Pressestimmen zum WM-Aus : Leroy Sané ist raus – und England ist sauer

"Rücksichtslos", "abserviert", "brutal gestrichen": Die englische Presse schießt sich auf Bundestrainer Joachim Löw ein. Der Ruhrpott kocht ebenfalls.

Markus Lücker
Auch während der WM nicht zu sehen. Leroy Sané (nicht der Selfie-Mann).
Auch während der WM nicht zu sehen. Leroy Sané (nicht der Selfie-Mann).Foto: Ina Fassbender/dpa

"Rücksichtslos" sei Joachim Löw, "abserviert" und "brutal gestrichen" habe er Leroy Sané kurz vor der WM in Russland. Selbst das Poster des Nachwuchstalents hätten sie bereits aus dem Fußball-Museum in Dortmund geschmissen. So reagierte die Londoner Boulevardzeitung "Daily Mail" auf die Bekanntgabe des 23-köpfigen Kaders der deutschen Nationalmannschaft am Montag.

Die britischen Fußballjournalisten sind verwundert: Wie kann es sein, dass der unter Trainer Pep Guardiola bei Manchester City so erfolgreiche Sané keinen Platz bei den Deutschen findet? Mit Sané holte City im Mai den Titel in der Premier League, der Tempodribbler hatte zehn Tore und 15 Vorlagen beigesteuert. Einen Monat zuvor zeichnete ihn die Professional Footballers’ Association als bestes Jungtalent der Saison aus – als ersten Deutschen überhaupt.

Doch mit der Verwunderung schwingt auch eine Angst mit: Wenn der beste Nachwuchsspieler der Liga nicht mitdarf, muss der Rest der Mannschaft ja geradezu überragend sein. Die britische "Sun" führt den "Schlag unter die Gürtellinie" auf das übersteigerte Ego des gestrichenen Offensivspielers zurück und sein Verhalten im Trainingslager.

Die Boulevardzeitung greift damit auf ein Motiv der griechischen Tragödie zurück: Ikarus, der zu nahe an die Sonne heranfliegt. Der begabte aber mit Fehlern behaftete Held und Jüngling Leroy Sané scheitert trotz aller Bemühungen an seinem eigenen Hochmut, seiner Hybris. Dafür bestrafen den 22-Jährigen die Götter in Form von Bundestrainer Joachim Löw. Der hätte mit einer Besetzung Sanés riskiert, die restliche Mannschaft zu brüskieren und stehe nun nach der Streichung umso besser da.

Kein Platz für Egos in der Mannschaft

Übersteigerte Persönlichkeiten passen nicht zum Selbstbild des DFB-Teams, halten auch deutsche Medien fest. Beobachter des Südtiroler Trainingslagers haben sich schon häufiger an den angeblichen Allüren des Jungstars gerieben. Von diesem Image dürfte Sané so schnell nicht loskommen.

Löw bescheinigt Sané hingegen gutes Benehmen: "Abseits des Platzes gab es gar nichts, wirklich. Leroy hat sich sehr korrekt und gut verhalten," sagte der Bundestrainer am Montag. Besonders gut habe Sané bei der 1:2-Niederlage gegen Österreich aber auch nicht ausgesehen, fügt die "Sun" zu ihren Spekulationen über Sanés Persönlichkeitsprobleme hinzu.

Auch bei der Berichterstattung aus dem Ruhrgebiet schwingt immer noch eine spürbare Sympathie für den Ex-Schalker mit. "Der Westen" berichtet von ausrastenden Fans in den sozialen Medien und zitiert daraus für eine Überschrift: "Ist Löw betrunken?". Die "WAZ" mit Sitz in Essen kommentiert: "Das WM-Aus für Sané ist schwer nachvollziehbar."

Sané selbst präsentiert sich nach dem gestrichenen WM-Platz ausgeglichen. Sein Kollege von Manchester City, Kyle Walker, veröffentliche nach der Kaderbekanntgabe ein Bild von sich, wie er in einer großen Wolke Wasser ausprustet. Dazu die Nachricht: "Wenn du erfährst, dass Leroy Sané nicht zur Weltmeisterschaft fährt". Der Deutsche scherzte zurück: "Nun ja, du hast Glück, dass du nicht gegen mich spielen musst, Bro".

Auf England kann Deutschland frühestens im WM-Viertelfinale treffen – vorausgesetzt, die Streichung Sanés erweist sich nicht als jene falsche Entscheidung, als die sie die britischen Medien interpretieren.

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