Speerwerferin Obergföll erhält nachträglich Silber : „Wirklich freuen kann ich mich leider nicht“

Weil ihre Konkurrentin dopte, wird Christina Obergföll elf Jahre später olympisches Silber verliehen. Erste Zweifel kamen ihr bereits im damaligen Wettkampf.

Paul Gäbler
Es ist nicht alles Bronze, was glänzt: Speerwerferin Christina Obergföll erhält nachträglich die olympische Silbermedaille.
Es ist nicht alles Bronze, was glänzt: Speerwerferin Christina Obergföll erhält nachträglich die olympische Silbermedaille.Foto: Gero Breloer/dpa

Christina Obergföll kann auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken. Bei den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau holte die Speerwerferin die Goldmedaille, zwei weitere Male gewann sie Silber. Außerdem gab es da noch diesen dritten Platz bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Vor ihr lagen lediglich die tschechische Siegerin Barbora Spotakowa und Marija Abakumowa aus Russland. Bis vor drei Jahren das Internationale Olympische Komitee einige der Blut- und Urinproben erneut untersuchte.

Das Ergebnis: Die zweitplatzierte Abakumowa hatte gedopt. Nun erhält Obergföll nachträglich die Silbermedaille. „Wirklich freuen kann ich mich leider nicht“, sagte sie dem Tagesspiegel. Ihre Karriere hatte sie nach dem Istaf 2016 beendet. „Dafür ist tatsächlich schon zu viel Zeit vergangen. Natürlich freue ich mich über die nachträgliche Auszeichnung. Aber eine wirklich Genugtuung gibt mir das nicht. Das sind nun mal die zwei Seiten der Medaille.“

Im Organismus der disqualifizierten Abakumowa wurde im Nachhinein Dehydrochlormethyltestosteron nachgewiesen – ein starkes Anabolikum, das den Muskelaufbau fördert. Die Nebenwirkungen sind teilweise verheerend, insbesondere wenn das Mittel regelmäßig genommen wird. In DDR-Leistungszentren wurde die Substanz ab Mitte der 70er Jahre im großen Stil verabreicht – vorwiegend an Minderjährige, bei denen das Anabolikum besonders großen Schaden anrichtet.

Als Nebenwirkungen können unter anderem erhöhter Bartwuchs, eine Vertiefung der Stimme sowie schwere Schädigungen der Leber auftreten. Der Oscar-prämierte Dokumentarfilm „Ikarus“ hat auf eindrucksvolle Weise gezeigt, mit welcher Konsequenz Russland über Jahrzehnte den Hochleistungssport mit Dopingmitteln manipuliert hatte.

Als Konsequenz auf die anhaltenden Dopingfälle hatten viele Sportler gefordert, Russland von den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro auszuschließen – unter anderem auch Christina Obergföll. Das Internationale Olympische Komitee reagierte zumindest mit einer Teilsperre, von den nominierten russischen Leichtathleten wurden bis auf eine Ausnahme alle abgelehnt. Auch Athleten aus anderen Sportarten wurden gesperrt, die Gewichtheber beispielsweise gar komplett. Ob das Doping in Russland seither eingestellt wurde, kann jedoch keiner genau sagen.

Sicherheit gibt es nicht

„Ich gehe nicht davon aus, dass das sich das Problem vollständig erledigt hat“, sagt Obergföll. „Im Sport geht es weiterhin um sehr viel Geld und sehr viel Prestige. Eine wirkliche Sicherheit gibt es da nicht.“

Ob sie bereits damals beim Wettkampf vermutet hatte, dass hier irgendwas nicht mit rechten Dingen zugeht? „Ja, tatsächlich schon“, sagt Obergföll und führt aus: „Inzwischen würde ich auf so einen Verdacht auch anders reagieren. Man darf aber nicht vergessen, dass selbstverständlich nicht alle russischen Sportler dopen. Es wäre zu wünschen, dass die Kontrollen so konsequent sind, dass die Sportlerinnen und Sportler nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Das ist auch kein angenehmes Stigma für die Beteiligten.“

Feiern wird sie ihren nachträglichen Erfolg aber dennoch. Im kleinen Kreis, mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Silber bleibt Silber. Egal, wie die andere Seite der Medaille aussieht.

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