• Protest gegen designierten DFB-Präsidenten: Eine positive Streitkultur existiert nicht

Protest gegen designierten DFB-Präsidenten : Eine positive Streitkultur existiert nicht

Der DFB ist verkrustet – das zeigt die Art und Weise der Kandidatenwahl für das Präsidentenamt. Eine Position aus dem Berliner Fußball.

Gerd Thomas Bernd Fiedler
Beim DFB werde die Basis nicht mehr berücksichtigt, finden Gerd Thomas und Bernd Fiedler.
Beim DFB werde die Basis nicht mehr berücksichtigt, finden Gerd Thomas und Bernd Fiedler.Foto: dpa

Man stelle sich vor, das Bundeskanzleramt würde ohne vorherigen Wahlkampf über Inhalte, Positionen und Zukunftspläne besetzt. Kaum denkbar. Bei den großen Sportverbänden ist diese Vorgehensweise hingegen Usus. So wurde dem Volk nun Fritz Keller als Kandidat für das Amt des Präsidenten beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) präsentiert. Damit ist der Findungskommission eine kleine Überraschung gelungen, denn was kann man schon gegen den finanziellen Underdog SC Freiburg mit seinem originellen und klugen Trainer haben? Keller ist Präsident der Freiburger. Sogleich gab es positive Kommentare aus dem Profilager. Frank Baumann und Thomas Hitzlsperger befürworteten die Auswahl. Rainer Koch, der erste Vizepräsident des DFB und zuständig für den Amateurfußball, findet ohnehin, der 62 Jahre alte Keller sei der richtige Mann für die Zukunft. Sogar der langjährige Grünen- Chef Cem Özdemir darf sich positiv äußern, warum auch immer?

Keller wird nun am Mittwoch in Berlin den Vertretern der Landesverbände und der Profivereine der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zum Abnicken vorgestellt. Vertreter der Amateurvereine wurden vorab nicht gefragt. Die 54 Profiklubs (inklusive Dritte Liga) stellen nur 0,2 Prozent aller Fußballvereine in Deutschland. Trotzdem bestimmen sie die Debatte, während die Mehrheit von 99,8 Prozent keinerlei Beachtung findet.

Wenn der eigene Lobbyverband die vertretenen Mitglieder ignoriert und gar den Eindruck vermittelt, es käme vorrangig darauf an, die 0,2 Prozent nicht zu verärgern, sollte die erdrückende Mehrheit alarmiert sein. DFB-Vize Koch teilte einem dieser Autoren jüngst mit, den DFB-Bundestag müsse man sich nicht wie den politischen vorstellen, mit Opposition und so. Wichtig sei vor allem die Einheit von Profis und Amateuren.

Nun stellen die Vertreter der Amateure diese Einheit gar nicht in Frage. Gleichwohl hat die Gemeinschaft durch den komplett zugunsten der Profis verhandelten TV-Vertrag aber arge Risse erhalten. Ausgehandelt wurde er von der stets gut organisierten Deutschen Fußball-Liga für die Profis und dem DFB als vermeintlichem Anwalt der Amateure. Aber kann der DFB in solchen Verhandlungen die Amateure überhaupt vollumfänglich vertreten?

Verbandsvertretern fehlt Interesse und Leidenschaft

Die gnadenlose Intransparenz des DFB kann nur deshalb weiter bestehen, weil die Landespräsidenten (die weibliche Form ist mangels Besetzung irrelevant) keine eigene Meinung vorbringen. Vor zwei Jahren haben wir beim Berliner Verbandstag mit dem damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel über den TV-Vertrag gestritten, der Präsident des Berliner Fußballverbands (BFV), Bernd Schultz, bezog dabei mit keiner Silbe Stellung. Es war symptomatisch: Die Delegierten des DFB-Bundestags nicken Anträge ab, eine positive Streitkultur existiert nicht. Und für ihre bedingungslose Zustimmung werden sie mit Pöstchen versorgt, wobei Qualifikation nur selten eine Rolle spielt.

Nicht für jeden reicht es zum DFB-Vizepräsidenten. Der BFV-Präsident wurde beispielsweise zum DFB-Beauftragten für Futsal ernannt. In einer Stadt, in der in fast keiner Halle Futsal gespielt werden darf, stimmte das BFV-Präsidium gegen den Vorschlag namhafter Vereine, eine neue Stelle für Infrastruktur einzurichten. Und das, obwohl nahezu jeder zweite Sportplatz sanierungsbedürftig ist, weswegen viele Vereine einen Aufnahmestopp verhängt haben. Aber immerhin: Das in Frankfurt nicht allzu ernst genommene Berlin hat einen Posten abbekommen.

Die Wahl zum DFB-Präsidenten Ende September in Frankfurt am Main wird voraussichtlich mit einhundert Prozent Zustimmung der Landes- und Regionalverbände erfolgen. Es gibt schließlich nur einen Vorschlag, obwohl sich mit der Düsseldorferin Ute Groth eigentlich eine zweite Kandidatin ins Spiel gebracht hatte. Doch sie wurde einfach ignoriert. Dabei hat Ute Groth ein Programm und klare Vorstellungen, wie sie den DFB reformieren würde. Eine Agenda von Fritz Keller ist bislang nicht bekannt. Dafür mehren sich die Anzeichen, dass seine Befugnisse arg beschnitten werden sollen. Was hätte eigentlich dagegen gesprochen, beide antreten zu lassen? So, wie es einer demokratischen Institution gut zu Gesicht stünde.

