Tour de France : Warum die Topteams auf eine Doppelspitze setzen

Im Radsport galt lange die Regel: Es kann nur einen Kapitän geben. Doch bei der Tour de France sind viele Topteams nun mit zwei starken Fahrern dabei.

Wer ist hier der Boss? Im Team Ineos fahren Geraint Thomas (rechts) und Egan Bernal vorne mit.
Wer ist hier der Boss? Im Team Ineos fahren Geraint Thomas (rechts) und Egan Bernal vorne mit.Foto: REUTERS

Doppelt hält besser. Der alte Spruch erlebt Konjunktur bei der Tour de France. Gleich fünf Teams treten mit Co-Kapitänen für das Gesamtklassement an: Ineos, Movistar, Education First, Jumbo-Visma und Bora hansgrohe. Das ist ein Mentalitätswandel, galt doch im Radsport viele Jahre lang die Regel: Es kann nur einen Kapitän geben, für den alle anderen dann fahren. „Es ist immer besser, wenn man zwei Eisen im Feuer hat. Sollte einer mal stürzen oder einen schlechten Tag haben, ist immer noch einer mit vorn dabei“, sagt nun zum Beispiel Emanuel Buchmann, einer der beiden Kapitäne von Bora hansgrohe.

So sieht es auch Patrick Konrad. Beide empfinden sich nicht als Feinde, sondern als Partner. „Wir sind Rennfahrer, wir wollen gewinnen. Wir wissen aber auch, dass wir dabei Unterstützung brauchen. Und deshalb fährt man mal für den anderen“, sagt Konrad. „Man weiß aber auch, dass alles wieder zurückkommt.“ Glaubt man ihm, dann kommt Bora hansgrohe der Idealsituation des kollektiven Zusammenhalts ziemlich nahe. „Band of Brothers“, Brüderbande, hat sich das Team auch als Leitspruch auserkoren. Aktuell ist Buchmann im Gesamtklassement der besser platzierte Bruder. Er hielt auf der Planche des Belles Filles mit den Favoriten mit, kam nur sieben Sekunden hinter Titelverteidiger Geraint Thomas ins Ziel und hat insgesamt 33 Sekunden Rückstand auf den Waliser.

Konrad hingegen verlor auf dem Anstieg eine Minute auf Buchmann. Von der Co-Kapitän-Strategie will Bora deswegen aber noch nicht abrücken. „Der Rückstand eröffnet auch taktische Möglichkeiten für die zweite Woche“, sagt der sportliche Leiter Enrico Poitschke. Konrad wird bei einer Attacke vielleicht eher weggelassen, weil er einen größeren Rückstand hat. Das Co-Kapitän-Spiel bedeutet, mit einem Mann auf Angriff gehen, mit dem anderen konservativ fahren.

Das ist auch der Modus bei Movistar. Auf der sechsten Etappe konnte man bereits sehen, wie sich Weltmeister Alejandro Valverde als Tempomacher verausgabte und so den Antritt seines Teamkollegen Mikel Landa vorbereitete. Landa wurde dann zwar wieder eingefangen, aber Movistars Strategie – Valverde bereitet vor, Landa greift an und Mit-Kapitän Nairo Quintana wartet ab, was die Konkurrenz macht – dürfte sich in den Pyrenäen und den Alpen wiederholen. Vielleicht variieren die Rollen dann auch. Auf jeden Fall muss Movistar aggressiv fahren, denn im Teamzeitfahren verlor der Rennstall bereits 45 Sekunden auf Ineos. Aktuell liegt Quintana 52 Sekunden hinter Thomas, Landa sogar 54 Sekunden.

Das Sky-Nachfolgeteam hat zwar auch eine Doppelspitze. Es interpretiert dieses Spiel aber anders. „Unser Ziel ist es, stets als geschlossener Block anzukommen“, erklärt Teamchef Dave Brailsford. Das bedeutet nicht, dass der Block keine Risse haben kann. Im Finale der dritten Etappe ließ etwa Geraint Thomas eine Lücke klaffen, Teamkollege Egan Bernal kam fünf Sekunden vor ihm ins Ziel. Auf der sechsten Etappe löste sich dann Thomas aus dem Feld der Favoriten. Er holte neun Sekunden heraus – und machte klar, dass er der Co-Chef mit den größeren Ansprüchen ist. Thomas betont allerdings immer wieder, dass er in Bernal keinen Rivalen sehe.

Das Konzept mit zwei Leitwölfen birgt auch Risiken

Es wird spannend, wie Ineos das Verhältnis weiter organisiert. Teamchef Brailsford wies schon mal auf die Risiken von zwei Leitwölfen hin: „Es muss immer klar sein, für wen gearbeitet wird, nicht nur für die Leader selbst, sondern auch für das gesamte Team. Jeder muss wissen, wann auf wen gewartet werden soll.“

Die Doppelspitze eröffnet den Teams einerseits mehr Chancen, sie erfordert aber auch eine klare Kommunikation. Bei früheren Führungskonflikten erkaufte sich Brailsford die Loyalität des zweiten Mannes stets mit dem Versprechen, dass im nächsten Jahr für ihn gefahren werde. Das war 2012 bei Bradley Wiggins und Chris Froome so, und auch 2018, als der schwächelnde Froome sich überreden ließ, ganz für Thomas zu arbeiten.

Derzeit muss Brailsford diese Strategie noch nicht ausrufen. Thomas und Bernal sind auf dem gleichen Niveau und liegen im Klassement vor den meisten Kontrahenten. George Bennett, einer der Co-Chefs bei Jumbo-Visma, ist dank des Teamzeitfahrens noch vor dem Ineos-Duo. Und Thibaut Pinot setzte sich dank seiner bravourösen Attacke am Samstag auf der achten Etappe ebenfalls knapp vor Thomas und Bernal.

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