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Per Skjelbred, 29, kam im Jahr 2013 vom Hamburger SV zu Hertha BSC. Der Mittelfeldspieler ist Kapitän der norwgischen Nationalmannschaft.

© imago/Jan Huebner

Vor Hertha-Spiel in Leverkusen: Per Skjelbred: "Wir müssen unser Ding durchziehen"

Herthas Per Skjelbred über die Lehren aus verpatzten Rückrunden, Schlägereien in der Disco von Trondheim und das Love und Peace vom Hippie-Vater.

Herr Skjelbred, blaues Auge, Pflaster im Gesicht – was hat denn Ihre Frau gesagt, als Sie so gezeichnet aus dem Trainingslager von Hertha BSC nach Hause gekommen sind?

Alles gut. Für meine Familie ist das nichts Besonderes. Meine Frau hat gelacht. Das macht sie meistens, wenn ich mich derart verletzt habe. Meine Kinder fanden das auch eher toll. Die fragten mich: „Hast du gekämpft?“ Die sind es gewöhnt, dass ich am ganzen Körper blaue Flecken habe. Und meine Frau hat auch schon Schlimmeres erlebt.

Was denn?

Ich bin in Trondheim mal in einer Disco geschlagen worden. Am nächsten Tag sind wir nach Miami in Urlaub geflogen. Meine Frau hat schon ein bisschen irritiert geguckt, als ich mit blauem Auge am Flughafen aufgetaucht bin (lacht).

Was war passiert?

Ich war mit ein paar Freunden unterwegs, wir wollten in Ruhe mal ein Bier trinken. Und als wir eigentlich schon auf dem Weg nach Hause waren, hat mich ein Mann aus Oslo angesprochen, ein verrückter Fußballfan, leider vom falschen Verein. Er war ziemlich aggressiv. Ich habe ihn höflich gebeten, mich in Ruhe zu lassen: „Sorry, ich hab’ Urlaub, bin mit meinen Freunden hier und will mich nicht mit Fußball beschäftigen.“ Als ich wieder bei meinen Kumpels war, habe ich von hinten seine Faust ins Gesicht bekommen. Zum Glück für ihn ist die Polizei ganz schnell aufgetaucht (lacht).

Sie sind jemand, der auch auf dem Fußballplatz viel einstecken muss. Kann man daran sogar so etwas wie Spaß entwickeln?

Sie meinen, Spaß am Schmerz? Nein, wenn es geht, versuche ich das zu vermeiden. Da hilft mir auch meine Erfahrung, bestimmte Situationen besser einzuschätzen. Trotzdem kriege ich immer wieder etwas ab. Aber ich teile auch aus.

Trainer Pal Dardai scheint es wichtig zu sein, dass ein Sechser in den Infight geht.

Klar, das ist meine Aufgabe für die Mannschaft: dass ich richtig in die Zweikämpfe gehe, Bälle gewinne – und wenn ich sie nicht gewinne, zumindest dafür sorge, dass der Angriff unterbrochen ist.

Wie sehr liegt es an Per Skjelbred, dass niemand gern gegen Hertha spielt?

Es liegt an der ganzen Mannschaft. Das Pressing fängt vorne bei Vedad Ibisevic an und hört hinten bei den Verteidigern und Rune Jarstein im Tor auf. Wir merken ja selbst im Training, wie schwer es ist, gegen uns Tore zu erzielen. Dass es niemand mag, gegen uns zu spielen, hilft uns. Es gibt uns zusätzliche Energie.

Hat Ihnen schon mal ein Gegenspieler gesagt: Och nee, nicht du schon wieder?

Ab und zu höre ich: „Per, locker bleiben. Heute nicht so viel laufen.“ Aber das sind Leute, die ich gut kenne. Während des Spiels bin ich in meiner eigenen Welt, trotzdem musst du auch ein bisschen quatschen und mal einen Spaß machen. Selbst wenn jemand für einen anderen Verein spielt und da Feuer drin ist, bleibt das dein Kollege. Vielleicht trifft man sich ja später noch mal wieder, und dann ist es doch schön, wenn er sagt: „Hey, Per, du warst ein geiler Junge.“ Es soll keinen Spaß machen, gegen mich zu spielen, trotzdem will ich ein ehrlicher Typ sein, auch auf dem Fußballplatz.

Als Sie nach Deutschland gekommen sind, galten Sie noch als Spielmacher. Sind Sie damals falsch etikettiert worden?

