• Torwarttrainer Zsolt Petry von Hertha BSC: "Wenn es einer schafft, dann Manuel Neuer"

Torwarttrainer Zsolt Petry von Hertha BSC : "Wenn es einer schafft, dann Manuel Neuer"

Zsolt Petry, der Torwarttrainer von Hertha BSC, spricht im Interview über seine Philosophie, über Rune Jarstein und seine angeborene Liebe zum Torwartspiel.

Zsolt Petry, 51, war ungarischer Nationaltorhüter. Er stand unter anderem bei Honved Budapest, Feyenoord Rotterdam und Eintracht Frankfurt unter Vertrag. 2015 wechselte er als Torwarttrainer von der TSG Hoffenheim zu Hertha BSC, wo er unter anderem mit Jonathan Klinsmann (rechts) zusammenarbeitet.
Zsolt Petry, 51, war ungarischer Nationaltorhüter. Er stand unter anderem bei Honved Budapest, Feyenoord Rotterdam und Eintracht...

Herr Petry, warum benötigt ein Torhüter eigentlich keine Spielpraxis?

 Es hängt davon ab, wie viele Spiele du schon in deinen Beinen und deinem Kopf hast. Bei erfahrenen Torhüter sind die Automatismen einfach drin. Da kannst du auf eine gewisse Routine zurückgreifen. Schüsse zu halten hat mit Spielpraxis nichts zu tun; Eins-gegen-eins-Situationen auch nicht. Es geht um andere Sachen.

 Nämlich?

 Wenn du mit dem Auto immer nur in der Stadt fährst und dann zum ersten Mal auf der Autobahn, weißt du zwar, wie es mit der Kupplung, mit Gas und Bremse funktioniert. Trotzdem ist das eine andere Nummer. Spielst du im Training immer nur auf einer Länge von 30 Metern drei gegen drei, vier gegen vier oder fünf gegen fünf, kennst du die Räume nicht, die du im Spiel hast. Ohne Spielpraxis ist es schwierig, diese Räumlichkeiten einzuschätzen.

 Wir fragen das mit Blick auf Manuel Neuer, der seit sieben Monaten nicht gespielt hat und trotzdem auf seine WM-Teilnahme hofft.

 Manuel Neuer ist ein leidenschaftlicher Torhüter. Über diese Leidenschaft, die Liebe zum Job kriegst du alles sehr schnell wieder auf das alte Niveau. Ich glaube, er braucht nur ein oder zwei Bundesligaspiele. Wenn es einer schaffen kann, dann Manuel Neuer.

 Manchmal hat man das Gefühl: Ohne Neuer hat Deutschland keine Chance, Weltmeister zu werden. Tut man seinem Stellvertreter Marc-André ter Stegen da nicht Unrecht?

 Manuel Neuer ist schon ein außergewöhnlicher Torwart. Das wird man auch sehen, wenn er mal abtritt: Dahinter gibt es keinen, der dieses Niveau mitbringt. Ter Stegen ist ein absoluter Top-Mann, aber Top-Männer hast du fünf, sechs, sieben, acht auf der Welt. Neuer steht noch eine Stufe darüber. Einen Torwart wie ihn hast du vielleicht einmal in fünfzehn Jahren. Neuer hat eine ganz andere Präsenz, eine ganz andere Ausstrahlung, ein ganz anderes Auftreten.

 Neuer ist für viele Kinder ein Vorbild. Hatten Sie früher auch einen Torhüter, an dem Sie sich orientiert haben?

 Ich hatte damals gar keine Möglichkeiten, ausländische Torhüter zu sehen. Bei uns im kommunistischen Ungarn gab es zwei Fernsehkanäle. Auf dem einen liefen russische Filme, auf dem anderen Eishockeyspiele aus der Tschechoslowakei. Aber die Frage ist berechtigt: Es gibt bestimmt viele Jungs, die einen Torhüter fliegen sehen und davon infiziert werden. Ich bin mit dieser Liebe geboren. Und diese Liebe ist immer noch da.

 Viele Torhüter sind im Tor gelandet, weil gerade kein anderer da war.

 So ist es bei mir auch gewesen. Mit neun habe ich an einem Sommercamp teilgenommen. Am letzten Tag hat der Trainer meinem Vater gesagt: „Das wird nichts mit dem Jungen. Der steht immer nur vorne rum und nimmt gar nicht am Spiel teil.“ Im letzten Training hat der Trainer mich ins Tor gestellt. Kurz vor Schluss kam ein Freistoß. Ich bin ganz automatisch hingeflogen und habe den Ball gehalten. So, wie man das nicht lernen kann. Das Talent war einfach in mir. Davon bin ich überzeugt.

 Was waren Sie für ein Torhüter?

 Mein Glück war, dass mich mein Vater von Anfang an dazu angehalten hat, auf eine intelligente Art und Weise zu spielen. Noch heute ist es bei vielen Torhütern leider so, dass sie einen Tick zu passiv und schon von ihrer Position her gar nicht in der Lage sind, am Spiel teilzunehmen. Das habe ich sehr schnell von meinem Vater mitbekommen. Er hat zu mir gesagt: „Die Torlinie muss dich gar nicht interessieren. Die ist nur für den Schiri da, damit er sieht, ob der Ball drin war oder nicht. Spiel mit! Denk mit!“

 Die Deutschen waren noch 2004 vor allem auf die Torlinie fixiert.

 Heutzutage gilt ein Torhüter als modern, wenn er fußballerisch gut ist. Aber Edwin van der Saar hat schon bei Ajax Amsterdam wie ein elfter Feldspieler fungiert. Das ist 25 Jahre her – und gilt jetzt in Deutschland als modern. Erst der Wechsel von Oliver Kahn zu Jens Lehmann hat hier einiges verändert. Aber erinnern sie sich noch an den Aufschrei? „Was soll das denn? Oliver Kahn ist der beste Torhüter der Welt, der hält alles, hat den unbändigen Willen und den Tunnelblick.“ Aber die Zeit hat diese Denkweise überholt. Nein: Das Spiel hat diese Denkweise überholt.

 Warum braucht ein Torhüter keinen Tunnelblick mehr?

 Weil er deinen Blick auf das ganze Spiel verhindert. Das ist wie bei Rewe an der Kasse, wenn du als Zehnter in der Reihe stehst. Siehst du, dass eine Verkäuferin kommt, um eine andere Kasse zu öffnen, kannst du sofort reagieren und bist als Erster dran. Rune Jarstein hat auch immer noch Spiele, wo er sich in einen Tunnel begibt und leider nicht merkt, dass er von der Vorgabe, die wir ihm gegeben hat, abgehen muss.

 Zum Beispiel?

 Gegen Gladbach haben wir ihm gesagt, dass Mathew Leckie seine Anspielstation für lange Bälle ist, weil der eine brutal gute Sprungkraft hat. Aber dann zieht Leckie in die Mitte und hat Vestergaard als Gegenspieler, einen Zwei-Meter-Mann. In solchen Momenten muss Rune aus dem Tunnel raus. Du musst das Spielgeschehen immer wieder neu bewerten. Mit Tunnelblick schaffst du das nicht. Mit Tunnelblick wirst du auch keine Mischung aus Spaß, Freude und Anspannung hinbekommen. Da bist du immer angespannt, so wie Oliver Kahn immer auf mich wirkte.

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