Sitzvolleyball : Besser ohne Beine

Sitzvolleyball ist eine dynamische, vor allem aber hochinklusive Sportart. Der SCC Berlin will darin nun den Titel holen.

Julia Heine
Paralympisches Spektakel. 2016 duellieren sich Brasilien und Deutschland im Sitzvolleyball in der Vorrunde.
Paralympisches Spektakel. 2016 duellieren sich Brasilien und Deutschland im Sitzvolleyball in der Vorrunde.Foto: Thilo Rückeis

Steffen Barsch ist glücklich. 2:0 (25:15, 25:9) hat der 51-Jährige mit den Sitzvolleyballspielern des SCC Berlin die Gäste aus Magdeburg besiegt. Auf dem deutlichen Erfolg in der ersten Runde der deutschen Meisterschaft wollen sich die SCC-Spieler aber nicht ausruhen. „Ab und zu hätten wir noch schneller sein können“, resümiert Barsch. Schwer hatten es die Berliner jedenfalls nicht. Den Magdeburgern missglückten nicht nur viele Zuspiele, sondern auch zahlreiche Aufschläge. An Motivation allerdings hat es beiden Mannschaften nicht gemangelt. Immer wieder hallten Jubelschreie durch die Max-Schmeling-Halle, wenn es einen Punkt für die eigene Seite gab.

Und wer glaubt, Sitzvolleyball sei eine starre Sportart, bei der sich die Spieler kaum bewegen, irrt gewaltig. Mit vollem Körpereinsatz hechten die Sportler zum Ball und schmettern diesen häufig mit voller Wucht zurück zum Gegner. Dabei benutzen sie die Arme als Stützen, um meist auf dem Po über das Spielfeld zu rutschen. Ambitioniertere Spieler werfen sich auch mal auf den Rücken, um den Ball noch zu bekommen. „Die Beine werden dabei oft als Balance genutzt, um sich wieder aufzurichten“, informiert Michael Merten, Trainer des SCC Berlin.

Das Besondere am Sitzvolleyball aber ist: Die Sportart eignet sich gleichermaßen für Menschen mit und ohne Behinderung – weshalb die Teams auch gemischt sind. Einen Nachteil, wenn ein Spieler noch beide Beine hat, kann Mertens nicht feststellen. Allerdings könnten – so blöd es auch klingen mag – Beine oder Unterschenkel manchmal im Weg sein, weil man ohne besser auf dem Hinterteil rutschen könne. „Auf nationaler Ebene dürfen bis zu zwei Spieler aus einer Mannschaft ohne Behinderung mitspielen“, erklärt Merten weiter, der auch Trainer der deutschen Nationalmannschaft ist.

Halbfinale gegen BSV Rheinland-Pfalz

Inklusiv ist Sitzvolleyball auch aus weiteren Gründen: „Der Altersunterschied zwischen unserem jüngsten und dem ältesten Spieler beträgt rund 40 Jahre“, sagt Merten. Eine Altersbegrenzung gibt es nicht. Frauen und Männer spielen zudem in der selben Mannschaft.

Die wesentlichen Unterschiede zum Volleyball sind das etwas kleinere Spielfeld und das niedrig hängende Netz (1,15 Meter statt 2,43 Meter über dem Boden). Außerdem darf der Aufschlag abgeblockt werden, was beim Volleyball verboten ist. Barsch, dem ein Unterschenkel fehlt, hat mit seinen 1,84 Metern Vorteile. Im Sitzvolleyball muss der Rumpf bei der Ballberührung immer Bodenkontakt haben. Ein Abstützen auf die Beine, sodass der Po in der Luft schwebt und die Arme dadurch weiter reichen, ist nicht erlaubt. Es kommt also stark auf Körpergröße und Armlänge an.

Dass die Größe Barsch zugutekommt, hat er schon mehrfach bewiesen. Seit 1987 spielt die Nummer 10 des SCC Sitzvolleyball, er ist mehrfacher Vize-Europameister, Deutscher Meister (2006) und Bronzegewinner der Paralympischen Spiele (1992 in Barcelona). Inzwischen trainiert Barsch zwar nicht mehr für die Paralympics, für den SCC ist er aber weiter mit Herz und Seele aktiv. „Mit ganz viel Anstrengung können wir den amtierenden Deutschen Meister Leverkusen vielleicht besiegen“, sagt Barsch. Die Leverkusener sind das Nonplusultra des Sitzvolleyballs.

Die nächste Aufgabe der Berliner heißt aber BSV Rheinland-Pfalz. Gegen den BSV spielt der SCC an diesem Sonntag ab 9 Uhr in der Max-Schmeling-Halle um den Einzug ins Finale der deutschen Meisterschaft.

Am Nachmittag vergibt Katrin Holtwick, die frühere Vize-Europameisterin im Beachvolleyball, dann die Medaillen – und schmettert vielleicht selbst noch ein paar Bälle im Sitzen übers Netz. „Nach meiner aktiven Karriere wurde ich zum Training eingeladen“, sagt sie. Nun trainiert Holtwick einmal in der Woche mit den Berlinern. „Es ist nach wie vor spannend, sich in ein komplett anderes Spiel hineinzudenken“, sagt sie.

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