Technischer WM-Assistent : Der Videobeweis ist eine Erfolgsgeschichte

Im Vorfeld der Weltmeisterschaft fürchteten sich alle vor dem Videobeweis. In Russland hat er sich bewährt. Doch manche Kritik wird wohl nie ganz verstummen.

Tobias Finger
Kontrollraum für den Videobeweis.
Kontrollraum für den Videobeweis.Foto: dpa/Dmitri Lovetsky

Kennen Sie das auch? Eigentlich wollen Sie nur helfen. Den Druck von den Schultern derer nehmen, die unangenehme Entscheidungen treffen müssen. Fehler korrigieren, Rationalität bewahren. Es für alle gerechter machen. Und dann gehen die Leute auf die Barrikaden und werfen Ihnen vor, Sie würden „unseren Sport kaputt“ machen, den Fußball „der Emotionen berauben“. Nein? Dann sind Sie wahrscheinlich nicht der Videobeweis.

Denn der sah sich in der Vergangenheit aufs Heftigste mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Schon bevor er flächendeckend in der vergangenen Bundesligasaison eingesetzt wurde, hatte sich eine Querfront aus Fußballpuristen formiert, generellen Cholerikern und Berufsskeptikern, die schon vorab ebenjene Kritik äußerten, ohne dass der Var, der Video Assistant Referee, so der Titel des personifizierten Videobeweises, in ihrer Liga je im Einsatz gewesen war.

Tatsächlich startete der Var in der Bundesliga dann auch mit vielen Nebengeräuschen. Die kalibrierten Linien für die Überprüfung von Abseitsentscheidungen funktionierten nicht, mal fiel das ganze System aus, die Transparenz bei abgeänderten Entscheidungen war nicht gegeben. Das ging auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Und schließlich könne man ja nach einem Tor gar nicht mehr spontan jubeln, wenn immer das Risiko bestehe, es werde nach Var-Eingriff noch revidiert, sagten die Kritiker.

Da waren sie wieder, die Vorwürfe. „Der Var macht unseren Sport kaputt“ und „er beraubt den Fußball der Emotionen“. 17 von 18 Bundesligavereinen stimmten im März dennoch für einen dauerhaften Einsatz der Technologie. Für die Funktionäre ist der Var trotz aller Kritik zukunftsfähig.

Auch auf allerhöchster Ebene. Als Fifa-Präsident Gianni Infantino im März verkündete, das Turnier in Russland werde „unsere erste Weltmeisterschaft mit Var“, fügte er an: „Wir sind sehr glücklich mit dieser Entscheidung.“ Möglich war das geworden, weil das International Football Association Board die Technologie offiziell in die Regeln aufgenommen hatte.

Der VAR minimiert die Fehlerquoten

Die Entscheidung sorgte gerade im Var-geprüften Deutschland für Unmut unter den Fans. „Das ist die größte Fehlentscheidung der Fifa nach den Vergaben nach Katar und Russland“, hieß es da in den Kommentarspalten. Oder: „Super Idee! Das kann natürlich etwas länger dauern, wenn der Schiedsrichter aus Norwegen dann mit den Videoexperten aus Kamerun diskutiert.“ Mal davon abgesehen, dass alle eingesetzten Schiedsrichter des Englischen mächtig sind, war die Sorge aus den Erfahrungen heraus nicht unbegründet.

Doch nach Abschluss von Gruppenphase und Achtelfinals müssen auch die Kritiker eingestehen: Der Videobeweis bei der WM funktioniert. Er funktioniert transparent und er funktioniert in dem ihm gesteckten Rahmen. Findet auch Pierluigi Collina, Chef der Fifa-Schiedsrichterkommission: „Wir sind sehr zufrieden und nicht überrascht vom Erfolg. Es läuft wirklich sehr gut“, sagte er. Nach Informationen der Kommission sind 99,3 Prozent aller in Russland getroffenen Entscheidungen richtig. Ohne Videobeweis wären es laut Collina nur 95 Prozent gewesen.

Dabei wurden der Fifa zufolge 6,98 Entscheidungen pro Spiel überprüft (in der Bundesliga sind es 6,8), davon wurden in der Vorrunde 0,35 geändert. In der Bundesliga waren es 0,31. Das ist mehr als eine geänderte Entscheidung in jedem dritten Spiel. Dabei ging es bisher vor allem um Elfmeter. Allein in der Gruppenphase gab es in Russland 27 Strafstöße, sieben wurden nachträglich gegeben, zwei zurückgenommen.

Var wirkt, könnte man sagen. Die Überprüfung der Entscheidungen durch den Schiedsrichter im Stadion dauerte bei der WM sogar länger als in der Bundesliga: Im Schnitt waren es 80 Sekunden, in der Bundesliga 68. Faktisch lässt sich also nicht beweisen, dass der Videobeweis bei der WM besser funktioniert als im deutschen Ligabetrieb, obwohl in der Video-Zentrale in Moskau zusätzlich zum Var noch ein Assistent nur für Abseits, ein Entscheidungs-Assistent und vier Operatoren für die Videobilder sitzen, statt wie in der Bundesliga nur zwei. Woran liegt es dann?

Transparent in der Nutzung

Vor allem an einem Punkt hat die Fifa im Vergleich zum DFB besser gearbeitet: in Sachen Transparenz. Sowohl für die Zuschauer zu Hause als auch für die Fans im Stadion ist klar erkenntlich, was entschieden wurde und wieso. Im Stadion werden die überprüften Szenen und die daraus resultierende Entscheidungsänderung auf den Großbildschirmen gezeigt und verständlich kommuniziert, welche der vier Eingriffsmöglichkeiten des Var – Tor, Elfmeter, Rote Karte, Spielerverwechslung – die Grundlage war. Ebenso am Fernseher zu Hause.

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Dafür hat die Fifa extra einen Mitarbeiter abgestellt, der aus der Moskauer Videozentrale mit den Fernsehanstalten und Kommentatoren in Kontakt tritt und die zu zeigenden Szenen für Stadion und Übertragung auswählt. Im Fall der TV-Bilder entsprechen sie genau denen, die der Schiedsrichter im Stadion bei der sogenannten „On-Field-Review“ zu sehen bekommt.

Durch diese Maßnahmen will die Fifa die Akzeptanz der Videoschiedsrichter in Russland erhöhen. Die Zuschauer wissen Bescheid und die Eingriffsschwelle ist bewusst verhältnismäßig hoch gesetzt. Das stärkt ebenfalls das Vertrauen in die Schiedsrichter auf dem Feld. Dennoch bleiben auch bei der WM kritische Töne und Unsicherheiten. Zum Beispiel bei bestimmten Vergehen wie Handspielen im Strafraum, bei denen keine klare Linie zu erkennen ist. Und die Diskussion um die geraubten Emotionen ist auch noch nicht beendet. Wird sie vermutlich auch nie sein.

Und das kennen Sie dann vielleicht doch: Egal, wie sehr Sie sich bemühen, manche Kritik verstummt einfach nie. Vielleicht, weil die ewigen Nörgler nicht vom Kritikastern lassen können. Vielleicht aber auch, weil sie berechtigt ist.

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