• Olympische Spiele in Zeiten des Coronavirus: An den Plänen festhalten oder auf Donald Trump hören?

Olympische Spiele in Zeiten des Coronavirus : An den Plänen festhalten oder auf Donald Trump hören?

US-Präsident Trump plädiert für eine Verschiebung von Olympia. Die Veranstalter sehen das anders. Was spricht für und was gegen die Spiele in diesem Jahr?

Auf der Kippe. Ob die Olympischen Spiele in diesem Jahr in Tokio stattfinden werden, erscheint mehr und mehr fraglich.
Auf der Kippe. Ob die Olympischen Spiele in diesem Jahr in Tokio stattfinden werden, erscheint mehr und mehr fraglich.Foto: dpa

Es ist kaum zu glauben, aber Donald Trump hat am Freitag tatsächlich etwas Schlaues gesagt. Der US-Präsident findet, dass es in diesen fiebrigen Zeiten eine bessere Alternative wäre, die in diesem Jahr vom 24. Juli bis zum 9. August angesetzten Olympischen Spiele zu verschieben als sie vor leeren Rängen in Tokio auszutragen. Als Rat an seinen „Freund“ Shinzo Abe, den Ministerpräsidenten von Japan, wollte er dies aber nicht verstanden wissen. „Die Leute dort sind klug genug.“

Vor allen Dingen sind die Leute dort – und damit sind die Machthaber um Abe wie auch führende Wirtschaftsunternehmer gemeint – darauf bedacht, eine prestigeträchtige wie lukrative Veranstaltung noch zu retten. Das gilt auch für die Organisation, die seit über 100 Jahren die Olympischen Spiele verkauft, das Internationale Olympische Komitee (IOC).

Was spricht gegen eine Verlegung/Absage der Olympischen Spiele?

Die größte Hoffnung Japans und des IOC derzeit ist die Zeit. Immerhin sind es noch viereinhalb Monate hin, bis das Olympische Feuer im neu errichteten Olympiastadion Tokios entzündet werden soll. Japan spekuliert darauf, dass die weitere Ausbreitung des Coronavirus durch die allgemein einsetzende Immunisierung sowie diverse Schutzmaßnahmen bis dahin eingedämmt ist. Doch ob es wirklich so kommt, kann im Moment kein Mensch sagen, nicht einmal Experten können das. Von drei Virologen bekommt man auf diese Frage fünf Antworten.

Wie eingangs erwähnt, dürften wirtschaftliche Interessen ein wesentlicher Grund sein, weshalb die Spiele nicht bereits abgesagt worden sind. Olympische Spiele sind seit jeher teuer, Sportstätten müssen errichtet, die Infrastruktur erneuert werden. Allein das neue Olympiastadion in Tokio soll rund 1,3 Milliarden Euro gekostet haben. Laut einem Bericht des Handelsblattes dürften sich die Olympia-Kosten insgesamt auf rund 20 Milliarden Euro belaufen.

Diesen Ausgabenberg wird Japan ohnehin kaum hereinholen können. Das Land hofft, langfristig von der neu errichteten Infrastruktur zu profitieren. Aber sollten die Spiele verlegt oder – schlimmer noch – abgesagt werden, wäre das Event ein finanzielles Desaster für Japan.

Auch das IOC würde es schwer treffen. Mit rund fünfeinhalb Milliarden Euro Einnahmen dürfte der Sportdachverband durch TV-Gelder, Ticketverkäufe, Werbeeinnahmen et cetera rechnen. Ein Ausfall könnte vermutlich teilweise durch Versicherungen abgedeckt sein, aber der finanzielle Schaden wäre groß – auch für die vielen Sportverbände, die am Tropf des IOC hängen.

Hintergründe über das Coronavirus:

Am Tropf der Verbände hängen wiederum die vielen Sportler. Vor allem diejenigen, die nur schwer allein durch ihren Sport über die Runden kommen. Und davon gibt es sehr viele. Für sie kann die Absage ebenso wie die Verschiebung der Olympischen Spiele existenzielle Folgen haben. Viele Sportarten, sei es Turnen, Gewichtheben, Schwimmen und mehr, finden medial nur im Rahmen der Olympischen Spiele größere Beachtung. Olympia ist daher für diese Sportarten fast schon überlebenswichtig.

Was spricht für eine Verlegung/Absage der Olympischen Spiele?

Zunächst einmal ist da das Coronavirus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Verbreitung des Virus vor wenigen Tagen als Pandemie eingestuft. Die Kurve zu den Fallzahlen der Infizierten geht derzeit fast weltweit exponentiell nach oben. Zwar gibt es keine einheitlichen Prognosen über den weiteren Verlauf, aber das Gros der Experten geht davon aus, dass sich das Virus noch über Monate verbreiten wird.

Bis zu den Olympischen Spielen, so viel scheint sicher, wird es noch keinen Impfstoff für die vielen Erkrankten geben. Und selbst bei der sehr optimistischen Annahme, dass das Virus in vier Monaten einigermaßen kontrolliert würde, gäbe es zwangsläufig etliche infizierte Zuschauer und Athleten. Schließlich sind rund zwei Millionen Besucher und etwa 11.000 Athleten aus etwa 200 Nationen in Tokio dabei, sollten die Spiele stattfinden und sollten sie vor Zuschauern ausgetragen werden.

Eine schnelle Absage wäre inzwischen wohl auch zum Wohl vieler potenzieller Olympia-Teilnehmer, auch wenn das mit existenziellen Sorgen einherginge. Denn kaum etwas ist nervtötender als ein Zustand der ständigen Unsicherheit. So fragen sich sämtliche Athleten seit Wochen, ob sie den weiteren Fahrplan für die Olympia-Vorbereitung einhalten sollen. Ob sie all ihre Energie, ihren Schweiß und mitunter auch ihr Geld etwa für Trainingscamps in der Ferne investieren sollen in einen Wettbewerb, der möglicherweise gar nicht stattfindet.

Die Unsicherheit der Sportler wird dabei nicht nur durch die allgemeine Verbreitung des Virus befeuert, sondern – dadurch bedingt – durch die Absage vieler Qualifikationswettbewerbe. Erst knapp mehr als die Hälfte aller möglichen Olympiateilnehmer haben sich qualifiziert. Sicher ist jetzt schon, dass selbst bei bestmöglichem weiteren Verlauf der Coronavirus-Krise sich sehr viele Athleten nicht nach bisherigem Regelwerk für die Spiele qualifizieren können.

Gegen Olympia in diesem Jahr spricht inzwischen auch die Stimmung. Das Virus wird weltweit zunehmend als Charaktertest angesehen. Es kristallisiert sich ein gesellschaftlicher Konsens heraus, dass die Gesundheit Vorrang hat und vor allen Dingen wirtschaftliche Interessen zurückgesteckt werden sollten. Olympische Spiele passen wie sämtliche andere zuschauerstarke Veranstaltungen nicht in diese Zeit.

Selbst im bis vor wenigen olympiabegeisterten Japan hat sich die Stimmung gedreht. Laut Umfragen wollen immer weniger Japaner die Spiele besuchen. Sie wären vermutlich tatsächlich froh, würden die Veranstalter auf den alten, weißen Mann im Weißen Haus hören.

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