Damals habe ich wirklich noch viel mehr nach vorne gemacht. Das wird jetzt nicht mehr so sehr von mir verlangt. Ich muss darauf achten, dass wir die defensive Struktur bewahren, die Räume schließen und gegnerische Angriffe stoppen.

Würden Sie sagen, Sie haben Ihre Rolle jetzt gefunden?

Anfangs war das alles neu für mich, obwohl mir Zweikämpfe immer Spaß gemacht haben. Es ist ein bisschen so, dass ich einen neuen Skjelbred entdeckt habe. Für meine Spielweise und meinen Charakter ist das genau die richtige Position. Trotzdem lerne ich jeden Tag etwas Neues von meinem Trainer. Pal Dardai war ja auch Sechser. Er will, dass mein Fokus auf der Defensive liegt, aber er hält mir auch vor, dass ich zu wenige Tore schieße.

Wissen Sie, wie Dardai als Spieler war?

Ich habe mir ein paar Youtube-Videos angesehen. Er sagt immer, dass er auch Tore geschossen hat. Das stimmt sogar. Ich habe die Tore gesehen, auch das in Wembley, von dem er gerne spricht. Vielleicht sollte ich wirklich mal ein, zwei Tore machen, damit er nicht mehr so viel von seinen Heldentaten reden muss.

„Dass es niemand mag, gegen uns zu spielen, gibt uns zusätzliche Energie“

Hätten Sie gerne mal gegen ihn gespielt?

Anfangs habe ich das ab und zu im Training gemacht. Da hatte ich ein bisschen Angst – weil er der Trainer ist und ich nur der Junge aus Norwegen. Aber ich glaube, jetzt will er nicht mehr gegen mich spielen. Sein Körper schafft das nicht mehr (lacht).

Von der Position im defensiven Mittelfeld geht auch immer ein Zeichen an die Mannschaft aus, gerade was die Mentalität betrifft. Schätzt Dardai genau das an Ihnen: dass sie Energie und Gier ausstrahlen?

Er spricht das nicht so direkt aus. Aber er sagt der Mannschaft immer, dass wir im Mittelfeld Präsenz brauchen, dass die Zweikämpfe, die Balleroberungen, die Pässe so etwas wie der Motor unseres Spiels sind. Natürlich fühle ich mich da angesprochen, auch wenn ich nicht so viel darüber nachdenke. Wenn der Schiri pfeift, weiß ich, was ich zu tun habe.

Glauben Sie, dass Dardai in Ihnen ein bisschen sich selbst als Spieler wiedererkennt?

Keine Ahnung. Ich versuche jedenfalls nicht, ihn zu imitieren. Ich höre zu, was er sagt. Und ich weiß schon, dass meine Position in seiner Vorstellung vom Fußball eine wichtige Rolle spielt. Die defensive Struktur ist unsere Basis. Wenn wir das gut hinkriegen, kommt die Offensive fast ein bisschen von selbst.

Sie sagen: Dardai redet nicht viel mit Ihnen. Wie muss man sich seine Mannschaftsführung vorstellen?

Er weiß einfach, was er will. Und ich weiß, was das bedeutet. Er pusht uns, wenn es schlecht läuft. Und er weiß genau, welchen Knopf er drücken muss, um eine Reaktion zu bekommen. Wenn es die richtige ist, spricht er nicht mehr großartig darüber. Aber im Training fällt schon oft mein Name: „Per, einen Meter weiter links.“ Oder: „Einen Meter nach rechts.“ Für mich ist das nur positiv.

Das große Thema in diesen Tagen ist ...

... ja (lacht) ...

... die Frage, wie Hertha diesmal eine erfolgreiche Rückrunde hinbekommt. Die Fans beschäftigen sich seit Wochen damit, die Medien ebenfalls. Wie ist es mit der Mannschaft?

Bei uns ist das kein Thema. Ich verspüre auch keinen Druck. 30 Punkte aus 16 Spielen, Platz drei, das ist überragend für uns. Ich empfinde unsere Situation als ausschließlich positiv. Wir müssen einfach locker bleiben, gut trainieren und unser Ding durchziehen. Wenn wir das gut machen, ergibt sich alles andere von allein.

Ist irgendetwas anders als vor einem Jahr? Im Training? In der Ansprache durch den Trainer?

Ich glaube, der größte Unterschied ist: Wir als Mannschaft haben jetzt mehr Erfahrung mit dieser Situation. Wir sind ein Jahr länger zusammen, kennen uns untereinander besser, sind noch mehr zusammengewachsen. Der X-Faktor muss einfach stimmen.

