Radkolumne "Abgefahren" : Kilometer sind das neue Klopapier

Ausgedehnter Radsport sollte nicht mehr im Freien stattfinden, hieß es von der Interessenvertretung Deutschlands Fahrradfahrer. Woraufhin unser Kolumnist verzweifelt Kilometer sammelte.

Michael Wiedersich
Untewegs in Brandenburg. Die Perspektive des Autors.
Untewegs in Brandenburg. Die Perspektive des Autors.Foto: Michael Wiedersich

Vor etwas mehr als einer Woche sorgte eine Presseinfo des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) für etwas Unruhe unter Berlins Radsportlern. Lange Radtouren seien nicht gewünscht und ausgedehnter Radsport sollte nicht mehr im Freien stattfinden, hieß es von der Interessenvertretung Deutschlands Fahrradfahrer.

Warum und wieso blieb offen. Denn bisher schien in Sachen Radfahren alles super zu sein. Wer allein oder höchstens mit einem weiteren Mitfahrer unterwegs war, durfte sich auf der sicheren Seite fühlen. Sport an der frischen Luft stärke sogar das Immunsystem, konnte man lesen. Auch in den offiziellen Verordnungen wird weder eine räumliche noch eine zeitliche Beschränkung erwähnt. Trotzdem: Wenn der ADFC so eine Meldung heraushaut, wissen die schon mehr? Drohte zu Ostern das Ende der kleinen Radsportwelt in Berlin und Brandenburg? Wenn ja, wie lange darf man noch raus? Ich bekam ein wenig Torschluss-Panik. Jetzt hieß es, vor der vermeintlichen Radsport-Quarantäne noch einmal ganz viele Kilometer hamstern.

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An den ersten beiden Tagen blieb ich noch vorsichtig in der Nähe der Havelchaussee und der südlichen Peripherie Berlins. Offenbar teilten einige meine Befürchtungen. Ab mittags entwickelte sich die Gegend um den Kronprinzessinnenweg neben der Avus zu einem Outdoor-Freizeitpark. Inlineskater, Spaziergänger, Radfahrer bevölkerten die für den Autoverkehr gesperrte Strecke durch den Grunewald. Obwohl es zeitweise dort sehr voll war, hielten die Menschen soweit es ging sozialen Abstand.
Am Mittwoch machte ich dann das erste Mal ernst.

Als Strecke wählte ich eine südwestliche Runde von gut 240 Kilometer. Ab Berlin ging es über den Havelradweg zur Stadt Brandenburg. Von dort radelte ich südlich entlang der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt durch den Hohen Fläming zurück nach Berlin. Es war zwar mitten in der Woche und eigentlich ein normaler Arbeitstag. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten von Homeoffice und geschlossenen Geschäften? Die Landstraßen und Radwege wirkten teilweise wie leergefegt. Meine persönliche soziale Isolation machte mir irgendwie Spaß.

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Es folgten drei Tage mit etwas kürzeren Touren. Auf den Ausflugsstrecken im Berliner Südwesten steppte ab Karfreitag der Bär mit zunehmender Tendenz. Doch schon in Potsdam wurde es ruhiger, rund um Sanssouci war wenig los. Selbst der Flötenspieler vor dem Schlosseingang fehlte.

Am Ostersonntag folgte dann noch einmal eine große Plausibilitäts-Check-Runde. Könnte die fast meditative Leere vom Mittwoch nur Zufall gewesen?

Wieder ging es durchs Land an die Brandenburger Landesgrenze, diesmal jedoch etwas weiter südlich und dann über Dahme/Mark zurück nachhause. Und auch diesmal überraschte mich die Einsamkeit. Rainald Grebes Brandenburg-Song ging mir die ganze Zeit durch den Kopf, gut dass ich genug Essen dabei hatte. Nur einmal wurde es auf einer dieser verwaisten Landstraßen ein wenig eng. Mit gut 100 Stundenkilometern überholte mich ein Autofahrer, offenbar mit heftigen Problemen beim Halten des Mindestabstandes.

Ostern 2020 wird mir jedenfalls in Erinnerung bleiben. Dank der aus Radsportler-Sicht apokalyptischen ADFC-Presseinfo habe ich in einer Woche ganz viele Stunden auf dem Rad verbracht. Nun geht es mir mit den Kilometern vermutlich wie vielen meiner Hamster-Kollegen, die sich mit Massen an Klopapier eingedeckt haben: Was mache ich damit?

- Radsporttrainer Michael Wiedersich schreibt für den Tagesspiegel im 14-Tage-Rhythmus seine Kolumne zum Radsport,

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