Nicht, dass Ute Groth bei den autoritätshörigen Wahlmännern und sehr wenigen Wahlfrauen eine Chance gehabt hätte. Die hätte sie vielleicht nicht einmal bei einer Urwahl unter allen DFB-Mitgliedern. Und diese wäre ohnehin nicht umsetzbar. Denn die kolportierten sieben Millionen Mitglieder haben keine Verbindung zum DFB. Sie sind nur in ihren jeweiligen Landesverbänden aufgeführt und sollen von diesen dann beim DFB vertreten werden.

Gerd Thomas (links) ist Vorsitzender des FC Internationale Berlin, Bernd Fiedler ist Vorsitzender des SFC Stern 1900 Berlin.
Gerd Thomas (links) ist Vorsitzender des FC Internationale Berlin, Bernd Fiedler ist Vorsitzender des SFC Stern 1900 Berlin.Foto: promo

Die DFB- und DFL-Spitzen mauscheln weiter im Hinterzimmer, mahnen Ruhestörer, um bloß keine Irritationen aufkommen zu lassen. Doch genau diese bräuchte das verkrustete System DFB. Vom Berliner Landesverband ist nichts zu erwarten. Die Delegierten fragen nicht einmal ihre Vereine, wie sie votieren sollen. Stattdessen decken sie die unerträgliche Intransparenz und machen sich damit zum Teil des Problems.

Unnötig zu erwähnen, dass das Selbstverständnis der anderen Landesverbände ähnlich ist. Dabei könnte gerade der Hauptstadtverband Maßstäbe in Sachen Demokratie und Partizipation setzen. Dafür bräuchte es allerdings Interesse und Leidenschaft für innovative Prozesse, eine zu hohe Hürde für das seit Jahren an den Entwicklungen der Hauptstadt vorbei arbeitende BFV-Präsidium.

Immerhin scheint der DFB aus dem Finanzskandal um die WM 2006 gelernt zu haben, dass die Gemeinnützigkeit bei dubiosen Geschäften schnell aufs Spiel gesetzt werden kann. Ob das reicht? Die an Aufklärung nicht sehr interessierten Personen bleiben an Bord. Friedrich Curtius, der sich nach eigenen Angaben im Stadion nicht immer wohl fühlt, soll eine Art Superminister werden. Oliver Bierhoff bekommt endlich seine Akademie geschenkt. Die werden vor allem aktuelle oder angehende Profis nutzen, sie wird aber vom DFB aus dem ideellen Bereich bezahlt. Vize Rainer Koch soll Ambitionen hegen, sich weiterhin um den Job des Delegierten beim Weltverband Fifa zu kümmern.

Ein weiterer Vize soll Günter Distelrath werden. Da dieser im Oktober mit 70 Jahren über der Altersgrenze wäre, wurde der DFB-Bundestag vom Präsidium kurzerhand vorverlegt. Außer mit Fritz Keller wurde mit niemandem gesprochen. Warum es da eine teure Personalberatung braucht, bleibt nebulös. Wobei die Vorab-Interviews mit den Personalern durchaus unterhaltsam waren.

Die Vereine haben den Eindruck, alleine dazustehen

Was in der Debatte nicht vorkommt, sind die Probleme der Basis. Beim Amateurkongress legte der DFB vor allem die Themen Digitalisierung und sportliche Qualifizierung fest. Die Delegierten mussten endlose Vorträge und gleich drei Podiumsdiskussionen mit Reinhard Grindel ertragen. Wer in den Pausen bei Vereinsvertretern nachfragte, hörte andere Sorgen. Die Überlastungen des Ehrenamts, der Einstieg zwielichtiger Investoren und aus dem Ruder laufende Geldzahlungen für Spieler schon in der Kreisliga. Mangelnde Sportstätten und nicht zuletzt die stetig zunehmenden Belastungen durch die Verbände, zum Beispiel höhere Strafen und Gebühren, Digitalisierung oder Sicherheitsauflagen. Ute Groth hat hierzu Stellung bezogen, ebenso zu einer größeren gesellschaftlichen Verantwortung des DFB und der Landesverbände.

Vereine haben Ideen und Energie, aber sie haben zunehmend den Eindruck, alleine dazustehen. Keller ist zu wünschen, dass er überhaupt Akzente setzen kann und nicht zum Grußonkel wird. Doch er hat kaum maßgebliche Gestaltungsmöglichkeiten, ohne dabei Rücksicht auf die teilweise mächtigen Landes- und Regionalverbände zu nehmen. Er wäre gut beraten, sich viele Verbündete zu suchen. Nicht nur in der ihm bestens bekannten DFL, sondern auch bei den Amateuren. Ob er das tun wird? Skepsis ist angebracht, aber wir lassen uns gern überraschen.

Es ist zu hoffen, dass Fritz Keller ein gestaltender und durchsetzungsfähiger Präsident für den gesamten Fußball sein wird. Wir wollen ihm diese Fähigkeit nicht schon vor einer Präsidentschaft absprechen. Das Verfahren zu seiner Nominierung bleibt empörend und gibt ihm eine völlig unnötige Hypothek mit ins Amt. Er wird ein Präsident von Gnaden der Findungskommission sein. Die Amateure werden sich unweigerlich alleine organisieren müssen, wollen sie ernsthaft Gewicht erlangen. Erste Schritte diesbezüglich sind in vollem Gange. Man wird von ihnen hören.

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