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Wer nur singen will, soll zur Eurovision fahren - sagt der irische Altstar Roy Keane über Irland bei der EM 2012.

© dapd

Hoch verlieren, ausscheiden - und trotzdem singen? Die irischen Fans und ihre Massen von Sympathisanten finden das toll. Einer nicht: Stephen Glennon, irischer Fan und Augenzeuge in Danzig.

Es steht 0:4 gegen Spanien, und 25.000 Iren singen aus voller Kehle. Bemerkenswert war nicht nur, wie laut die Fans sangen, sondern auch was. Im Lied „Fields of Athenry“ geht es um einen Mann in den Jahren der irischen Hungersnot, der seine Familie retten will. Pete St. John schrieb es in den Siebzigerjahren, im Laufe der Zeit wurde „Fields of Athenry“ nicht nur von Bands wie den Dubliners gecovert, sondern auch auf den Rängen von Celtic Glasgow oder Liverpool und bei Spielen der irischen Nationalelf intoniert. Weniger tiefgründig waren die Chants „Come on you boys in green“ and „Shoes off for the boys in green“.

Beobachter aus aller Welt waren begeistert von den irischen Fans. Ich bin einer von ihnen, bin sogar mit dem Fahrrad von Berlin nach Posen gefahren, um die „Boys in green“ spielen zu sehen. Und ich muss sagen: Ich bin einfach nur maßlos enttäuscht, es war peinlich.

Zum einen die Darbietung auf dem Rasen. Mir war schon klar, dass wir die Spanier nicht aus dem Stadion schießen würden. Aber dass wir so chancenlos wären, hätte ich nicht gedacht. 1994 haben wir Italien geschlagen, den späteren Finalisten, 2002 ein 1:1 gegen Deutschland geholt, ebenfalls ein späterer Finalist. Seitdem sind zehn Jahre vergangen, der Fußball hat sich überall weiterentwickelt, nur nicht in Irland.

Warum ich mich den Gesängen nicht anschließen konnte

Dazu diese Touristen-Mentalität: Hauptsache dabei sein und Spaß haben. Ich konnte mich am Ende den Gesängen nicht anschließen, weil ich einfach zu enttäuscht von dieser Mannschaft war. Manchen war es egal, weil es nicht mehr um Fußball ging. Man mag uns überall für nett halten, doch wer will schon nur nett sein?

Ich hatte gestern bei den Partys und den Besäufnissen in Danzig das Gefühl, dass ich der Einzige bin, der so denkt. Wenigstens ist mir Roy Keane zur Seite gesprungen: „Wir sollten nicht zu einem Turnier fahren, nur um schöne Lieder zu singen“, hat der ehemalige Nationalspieler im Fernsehen gesagt. Wer das will, sollte zum Eurovision Song Contest.

Wem man stattdessen wirklich ein Lob aussprechen sollte, das sind die Leute in Polen. Ich habe selten so freundliche und hilfsbereite Gastgeber kennen gelernt. Sie freuen sich einfach, die vielen Fans zu begrüßen und ihnen ihr Land näher zu bringen.

Ich brauchte zwei Tage mit dem Fahrrad von Berlin nach Posen, nach Danzig bin ich mit dem Zug gefahren. In den Nächten „couchsurfe“ ich – heißt: schlafe bei verschiedenen Leuten auf dem Sofa. Das funktioniert hier in Polen super. Ich freue mich schon darauf, wen ich in den nächsten Tagen in Posen treffen werde. Das wird eine schöne Zeit – bis zum Montagabend. Dann spielen die Iren wieder. Ich kann nur hoffen, dass sie wenigstens ein Tor schießen.

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