doch ein toller Erfolg. Der Konter durch einen Wissenschaftler kam prompt. Die Zahl sei nur deshalb so hoch, weil der Abgeordnete zum Beispiel die Silbermedaille des Deutschlandachters komplett der Bundeswehr zugeschlagen hätte. Dabei sitzt nur ein Sportsoldat im Boot. Die meisten sind Studenten. Die Sportministerin von Nordrhein-Westfalen reklamierte kürzlich 48 Prozent der deutschen Medaillen von Rio für ihr Bundesland. Sollen wir auch da noch einmal nachrechnen?

Medaillen sind längst zum Selbstzweck geworden. Feiern. Zählen. Abhaken. Wie viele der 17 deutschen Goldmedaillen von Rio haben wir noch präsent? Fabian Hambüchens Sieg am Reck, den Triumph der Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, das Gold der Fußballerinnen, aber wer kennt noch die siegreiche Bahnradfahrerin, die Schützen, Reiter und Kanuten?

Die Briten sind auch deshalb im Medaillenspiegel so weit vorne, weil sie ihre Sportförderung auf diese Berechnungsgrundlage ausgerichtet haben. Allein sechs von 27 Goldmedaillen in Rio haben sie im Bahnradsport gewonnen. Aber macht eine Fixierung auf Medaillen ein Land wirklich sportlicher, beweglicher, selbstbewusster?

Wer den Medaillenspiegel in Frage stellt, landet oft in der Ecke, in der früher einmal die Grünen standen. Ihr Sportbegriff wurde gerne als Federball ohne Zählen verspottet. Doch Deutschland muss sich ja nicht gleich Indien zum Vorbild nehmen und sich auf wenige Sportarten wie Cricket und Hockey konzentrieren. Erst 2008 gewann zum ersten Mal ein Einzelsportler aus Indien olympisches Gold, es war ein Schütze. Zu Recht bildet sich Deutschland etwas auf seine Sportkultur ein, darauf, in nahezu allen olympischen Sportarten Athleten der Weltklasse ausbilden zu können. Das Sportsystem steht für Vielfalt, und dass der Bundesinnenminister eine Gegenleistung für Fördermittel haben will, ist legitim. Doch er sollte noch einmal über die Währung nachdenken.

Glänzendes Gold und mattes Gold

Es gibt glänzendes Gold und mattes Gold. Das glänzende Gold strahlt in den Breitensport. Es animiert junge Menschen, sich selbst zu bewegen und kann auch älteren Menschen Lust auf Bewegung machen. Es ist ein Gold mit Botschaft. Da gibt es nun einmal Disziplinen, die relevanter sind als andere, Leichtathletik, Schwimmen und Turnen vor allem. Das muss sich auch in der Förderung niederschlagen.

Und es gibt vor allem Athleten, deren Gold mehr glänzt, weil es ihnen in ihrer Karriere um den Weg ging und nicht allein um das Ziel der Medaille. Sie haben aus dem Sport mehr rausgeholt, haben Siege und gerade auch Niederlagen zum Anlass genommen, um sich weiterzuentwickeln, haben Gemeinschaft gelebt, Erfüllung gefunden – und sind dadurch zu Vorbildern geworden. Ein solches Vorbild ist Henning Harnisch. Als Basketballspieler ist er Europameister geworden, inzwischen hat er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, in Berlin junge Menschen zum Sport zu bringen, „aus Kindern glückliche Sportbürger zu machen“. Das muss kein Widerspruch sein zum Leistungssport, Glück lässt sich auch dort erleben, dafür steht seine eigene Biografie.

Vor dem Spitzensport in Deutschland liegt ein schmaler Pfad. Um international den Anschluss nicht zu verlieren, wird das neue Konzept jungen Menschen mehr Entscheidungen abverlangen. Das ist eigentlich untypisch für die Entwicklung dieser Gesellschaft, in der es gerade oft darum geht, sich so viele Optionen wie möglich offenzuhalten. Doch es wird Konzentration geben. Olympiastützpunkte werden geschlossen, Trainingsgruppen zusammengezogen. Wer ganz nach oben will, wird manchmal noch früher umziehen müssen. Dorthin, wo die Besten trainieren. Die Chinesen sind im Tischtennis nicht nur deshalb so gut, weil sie so ein großes Wissen haben und so viele Spieler. Sondern weil jeden Tag die besten Spieler der Welt im nationalen Trainingszentrum miteinander trainieren. Ein solches Niveau gibt es eben nur dort. Das macht sie fast uneinholbar.

Das System muss wärmer und menschlicher werden

Andererseits muss das System noch wärmer werden, menschlicher. Und das geht besonders mit einer Maßnahme: einer Rieseninvestition in die Trainer. Mit den Trainern verbringen Nachwuchssportler oft mehr Zeit als mit ihren Eltern. Gerade an der Basis müssen daher herausragende Trainer eingesetzt werden. Sie müssen besser bezahlt werden als bisher. Sie müssen pädagogisch intensiver aus- und weitergebildet werden. In manchen Sportarten werden immer noch diejenigen Trainer, denen nach der eigenen Karriere nichts Besseres eingefallen ist.

Trainer sind die verantwortungsvollen Begleiter der Nachwuchssportler. Bislang haben allerdings viele nur die nächste Junioren-Weltmeisterschaft ihrer Schützlinge im Blick anstatt die ganze Karriere, weil sie selbst nur am kurzfristigen Abschneiden gemessen werden. Seit Jahren wird von einer Traineroffensive schwadroniert. Passiert ist aber noch nicht viel.

Wenn ein Athlet von einem Trainer angeleitet und begleitet wird, der nicht nur die sportliche Karriere im Blick hat, sondern die Persönlichkeit, kann auch die Vereinbarkeit von Sport und beruflicher Ausbildung besser gelingen. Und auch die Sorge vor dem „Was kommt danach?“ gemildert werden. „Mit Existenzangst kann man keine Spitzenleistungen bringen“, hat Kanu-Olympiasiegerin Franziska Weber vor kurzem gesagt.

Dem neuen Spitzensportkonzept fehlt noch eine starke begleitende Erzählung. Was diese Gesellschaft genau von Spitzenathleten hat, warum sie für was Vorbilder sind. Warum es sich lohnt, ihre Förderung auszubauen. Für Potas gibt es eine eigene Kommission. Sie braucht ein wortgewaltiges Gegengewicht.

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