„Pal Dardai weiß genau, welchen Knopf er drücken muss“

Wir haben ein norwegisches Sprichwort gefunden: „Ingenting i denne verden er så; langt unna hvordan banen for gode intensjoner til handling.“

Gute Aussprache – obwohl: Ein paar Wörter habe ich nicht verstanden.

Auf Deutsch: Nichts auf der Welt ist so weit entfernt wie der Weg von einem guten Vorsatz zu einer guten Tat. Der gute Vorsatz ist da, aber bekommt Hertha das auch mit der guten Tat hin?

Ich habe Vertrauen, dass wir besser abschneiden als voriges Jahr. Und zwar zu hundert Prozent.

Was macht Sie da so sicher?

Die Mannschaft, die Spielertypen, die Chemie und mein Gefühl. Wir haben auch etwas aus der vergangenen Saison gelernt. Das heißt nicht, dass es von alleine funktionieren wird. Wenn wir uns den Spaß bewahren können, aber auch die nötige Seriosität, bin ich selbst gespannt, wo uns das hinführen wird.

Pal Dardai hat sich den Rat eines Sportpsychologen eingeholt, wie er mit dem Thema umgehen solle. Haben Sie das gemerkt?

Nein, der Trainer ist in dieser Angelegenheit ganz locker. Ich glaube, im Moment sind wir alle Psychologen. Wir reden, wir quatschen miteinander, versuchen uns auf das Positive zu konzentrieren und das Negative auszublenden.

Hatten Sie diese Mentalität immer schon? Oder hat sich die erst im Laufe der Jahre entwickelt?

Ich glaube, das war immer schon ein Teil von mir. Vielleicht steckt es ein bisschen in meinen Genen. Ich stamme aus einer Fußballerfamilie. Mein Großvater hat auch schon in der höchsten Liga Norwegens gespielt. Der war sehr aggressiv auf dem Platz. Mein großer Bruder auch. Nur mein Vater ist nicht ganz so aggressiv, aber er quatscht viel. Er kommt aus Bergen, da machen die Menschen das so. Er hat für Brann Bergen in der Zweiten Liga gespielt, hatte aber irgendwann keinen Bock mehr, ist durch die Welt gereist und hat dann meine Mutter kennengelernt. Er war mehr der Hippie, von wegen Love und Peace.

Love und Peace, das ist jetzt nicht gerade Ihr Motto auf dem Platz.

Bei mir kann es hart zur Sache gehen, aber ich bin keiner, der darauf aus ist, das Spiel zu zerstören. So bin ich generell nicht. Es gibt nur einen Per, egal ob auf dem Fußballplatz oder zu Hause. Da besteht kein Unterschied. Aber je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass ich dieses Feuer in mir habe. Das kommt bei mir allerdings nur raus, wenn meine Kinder großen Blödsinn machen oder der Schiri seltsam pfeift.

Wie lange brauchen Sie, um nach einem Spiel wieder runterzukommen?

Da bin ich ganz locker. Wenn mein Sohn oder meine Tochter kommen und mich fragen: „Hey, Papa, wie geht’s?“, dann weißt du, was das Wichtigste im Leben ist.

Und Ihr Sohn? Führt der schon die Familientradition fort?

Er ist sechs und hat jetzt mit Fußball angefangen.

Dann wird er wahrscheinlich auch schon wissen, dass Tore das Schönste und das Wichtigste sind.

Für ihn ist das Wichtigste, dass Hertha gewonnen hat. Wie sein Papa gespielt hat, interessiert ihn nicht. Das Team ist wichtig.

Sie haben sich und Ihre Familie zwei Jahre lang vom norwegischen Fernsehen in Ihrem Alltag mit der Kamera begleiten lassen. Was steckte dahinter?

Ich finde das Format großartig, weil es dort nicht um die Erfolge geht, um Medaillen und Titel, sondern um den Menschen dahinter. Das wollte ich den Zuschauern auch zeigen. Viele denken wahrscheinlich, dass Fußballprofis ein besonderes Leben führen, in schönen Häusern leben, dicke Autos fahren und spannende Sachen erleben. Ich wollte den Zuschauern einen Einblick in das wahre Leben gewähren. Das Leben einer normalen Familie mit zwei Kindern. Und den haben sie bekommen.

Wie war die Resonanz?

Überragend. Die Freundin von jemandem, den ich kenne, hat gesagt: „Das hat richtig Spaß gemacht, sich das anzuschauen. Es hat Situationen gegeben, wo ich gedacht habe: Hey, der ist ja genau wie ich.“

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