Sicherheit bei der WM und Hooligans : Marseille 2016 - „Es war brutal“

Kevin Miles war 2016 in Marseille, als russische Hooligans englischen Fans durch die Straßen jagten. Nach Russland gereist ist er trotzdem. Ein Interview

Andreas Bock
Ein Polizist und russische Fußballfans in Marseille 2016.
Ein Polizist und russische Fußballfans in Marseille 2016.Foto: Guillaume Horcajuelo/EPA/dpa

Während der Europameisterschaft in Frankreich vor zwei Jahren jagten am 11. Juni in Marseille etwa 200 russische Hooligans mehrere tausend Engländer durch die Stadt. Kevin Miles war damals auch in Marseille. Jetzt bei der Weltmeisterschaft in Russland ist er wieder mit dabei. Andreas Bock hat mit dem englischen Fan gesprochen.

Kevin Miles, Sie waren am 11. Juni 2016 in Marseille. War es wirklich so schlimm, wie später berichtet wurde?

Es war der reinste Horror. Eine der schlimmsten Erfahrungen, die ich in 40 Jahren als Fußballfan gemacht habe. Die Hooligans waren perfekt ausgestattet, fast militärisch. Sie hatten Messer, Waffen, Mundschutz, trainierte Kämpfer. Es war brutal. Das Schlimmste aber: Sie trafen nicht auf englische Hools, wie es oft hieß. Sie prügelten auf normale Fans ein.

Haben sich die englischen Fans von den Vorfällen von Marseille abschrecken lassen?

Es kann gut sein, dass einige sich gesagt haben: Wenn in Russland die Hools normale Typen aufmischen, dann bleibe ich lieber zu Hause. Dabei sollten die Engländer eigentlich wissen, dass man nicht von einer kleinen Gruppe auf ein ganzes Land schließen kann. Für Dekaden hatten wir das Problem, dass andere Fans von uns dachten, wir seien alle Hooligans. Auch sie hatten die Bilder von prügelnden Engländern im Kopf, vergaßen aber, dass diese nur eine klitzekleine Gruppe waren.

Wie viele Engländer sind denn nach Russland gereist?

Ähnlich viele wie 2014 in Brasilien. Aber das hier ist natürlich ein europäisches Turnier, es sind nur wenige Stunden von London nach Russland. Daher kann man sagen: Die Zahlen sind niedrig. Aber es ist zu vereinfachend, Marseille dafür als einzigen Grund zu nennen.

Liegt es auch an der Vorberichterstattung? Vor der WM kündigten russische Hooligans in einer BBC-Dokumentation ein „Festival der Gewalt“ an.

Ach, ich habe vor jedem Turnier so eine Dokumentation gesehen.

Warum sind dann relativ wenige Engländer in Russland? Einige sagen auch, es liegt an den politischen Spannungen.

Ich glaube, es ist ein Mix aus vielen Faktoren. Dazu kommt ein recht einfacher Hauptgrund: Russland ist nicht einfach zu bereisen. Die Distanzen innerhalb des Landes sind enorm. Außerdem ist Russland kein Urlaubsland wie etwa Frankreich. Es gibt keine gute Infrastruktur für Touristen, die Hotels sind teuer, viele Flüge ebenfalls, wenn man sie kurzfristig bucht. Wobei, nach den guten Erfahrungen von Wolgograd denken vielleicht viele Engländer: Jetzt komme ich auch.

Ihr Fazit fällt nach einer Woche positiv aus?

Es ist bislang komplett ruhig geblieben. Die größten Probleme, die wir hatten, waren die nervigen Fliegen vor der Fanbotschaft in Wolgograd. Ansonsten ist alles super: Freundliche Menschen, hervorragendes Essen, tolles Wetter.

Wird es noch krachen?

Lassen Sie es mich so sagen: Die russischen Autoritäten wünschen sich eine sichere und friedliche WM. Sie wollen ihr Land im besten Licht präsentieren und wissen sehr gut, was sie tun müssen, um ihre Schläger im Zaum zu halten.

Keine Sorge, dass die Engländer Rache nehmen wollen für Marseille?

Die Hooliganszene in England ist tot.

Es gibt keine neuen Generationen bei Millwall oder West Ham?

Die kümmern sich nicht um die Nationalmannschaft. Organisierte Hooligangruppen hatten wir das letzte Mal vor 15 Jahren. Wir leiden immer noch an den alten Geschichten. Wie Sie wissen: Es ist schwieriger, einen Ruf zu verlieren, als einen Ruf wieder loszuwerden.

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